Von Kükentöten über Mindesthaltbarkeit bis zu Schulfächern Die Versprechen der Grünen Woche und was aus ihnen wurde

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Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auf der „Grünen Woche“. Foto: dpaBundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auf der „Grünen Woche“. Foto: dpa

Osnabrück. Die Grüne Woche ist auch immer die Messe der großen Agrar- und Lebensmittelversprechen der Politik. Doch was ist aus den Verheißungen der vergangenen Jahre geworden?

Eine Bilanz fällt ernüchternd aus. Wenig bis gar nichts wurde tatsächlich so umgesetzt, wie es im Umfeld der Messe angekündigt worden war. Bestes Beispiel ist das vergangene Jahr. Als „wichtige Wegmarken für das Tierwohl“ bezeichnete Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) das, was er im Frühjahr 2017 in den Messehallen präsentierte: ein Logo für das geplante freiwilligestaatliche Tierwohllabel sowie eine Demonstrations-Maschine zur Geschlechtsbestimmung im Ei. In die Praxis haben es beide Projekte bislang nicht geschafft.

Tierwohllabel: Auf Nachfrage heißt es etwas kryptisch im Ministerium zum Verbleib des Labels: „Das Bundeslandwirtschaftsministerium bereitet die notwendigen Rechtssetzungsmaßnahmen vor, sodass eine neue Bundesregierung das Projekt unverzüglich umsetzen kann.“ (Weiterlesen: Tierwohl-Kennzeichnungen für Fleisch sollen ausgebaut werden)

Kükentöten: Unterdessen werden in der Eierproduktion weiterhin jeden Tag die männlichen Küken der Legehennen-Linien getötet, weil sie weder Eier legen noch schnell genug Fleisch ansetzen. Die Regierung will das beenden und fördert zwei Projekte, die das Geschlecht der Küken bereits kurz nach der Befruchtung im Ei erkennen wollen. Die Argumentation des Ministeriums: Sobald eine solche Alternative verfügbar ist, „gibt es rechtlich gesehen keinen vernünftigen Grund mehr für das Töten der Küken.“ Wann die Technik in der Praxis eingesetzt wird, bleibt offen. (Weiterlesen: Kükentöten: Der wunde Punkt der neuen Technik)

Iran-Exporte: Als Russland im Zuge der Krim-Krise einen Exportbann über Lebensmittel aus Europa verhängte, purzelten hierzulande die Erzeugerpreise für Äpfel oder Milch. Als eine der heißen Alternativen zu Russland wurde auf der „Grünen Woche“ 2016 der Iran gehandelt, nachdem zuvor Sanktionen aufgehoben worden waren. Entsprechende diplomatische Verbindungen wurden geknüpft. Agrarminister Schmidt traf seinen Amtskollegen. Aus dem Ministerium heißt es zum weiteren Verlauf: Bilaterale Kontakte seien „verstetigt und sukzessive ausgebaut“ und zwei gemeinsame Absichtserklärungen geleistet worden. Was hat es gebracht? Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zeigen: Die Exporte von Milchprodukten in den Iran sind von 2015 auf 2016 auf geringem Niveau gestiegen, liegen noch weit hinter den Werten aus Vorjahren. (Weiterlesen: Deutschland will Lebensmittelbotschafter in Iran entsenden)

Schulfach Ernährung: Zumindest in einem Punkt sind sich Nahrungsproduzenten und ihre Kritiker einig: Lebensmittel brauchen eine höhere Wertschätzung. 2016 forderte Bundesminister Schmidt ein Schulfach Ernährung. Bislang steht das aber in keinem Lehrplan. Das Ministerium verschiebt auf Anfrage den Fokus: „Schulverpflegung ist auch eine Möglichkeit zur praxisbezogenen Ernährungsbildung.“ Um diesen Bereich „noch intensiver“ zu bearbeiten seien unter anderem das „Nationale Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule“ sowie das Bundesamt für Ernährung gegründet worden. Zudem stünden Unterrichtsmaterialien und –konzepte für Lehrer zur Verfügung. (Weiterlesen: Rede des Bundesministers zur Eröffnung der Grünen Woche 2016)

Lebensmittelverschwendung: Ein Dauerbrenner der „Grünen Woche“ ist das Thema Lebensmittelverschwendung. Seit fast einem Jahrzehnt werden Bundesagrarminister nicht müde, das Wegwerfen eigentlich noch genießbarer Nahrung anzuprangern. 2012 startete die damalige Agrarministerin Ilse Aigner (CSU)die Aktion „Zu gut für die Tonne“. Eine Studie hatte ergeben, dass jeder Deutsche 82 Kilogramm an Lebensmittel im Jahr wegwirft – zwei volle Einkaufswagen. Um wie viel Kilogramm die Verschwendung seitdem zurückgegangen ist, kann das Ministerium heute zwar nicht beziffern, ist aber doch sicher: „Mit der Initiative ist es uns in den letzten Jahren gelungen, die Menschen für mehr Wertschätzung der Lebensmittel zu sensibilisieren […].“ Erst kürzlich habe eine Befragung im Auftrag der Behörde ergeben: 85,5 Prozent der Bürger bejahen, dass Verbraucher für einen Großteil des Lebensmittelabfalls verantwortlich seien. (Weiterlesen: Aigner: Die Welternährung kann uns nicht kalt lassen)

Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): Immer wieder kommt in diesem Zusammenhang die Forderung nach einer Reform des MHD. Entweder weil allein sein Name verwirrend oder es bei manchen Produkten wie etwa Mehl unsinnig sei. Geändert hat sich an dem Aufdruck bislang nichts. Aus Berlin heißt es: Auf deutsche Initiative hin werde derzeit durch die Europäische Union geprüft, ob lang haltbare Produkte wie eben Mehl weiterhin ein MHD-Stempel tragen müssen. Ausgang offen. (Weiterlesen: Aigner: Mindesthaltbarkeitsdatum kein Wegwerfdatum)

Und dieses Jahr? Hielt sich die Bundespolitik mit Ankündigungen spürbar zurück – wohl wegen der ungeklärten Regierungsfrage in Berlin.


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