Holocaust-Gedenken im Bundestag Im Mädchenorchester von Auschwitz um das Leben gespielt

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In einer bewegenden Rede vor dem Bundestag hat die Holocaust-Ueberlebende Anita Lasker-Wallfisch (Foto) dazu aufgefordert, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus wachzuhalten. Foto: dpaIn einer bewegenden Rede vor dem Bundestag hat die Holocaust-Ueberlebende Anita Lasker-Wallfisch (Foto) dazu aufgefordert, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus wachzuhalten. Foto: dpa

Berlin. Gedenken an die Judenverfolgung im Bundestag – mit der 92-jährigen Anita Lasker-Wallfisch, die den Gaskammern in Auschwitz entkam, weil sie Cello spielen konnte. Und mit einem unerwarteten Geschenk für die in der ersten Reihe sitzende Kanzlerin: Die Holocaust-Überlebende dankt in ihrer Ansprache Deutschland für die Öffnung der Grenzen.

Sie selbst war schon als Kind Opfer der systematischen Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. „Für uns haben sich die Grenzen hermetisch geschlossen“, schildert Anita Lasker-Wallfisch gestern in Berlin vor dem voll besetzten Parlament ihre ausweglose Lage. „Heute sind andere Zeiten“, erklärt die zarte alte Dame mit erstaunlich fester Stimme. In einer Welt voller Flüchtlinge hätten die Deutschen 2015 die Grenzen geöffnet.

„Es war eine unglaublich generöse und mutige Geste, die hier gemacht wurde“, sagt die Jüdin, die im Auschwitzer Mädchenorchester um ihr Leben spielte. Beifall rauscht auf im Bundestag. Angela Merkel, wegen dieser Grenzöffnung unter Druck geraten, klatscht mit. Bei der AfD rührt sich keine Hand.

Anita Lasker-Wallfisch hat nach eigenem Bekunden ihr Überleben „Zufällen“ zu verdanken. Sie habe im bildungsbeflissenen deutsch-jüdischen Elternhaus in Breslau Cello spielen gelernt. Und genau diese Kunst war gefragt in der „Hölle des Vernichtungslagers“, in die sie im Dezember 1943 mit 17 Jahren geriet. Sie kam ins „Mädchenorchester“. Dessen Aufgabe war es, am Eingang zum Lager Auschwitz-Birkenau Musik zu machen: wenn die Transporte für die Gaskammern eintrafen oder wenn die Lagerinsassen zur Arbeit in die umliegenden Fabriken geschickt wurden.

„Jeden Morgen sind Tausende von Menschen ausmarschiert in diese verschiedenen Fabriken, und wir haben gesessen und haben Märsche gespielt. Und am Abend wieder das Gleiche: Wir sind ans Tor gegangen mit den Stühlen und den Notenständern und haben wieder gespielt“, schildert die alte Dame. „Wir haben den ganzen Tag geprobt und gespielt und dabei direkt auf die Rampe von Auschwitz geschaut.“

Hass ist Gift

Ein Jahr lang musste Anita Lasker im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bleiben. Dann wurde sie im Viehwaggon nach Bergen-Belsen gebracht, wo sie im Alter von 19 Jahren im April 1945 von britischen Soldaten befreit wurde. „In Auschwitz hat man die Menschen auf raffinierteste Weise ermordet, in Bergen-Belsen ist man einfach krepiert“, stellt Lasker-Wallfisch emotionslos fest.

Ihr sei danach alles Deutsche verhasst gewesen, sagt die Musikerin, die nach England auswanderte und in London das English Chamber Orchestra mitbegründete. Sie habe sich geschworen, nie wieder zurückzukehren, sich aber anders besonnen. „Hass ist ganz einfach ein Gift. Und letzten Endes vergiftet man sich selbst.“

73 Jahre nach der Befreiung kommt sie mit der Bitte nach Deutschland, die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten. Schuldgefühle seien fehl am Platz. Aber es müsse in Deutschland eine Sicherheit geben, „dass so etwas nie wieder geschehen kann“. Sie könne es der Jugend nicht verübeln, sich nicht damit identifizieren zu wollen, sagt die 92-Jährige in der Gedenkstunde. Die Generation der Täter gebe es nicht mehr. „Aber leugnen, dass auch das zur deutschen Vergangenheit gehört, darf nicht sein.“

„Antisemitismus ist ein 2000 Jahre alter Virus“, warnt die alte Dame. Heute richte sich „der Hass oft nicht mehr gegen die Juden, sondern gegen die Israelis“. Es sei ein „Skandal“, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht werden müssten.

Schäuble mahnt

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble warnt in seiner Eröffnungsrede vor Ausgrenzungstendenzen im heutigen Deutschland. Es gebe Anlass zur „Selbstbeunruhigung“, sagt Schäuble und verweist auf Verrohung im Internet, Anfeindungen gegen Muslime und den Anstieg bei Taten aus Hass, unter anderem auf Flüchtlinge. Jeden Tag würden in Deutschland Menschen angegriffen, weil sie anders aussähen. Er verurteilt zudem antisemitische Angriffe, die insbesondere in Deutschland „unerträglich“ seien. Auch die Verbrennung israelischer Fahnen sei „inakzeptabel“.

„Wie zerbrechlich die Freiheit, wie fragil die zivile Gesellschaft ist“ – für Schäuble ist das eine Lehre aus der NS-Zeit. „Hetze und Gewalt dürfen in unserer Gesellschaft keinen Raum haben“, mahnt der 75-Jährige. Da klatschen auch die 92 Abgeordneten der AfD. Sie sei „angerührt“, sagt Fraktionschefin Alice Weidel unserer Redaktion nach der Gedenkstunde. Welch ein Gegensatz zu ihrem aggressiven Tweet gegen „marodierende Migrantenmobs“.


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