SPD-Streit: Gabriel bedauert Ordnungsruf ausgerechnet von Stegner

Von Beate Tenfelde

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) scheint trotz des Abgangs von Martin Schulz nicht auf ein Weitermachen hoffen zu können. Foto: dpaAußenminister Sigmar Gabriel (SPD) scheint trotz des Abgangs von Martin Schulz nicht auf ein Weitermachen hoffen zu können. Foto: dpa

Berlin. Das unappetitliche Geschacher in der SPD um Posten und Personen geht selbst dem Streitlustigsten unter den Genossen auf den Zwirn. Ausgerechnet SPD-Vize Ralf Stegner, sonst nie einer Auseinandersetzung abgeneigt, fordert Disziplin.

Der angekündigte Rückzug von Parteichef Martin Schulz von seinen Ämtern und die folgenden Personaldebatten nannte Stegner im ZDF eine „letzte Mahnung“. So könne es nicht weitergehen, sagte der Mann, der es wegen seiner nölig heruntergezogenen Mundwinkel zu einer gewissen Popularität gebracht hat. Es dürfe nicht mehr um Einzelinteressen gehen, die Disziplinlosigkeit müsse aufhören, mahnte der 58-Jährige. Es gelte, in der Partei über Inhalte zu streiten, es gehe um die Entscheidung, ob die Mitglieder dem Koalitionsvertrag zustimmen oder nicht.

Es dämmert wohl auch anderen Genossen, welche Schneise der moralischen Verwüstung sie derzeit schlagen. Der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) bedauert laut „Tagesspiegel“ inzwischen, bei seiner Kritik am scheidenden SPD-Chef die eigene Tochter ins Feld geführt zu haben. Der Funke Mediengruppe hatte Gabriel als Reaktion auf Schulz‘ beabsichtigten Wechsel ins Auswärtige Amt gesagt, die kleine Marie habe ihn mit den Worten getröstet: „Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“ Einfach nur „geschmacklos“ sei diese Beschreibung von Schulz – Gabriels Kritiker sind empört. In der SPD gibt es davon viele.

Hätte er doch geschwiegen, statt mal wieder loszuholzen. Für ihn wäre es besser gewesen. Fakt ist: Die SPD nimmt Gabriels Extratouren übel. Es sieht danach aus, als hätte sich der Niedersachse als Kandidat für das wieder frei gewordene Außenamt in der Partei unmöglich gemacht. Vor allem die künftige Parteichefin Andrea Nahles, die von 2009 bis 2013 als Generalsekretärin unter dem Parteivorsitzenden Gabriel diente, hat von dessen Vorstößen und Kehrtwenden die Nase voll. Sie aber ist – zusammen mit dem künftigen Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz – das Kraftzentrum der SPD.

Schulz dagegen ist ein Mann von gestern . In seiner Partei ist er unten durch, weil er den Mund zu voll nimmt und erpicht auf Posten ist. Die Genossen hätten es wissen können: Auch in Brüssel hat er seine Position als Parlamentspräsident zur Halbzeit erst nicht räumen wollen - obwohl es so ausgemacht war. Die Gefahr der Selbstüberschätzung ist in Brüssel seit jeher besonders hoch. Warum hat ausgerechnet EU-Politiker Schulz nichts daraus gelernt?