Erinnerung an Mauerbau Linken-Geschäftsführer mahnt Partei zu Selbstkritik

Von Uwe Westdörp

Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag. Foto: Michael GründelJan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Auch mehr als 28 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer müssen die Linken sich nach Ansicht ihres Parlamentarischen Geschäftsführers Jan Korte weiter intensiv mit der eigenen Vergangenheit befassen.

Der Bundestagsabgeordnete sagte unserer Redaktion: „Wir sind und bleiben die Rechtsnachfolgerin der für den Mauerbau verantwortlichen SED, auch wenn wir aktuell im Westen jetzt schon mehr Mitglieder haben als im Osten. Deshalb muss die Linke sich weiter auseinandersetzen mit der Geschichte der DDR.“ Dies sei eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit. „Dieser Debatte müssen wir uns stellen, selbstbewusst, aber auch selbstkritisch“, sagte Korte. Die Lehre laute: „Der Zweck heiligt niemals die Mittel, nie wieder Sozialismus ohne demokratischen Rechtsstaat.“

Am Montag war die Mauer genauso lange Geschichte wie sie bestand: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Korte betonte: „So ein Jahrestag erinnert einen daran, dass ein System, das sich einmauern muss, scheitern wird. Man kann Mauern noch so hoch bauen, sie werden keinen Bestand haben.“

Fast 28 Jahre nach der deutschen Einheit sehen Fachleute kaum mehr eine Mauer in den Köpfen der Menschen. „Da wird viel herbeigeredet“, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, dem „General-Anzeiger“ in Bonn. „Die Gegensätze zwischen Ost und West werden teilweise künstlich aufgebauscht.“ Vor allem bei den jüngeren Menschen gebe es etwa am Arbeitsplatz oder in der Freizeit kaum Trennendes.

Die Forderung von Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) nach Schüleraustauschen zwischen Ost und West sieht Jahn indes skeptisch. Es schade zwar nie, wenn junge Menschen auf Reisen gingen. „Aber eine Trennung zwischen Ost und West gerade bei jenen, die diese gar nicht in ihren Köpfen haben, zu thematisieren, ist nicht hilfreich.“ Hilfreicher könne es sein, wenn Rentner in den Osten beziehungsweise Westen reisten.

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, das „hartnäckige Diktum“ von der Mauer in den Köpfen sei falsch. Thierse bilanziert: „Vieles schlägt auf der Haben-Seite zu Buche, vieles steht noch auf der Soll-Seite.“ Man sei „noch längst nicht am Ende des Weges, gesamtdeutsche Solidarität bleibt notwendig“. Heute sei „das innerdeutsche Thema“ eines von vielen geworden. (mit KNA)