Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung Experten bemängeln Ausbildungs- und Studierfähigkeit von Jugendlichen in der Region

Von Eva Voß | 11.04.2016, 18:43 Uhr

In einer Studie beklagt die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung die mangelnde Ausbildungs- und Studierfähigkeit von vielen Schulabgängern in Deutschland. Wie ist die Lage in der Region?

Seit einiger Zeit ist für die meisten Eltern das Gymnasium die bevorzugte Schulform. Das zeigt sich bereits an den Schulabgängern: Mehr als die Hälfte von ihnen, nämlich 53 Prozent, verlassen die Schule mit einer Studienberechtigung. Zudem werden auch die Notendurchschnitte der Absolventen immer besser.

Bessere Noten – Schlechtere Bildung

Was sich zunächst positiv anhört, täuscht nach Ansicht der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) allerdings darüber hinweg, dass immer mehr junge Menschen „zu Beginn einer Berufsqualifikation in Unternehmen oder Hörsälen mit fehlenden Grundlagenkompetenzen hinsichtlich Sprache und Mathematik zu kämpfen haben“. In ihrer Studie „Studierfähigkeit und Ausbildungsfähigkeit“ weist die KAS zudem daraufhin, dass, immer mehr Betriebe und Universitäten gezwungen seien, die schulischen Grundlagen ihrer Auszubildenden und Studenten nachzubessern. Wo das nicht gelinge, werde Ausbildung oder Studium abgebrochen.

Das belegen Zahlen: Etwa jeder vierte Bachelorstudent schließt sein Studium nach Berechnungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung nicht ab. Bei den Auszubildenden sieht es nicht besser aus: Auch hier brechen nach Angaben des Berufsbildungsberichts der Bundesregierung 25 Prozent ihre Ausbildung ab. Wie die Bildungsexperten weiter schreiben, hätten die jungen Studenten und Auszubildenden vor allem Probleme in Hinblick auf sichere Beherrschung von Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik-, Ausdrucks- und Textverständnisfähigkeit sowie um mathematisch-naturwissenschaftliches Grundlagenwissen.

Mangel an sozialen Kompetenzen

„In den Umfragen unserer IHK bemängeln die Betriebe in den vergangenen Jahren immer häufiger eine fehlende Leistungsbereitschaft und Disziplin sowie eine zu geringe Belastbarkeit der Azubis“, sagt Hans-Jürgen Falkenstein, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Zudem mangele es vielen Auszubildenden nicht nur an den nötigen Grundlagen im Rechnen und Schreiben, „sondern zunehmend auch an sozialen Kompetenzen“. Gleichzeitig räumt Falkenstein aber ein, dass die Anforderung an viele Berufe gestiegen sei. Die Betriebe würden deshalb auch eigene Unterstützungsmaßnahmen wie etwa Nachhilfe anbieten. Er fordert von Schulen, Lese- und Rechtschreibkompetenz sowie mathematische Fähigkeiten verstärkt zu fördern und wünscht sicheine rechtzeitige und effiziente Berufsorientierung.

Auch Andreas Lehr, Sprecher der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, kann die Ergebnisse der Studie bestätigen: „Das ist keine neue Entwicklung. Wir bemängeln die Ausbildungsfähigkeit vieler junger Absolventen schon seit Jahren.“ Der Bruch zwischen Schul- und Arbeitswelt sei für viele Azubis schwierig: „Die haben am ersten Tag morgens um 6 Uhr auf der Baustelle einen regelrechten Kulturschock“, sagt Lehr. Allerdings habe sich die Situation durch verstärkte Berufsorientierung bereits verbessert. In Studienabbrechern sieht Lehr darüber hinaus auch Chancen: „Wir können sie im Handwerk sehr gut gebrauchen.“ Er sieht es kritisch, dass viele Jugendliche auf das Gymnasium gedrängt werden, obwohl ihre Fähigkeiten dem nicht entsprechen. „Karriere kann man auch im Handwerk machen“, ist er überzeugt.

Versetzung trotz Wissenslücken

Alexander Schmehmann, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Hochschule Osnabrück hat ebenfalls festgestellt, dass nicht mehr alle Studenten, die für ein Studium nötigen Fähigkeiten mitbringen: „Wir haben zwar weiterhin viele gute Studienanfänger, doch wir beobachten insgesamt, dass es vielen beim Studienstart an Analysevermögen und Beharrlichkeit mangelt.“ Er kritisiert, dass heute viele Schüler in die nächste Klasse versetzt werden, obwohl sie Wissenslücken hätten. Er fordert, die „Basiskompetenzen wie Deutsch und Mathematik stärker in den Fokus zu nehmen“. Die sehr unterschiedlich vorhandenen Kenntnisse in Mathematik und Deutsch könne die Hochschule nicht immer ausgleichen. Obschon es in allen Studiengängen Brücken- und Vorkurse gebe, die den Studienanfängern vor Beginn helfen, ihre Wissenslücken aufzufüllen. In Mentoring-Programm stehen darüber hinaus Studierende höherer Semester als Ansprechpartner zur Verfügung und geben Lern- und Motivationstipps. „Außerdem bieten wir allen Studierenden mit unserem hochschuleigenen LearningCenter überfachliche Kurse an, wie Kommunikationsworkshop oder Seminare zu Lernstrategien und zum wissenschaftlichen Arbeiten“, erklärt Schmehmann. Zudem gebe es in den Studiengängen Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik, Medieninformatik und Maschinenbau die sogenannte „flexible Studieneingangsphase“: „Studierende mit schwächeren Eingangsvoraussetzungen können die Module der ersten zwei Semester auf drei strecken“, sagt der Vizepräsident

„Kultur des Durchwinkens“

Die mangelnde Studier- und Ausbildungsfähigkeit erklären die Verfasser der Studie unter anderem damit, dass die Standards an deutschen Gymnasien in den vergangenen Jahren stark abgesunken sind. „Während der Lehrer früher in den Leistungskursen Mathematik und Deutsch mit einschlägig begabten Schülern arbeitete, die von ihm eine optimale Vorbereitung auf das Universitätsstudium erhielten, muss er sich heute an den Schwächeren orientieren“, schreiben die Autoren der Studie. Hinzukomme, dass zunehmend weniger Wert auf Fachunterricht gelegt werde und der „kompetenzorientierte Unterricht“ in den Vordergrund rücke. So habe sich seit einiger Zeit eine „Kultur des Durchwinkens“ etabliert, die keine Rücksicht auf tatsächlich erworbene Kenntnisse der Absolventen nimmt. Mit diesen Folgen würden dann die Betriebe beim Eintritt der jungen Menschen ins Erwerbsleben konfrontiert.

„Teilweise kommen viele Kinder zu einem Abitur, die das früher nicht geschafft hätten“, räumt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes im Gespräch mit der Zeitung „Die Welt“ ein. In vielen Bundesländern sei der politische Druck auf die Schulen hoch, gute Notendurchschnitte und niedrige Durchfallquoten zu erzielen.

Die Verfasser der KAS-Studie fordern, dass Lehrer an allgemein-bildenden Schulen bei der Hinführung zu Leistung wieder vermehrt zu stärken. Denn die Absenkung des Leistungsniveaus und damit einhergehend beschönigende Benotung von Schülern, entstehe häufig auf Druck von Eltern und Politik.