Post-Merkel-Szenarien kursieren Hält die Kanzlerin vier Jahre durch?

Von Beate Tenfelde

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erlebt ein „verflixtes 13. Jahr“. Foto: AFPBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erlebt ein „verflixtes 13. Jahr“. Foto: AFP

Berlin. Schwieriger war die Bildung einer Regierung noch nie – Deutschland steckt in denselben Problemen wie zuvor schon Belgien und die Niederlande, wo es 541 bzw. 208 Tage für ein stabiles Bündnis brauchte. Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) muss größtmögliche Flexibilität aufbieten, um noch einmal die auseinanderstrebenden Kräfte zusammenzuführen. Mit Engelsgeduld schaut sie der SPD bei deren Selbstfindung und Nabelschau zu. Weil sie die Sozialdemokraten braucht - was diese weidlich nutztn.

Kann Merkel den Autoritätsverfall im verflixten 13. Jahr ihrer Amtszeit aufhalten? Post-Merkel-Szenarien machen die Runde. Schon heißt es, die Kanzlerin selbst baue die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer zur Nachfolgerin auf. Gut möglich, dass die Kanzlerin ihre erneute Kandidatur bei der Bundestagswahl im vergangenen September bereut. Es gibt einerseits eine Merkel-Müdigkeit ,andererseits fänden es 51 Prozent der Deutschen gut, wenn sie bliebe.

Im Wahlkampf stieß die 63-Jährige auf unerwartete Respektlosigkeit und Aggression. Der Protest gegen Merkels Flüchtlingspolitik steigerte sich im Spätsommer zum Wutgebrüll, rechtsextreme Störer mischten fast jede Veranstaltung der Kanzlerin auf. Parteiintern stellten Karrieristen wie Horst Seehofer, Alexander Dobrindt (CSU) oder Provokateure wie Jens Spahn (CDU) Merkels Gelassenheit auf die Probe. Jetzt werden sie sehen, was sie bei der Postenverteilung davon haben.

Hält die 63-Jährige die volle Amtszeit bis 2021 durch? Selbst getreue Gefolgsleute haben Zweifel. Merkel selbst hatte sich bei Bekanntgabe ihrer erneuten Kandidatur im November 2016 eindeutig darauf festgelegt, dass sie als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende volle vier Jahre im Amt bleiben will. Andererseits hatte sie vor Jahren in einem Interview einen vorzeitigen Rückzug nicht ausgeschlossen. Sie habe nicht vor, sich erst als „Wrack“ vom Wähler fortjagen zu lassen. Jetzt sieht es so aus, als habe sie den Zeitpunkt für einen selbstbestimmten Rückzug verpasst.

Länger als Kohl?

Beobachter sehen in ihrem Durchhaltewillen auch Ehrgeiz: Merkel ist Europas dienstälteste Regierungschefin. Nach ihrer Wiederwahl am 24. September 2017 hat sie die Chance, Deutschlands ersten Kanzler und CDU-Mitbegründer Konrad Adenauer einzuholen – und sogar mit dem Rekordhalter Helmut Kohl gleichzuziehen. Adenauer war 14 Jahre, Kohl 16 Jahre Kanzler. Merkel würde dies bei voller Amtszeit auch schaffen. Sie ginge dann als erste Frau und als erste Ostdeutsche im Kanzleramt in die Geschichte ein – und als die Kanzlerin mit der längsten Regierungszeit. Aber sind ihr solche Einträge wirklich wichtig?

Wer ihr derzeit begegnet, trifft eine zurückgenommene Frau. Journalisten bittet die 63-Jährige in ihrem Amtszimmer an einen großen Tisch, schenkt Kaffee oder Tee selbst in schlichte weiße KPM-Tassen ein. Möglichst schlicht, das ist ihre Botschaft. Es gibt keine große Bugwelle von Sicherheitskräften, wenn sie beispielsweise in den Wahlkreis kommt. Die „Jamaika“-Sondierer priesen sie als exzellente Zuhörerin – bevor FDP-Chef Christian Lindner den Gesprächsfaden abschnitt.

Doch die Christdemokratin kann auch anders. Die Pfarrerstochter aus der DDR und frühere Physikerin verfügt neben Machtwillen und intellektueller Kraft auch über die physische Robustheit, die es braucht, um sich an der Macht zu halten. Mit Spott und Aggression wird die 63-Jährige fertig. Aber ist sie auch in der Lage, Macht zu teilen? Ohne die Einbindung der Spahns und Klöckners dieser Welt wird es für sie nicht glücklich ausgehen.