Ruhrgebiet mit roter Laterne Studie: 19 Regionen droht eine Abwärtsspirale

Von Beate Tenfelde | 08.08.2019, 16:39 Uhr

Die gute Nachricht vorweg: In Deutschland gibt es keine tiefen Spaltungen zwischen städtischen Eliten und einer abgehängten Provinz. Aber das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht dennoch „akuten Handlungsbedarf“. Wo genau, legt die Studie „Ohne Netz, Geld und junge Menschen“ offen.

Wo läuft es wirtschaftlich schlecht? Die Wissenschaftler sehen in 19 von insgesamt 96 Gebieten diesen "akuten Handlungsbedarf“. Das Bild ist uneinheitlich: Bei den 19 Problemzonen handelt es sich um ländlich geprägte und dünn besiedelte Landstriche, aber auch um dicht besiedelte, frühere Industriereviere. Unter den 19 sind elf in den ostdeutschen Bundesländern, vier in Nordrhein-Westfalen entlang der Ruhr sowie der Bereich Bremerhaven, das Saarland, Schleswig-Holstein Ost und die Westpfalz.

Wer hat die rote Laterne? Mit Blick auf die Wirtschaft liegen die Schlusslichter demnach in Westdeutschland: Besonders düster sieht es in Duisburg-Essen, Emscher-Lippe und Bremerhaven aus. In den beiden Ruhrgebiets-Regionen hat laut IW der Strukturwandel nicht funktioniert. Die Arbeitslosenquote habe dort 2017 noch bei zehn Prozent gelegen. In Bremerhaven falle vor allem die hohe Verschuldung der privaten Haushalte und mangelnde Kaufkraft ins Gewicht. Dies gelte auch für Ostholstein.

Wo sterben Regionen aus? Die Studienautoren sehen bei der demografischen Entwicklung in den Regionen Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, Lausitz-Spreewald, Oberlausitz-Niederschlesien sowie Ost- und Südthüringen Probleme. Das hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung sei in den vergangenen Jahren auch noch überproportional gestiegen .

Ohne Geld und ohne Anbindung: Infrastruktur-Probleme gibt es der Studie zufolge deutschlandweit: Die drei westdeutschen Regionen Emscher-Lippe, Trier und Westpfalz plagen demnach besonders hohe Verschuldungsquoten und haben damit nur eingeschränkten Gestaltungsspielraum. In den ostdeutschen Regionen Altmark, Magdeburg und Halle/Saale ist die digitale Infrastruktur noch wenig entwickelt. Der Standard 5G für mobiles Internet und Mobiltelefonie sollte eine Selbstverständlichkeit sein, meinen die Autoren.

Was ist zu tun? Die betroffenen Länder sollten Schuldenerlasse für die Kommunen in Betracht ziehen, damit diese wieder handlungsfähig werden, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Zudem müssten Schiene und auch das Breitbandinternet ausgebaut werden."Eine kluge Regionalpolitik sollte den Kommunen die Möglichkeit geben, sich selbst zu helfen", erklärte auch Studienmitautor Jens Südekum von der Universität Düsseldorf. . Er warnte vor gesellschaftlichen Spannungen. Marode Schulen und Straßen erzeugten bei der Bevölkerung das "Gefühl einer Geringschätzung".

Gibt es weitere Stellschrauben? Die Wissenschaftler plädieren dafür, bürgerschaftliches Engagement besser zu fördern und Bildungsangebote zu verbessern. Die Regionalpolitik müsse jetzt dringend gegensteuern, sonst würden die gesellschaftlichen Spannungen zunehmen und es könne zu "gefährlichen Abwärtsspiralen" kommen, warnten die Forscher.

Kritik an „immobilen“ Bürgern: In Deutschland sei die Umzugsbereitschaft der Menschen sehr gering, stellen die Autoren der die Studie fest. Mehr als die Hälfte aller Bürger lebten dauerhaft in der Nähe ihres jeweiligen Geburtsorts. Diese Immobilität wirke sich unmittelbar auf die Lebenszufriedenheit aus, unter anderem weil die Betroffenen zum Job pendeln müssten.