Gastvorlesung in Düsseldorf Joachim Gauck: „Wohin Multikulturalismus führt, hat mich erschreckt“

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Joachim Gauck hat an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf seine Gastprofessur angetreten. In seiner Rede sinnierte er über Heimat und das Fremde. Foto: dpaJoachim Gauck hat an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf seine Gastprofessur angetreten. In seiner Rede sinnierte er über Heimat und das Fremde. Foto: dpa

Düsseldorf. Joachim Gauck hat an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf seine Gastprofessur angetreten. In seiner Rede sinnierte er über Heimat und das Fremde. Eine seiner Kernaussagen: Der Multikulturalismus nehme „erschreckende“ Formen an.

Joachim Gauck zieht immer noch ein großes Publikum an. Hunderte kamen am Mittwoch in den Konrad-Henkel-Hörsaal, um die erste Vorlesung des früheren Bundespräsidenten zu hören - die seither Furore macht.

Das Redemanuskript liegt unserer Redaktion vor. Mit dem Leitthema „Nachdenken über das Eigene und das Fremde“ tastete sich Gauck an das, wie er meint, schwierigste politische Problem der Gegenwart heran: Die Angst vor dem Fremden, die darin münden kann, dass Migranten ausgegrenzt und die eigene Ethnie überhöht werde. Dem müsse mit Bildung und Dialog entgegengewirkt werden, mahnte der frühere Pastor. „Gewaltfreie Veränderungen (...) setzen voraus, dass wir die Fremden ‚entfeinden‘ und das Eigene entidealisieren.“ Die Menschen müssten lernen, mit Ambivalenzen umzugehen.

Ausführlich befasste sich Gauck in seiner Rede mit dem Fremden, das sich nicht nur auf andere Kulturen beziehe. Dies belegte er mit soziologischen Erkenntnissen und einer Anekdote über seine Urenkelin, die ihm gegenüber gefremdelt habe.

Probleme nicht kleinreden

Nach dem theoretischen Unterbau widmete sich Gauck der gegenwärtigen Situation und fand eine deutliche Diagnose. Die Gesellschaft solle Probleme mit Migranten nicht ausblenden. Vielmehr kritisierte Gauck das Prinzip, dass Kulturen gleichberechtigt nebeneinander existieren und ein verbindlicher liberaler Wertekonsens abgelehnt werde. Dabei gehe es um die Ansichten, die „so vielen Menschen ein würdiges Leben ermöglicht haben wie keine Gesellschaftsform zuvor.“

Vielfalt habe lange Zeit als Wert an sich gegolten, sagte Gauck: „Wohin ein solcher Multikulturalismus aber tatsächlich geführt hat, das hat mich doch erschreckt.“ Er finde es „beschämend“, wenn die Augen verschlossen werden vor der Unterdrückung der Frau oder Antisemitismus in vielen islamischen Ländern. Oder wenn Islamkritiker direkt als Rassisten und Muslimhasser abgestempelt würden. Gauck fragte: „Sehe ich es richtig, dass in diesen und anderen Fällen die Rücksichtnahme auf die andere Kultur als wichtiger erachtet wird als die Wahrung von Grund- und Menschenrechten?“

Die Bevölkerung sollte sich Gauck zufolge nicht scheuen, die Werte der liberalen Demokratie zu verteidigen. Schulen, Politik sowie jeder Einzelne sei gefragt, Zugezogenen die Denkweisen der Mehrheitsbevölkerung näherzubringen. Wie das gelingen soll? Das beantwortete Gauck, wie schon oft in seiner Zeit als deutsches Staatsoberhaupt so: Statt Konflikte zu vermeiden, indem sich Einheimische und Migranten voneinander abgrenzen, sollten sie den Dialog miteinander suchen.

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Gastprofessor Joachim Gauck:

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck übernimmt die Heinrich-Heine-Gastprofessur 2018 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die Professur, die vor Joachim Gauck profilierte Politiker wie Helmut Schmidt oder Joschka Fischer angenommen haben, stehe für anregende Vorlesungen und einen offenen Dialog mit dem Publikum, schreibt die Universität. Joachim Gaucks erste Vorlesung war am 31. Januar 2018. Am 1. Februar bezog er bei einer von Ulrich Wickert moderierten Podiumsdiskussion zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen Stellung. Die zweite Vorlesung im Rahmen der Heine-Gastprofessur hält er am 18. April 2018. Alle Veranstaltungen sind öffentlich und kostenfrei.

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