Genossen sortieren sich neu Andrea Nahles: Früher Chaotin jetzt Retterin der SPD

Von Beate Tenfelde

Die SPD stellt sich neu auf: <Parteichef Martin Schulz und Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Foto: imago/Emmanuele ContiniDie SPD stellt sich neu auf:

Berlin. Grundstürzende Veränderungen bei der SPD: Als erste Frau seit Parteigründung vor mehr als 150 Jahren übernimmt Andrea Nahles den Vorsitz der Partei. Der amtierende Chef Martin Schulz rettet sich ins Außenamt und verdrängt dort Sigmar Gabriel. Dem passt das überhaupt nicht: Er sagt reihenweise Termine ab.

Kurz nachdem Schulz seine Ambitionen offiziell bestätigte, ließ Noch-Außenminister Gabriel Termine canceln. Bei der Berliner Auftaktveranstaltung für die Münchner Sicherheitskonferenz ließ er sich von Staatsminister Michael Roth vertreten. Seinen für den 17. Februar geplanten Auftritt in München habe er ebenfalls abgesagt. Der scheidende SPD-Vorsitzende werde wahrscheinlich in dem für Gabriel vorgesehenen Zeitfenster sprechen, hieß es.

Das Signal ist eindeutig: Der Niedersachse, der als Deutschlands Chefdiplomat reüssierte, ist überhaupt nicht einverstanden mit den Ministerplänen von Schulz, der als Parteichef und einstiger Kanzlerkandidat ersten Zugriff hat. Gabriel hatte mehrfach erklärt, dass er in einer neuen Großen Koalition gerne Außenminister bleiben würde. Klappt die Regierungsbildung von Union und SPD, wäre er künftig nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter. Ihn ereilte dasselbe Schicksal wie den Grünen-Star Cem Özdemir, der sich plötzlich auf der Hinterbank wiederfand.

Es scheint, als käme auf die neue Parteichefin Nahles, die seit Kurzem die SPD-Bundestagsfraktion führt, gleich zu Beginn eine besondere Herausforderung zu: Sie muss die Alphamänner Gabriel und Schulz versöhnen. Die 47-Jährige galt schon länger als heimliche Parteivorsitzende. Wohin mit Martin? Nach diesem Motto haben – wie man hört – viele schon länger darüber nachgedacht, wie man einen harmonischen Wechsel inszeniert. Nun überlässt der glücklose Schulz ihr den Posten freiwillig, mehr noch: geradezu erleichtert.

Schulz erleichtert

Die Partei wünsche sich einen Vorsitzenden, der nicht der Regierung angehöre, erklärte Schulz. Und sie wünsche sich Erneuerung. Das sei für ihn „kaum noch zu leisten“, sagt Schulz bei einem gemeinsamen Auftritt mit Nahles im Willy-Brandt-Haus. Die 47-Jährige strahlte neben dem Mann, der gerade seinen Rückzug angekündigt hatte. Sie sei Schulz „persönlich dankbar“, dass der „Generationswechsel so freundschaftlich passiert“. Wie sehr die 47-Jährige sich auf ihr neues Amt freut, zeigte sie auch später in der ZDF-Sendung „Was nun, Frau Nahles?“. Sie empfinde die Aufgabe als Ehre.

Schon die Übernahme des Fraktionsvorsitzes kurz nach der Bundestagswahl war für die frühere Ministerin ein Karrieresprung. Mit ihrer energischen Rede beim Bonner Parteitag, bei der sie leidenschaftlich für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen warb, empfahl sie sich dann endgültig für höhere Aufgaben, genauer gesagt für die Rettung der SPD.

Die Mutter einer siebenjährigen Tochter gehört schon länger zu den Hoffnungsträgern in der SPD, doch sie muss noch an ihrem Auftritt arbeiten. Die resolute Politikerin irritiert zuweilen durch deftige Formulierungen. Nach ihrer Wahl zur Fraktionschefin drohte sie der damals erwarteten Jamaika-Koalition: „Ab morgen kriegen sie in die Fresse.“ Und beim Bonner Parteitag im Januar macht sie der Union klar, dass sie für die Neuauflage der „Groko“ einen hohen Preis werde zahlen müssen. „Bätschi – das wird ganz schön teuer.“ So kam es dann ja auch.

Karriere bei den Jusos

Nahles begann ihre Karriere bei den Jusos, denen sie von 1995 bis 1999 als Bundesvorsitzende vorstand. In diesem Amt erwarb sie sich schnell den Ruf einer geschickten Strippenzieherin, die radikal ihren Kurs durchzog. Sie war maßgeblich beteiligt am Sturz des SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping, der auf dem Mannheimer Parteitag 1995 von Oskar Lafontaine abgelöst wurde. Bei der Wahl 2002 verpasste sie den Wiedereinzug ins Parlament, aber 2005 kehrte die studierte Literaturwissenschaftlerin als Abgeordnete zurück und beförderte erneut den Sturz eines mächtigen Mannes. SPD-Chef Franz Müntefering wollte seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel als Generalsekretär installieren.

Die Maurerstochter aus der Eifel wagte sich als Gegenkandidatin in eine Kampfabstimmung und setzte sich durch, Müntefering zog sich daraufhin vom Parteivorsitz zurück. Heute bezeichnet es die resolute Politikerin als ihren größten Fehler, Müntefering „unbeabsichtigt“ gestürzt zu haben. Einflussreiche Genossen haben ihr offenbar verziehen. Niedersachsens Ministerpräsident und SPD-Chef Stephan Weil sprach im Zusammenhang mit der Personalie Nahles von einem „echten Beitrag zur Erneuerung der SPD, den ich gerne unterstütze“. Durch die Verbindung von Partei- und Fraktionsvorsitz entstehe ein sozialdemokratisches Kraftzentrum außerhalb der Bundesregierung.