Der neue Christian Lindner Turnschuhe, Bart und Zeit für Jagd oder Uhrenbau

Von Beate Tenfelde | 29.07.2019, 16:33 Uhr

Christian Lindner galt parteiintern lange als unverwundbar: Als habe er wie Sagenheld Siegfried in Drachenblut gebadet, perlte Kritik am „Retter der Liberalen“ stets ab. Doch auch der FDP-Vorsitzende hat eine Schwachstelle, in die jetzt die Jungen Liberalen hineinstoßen.

Der Parteinachwuchs kritisiert die abgehobene Bemerkung Lindners in Richtung der protestierenden Schüler von „Fridays for Future“, wonach Klimaschutz „was für Profis“ sei. Das wiegt schwer, denn sonst kam Kritik fast ausschließlich von einem Liberalen, der seine Karriere schon lange hinter sich hat. „Undeutlich, lebensfremd und kühl“ sei die FDP geworden, so Gerhart Baum, 86 Jahre alt, Bundesinnenminister von 1978 bis 1982. „Das Urteil von Herrn Baum kennen wir schon länger“, spottete Lindner jüngst im ARD-Sommerinterview: „Er vertritt diese Meinung seit fast 40 Jahren.“

Dass sich außer Baum kaum jemand mit Kritik an Lindners Kurs vorwagte, machte es für den Parteichef einfach, die Wortmeldungen als gestrig abzutun. Jetzt aber kartet der Nachwuchs schonungslos nach, auch weil die FDP bei der Europawahl nicht aus der gefährlichen Fünf-Prozent-Zone herauskam. „Dem Anspruch einer empathischen Zukunftspartei sind die Freien Demokraten im Europawahlkampf 2019 nicht gerecht geworden“, heißt es in einem Papier, das der Juli-Vorstand jetzt beschloss.

Der Höhenflug der anderen

Fakt ist: Im Januar hatte Christian Lindner noch falsche Erwartungen geweckt. Nachdem die FDP 2017 mit 10,7 Prozent wieder in den Bundestag eingezogen war, "wäre es doch gelacht", wenn es nicht gelänge, auf zehn Prozent bei der Europawahl zu kommen, meinte er. Die Liberalen erreichten aber nur etwas mehr als fünf Prozent, wobei sie in Ostdeutschland deutlich schlechter abschnitten als im Westen. Bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg könnte also ein Debakel drohen.

Auch im Bund läuft es nicht optimal für die Liberalen: In Umfragen liegen sie lange schon zwischen sieben und neun Prozent. Das sei erfreulich „stabil“, heißt es aus der Partei. Bitter ist aber: Die Grünen hatten bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren 8,9 Prozent erzielt und stehen heute zwischen 22 und 26 Prozent. Noch bitterer: Die Grünen zeigen auch bei der Mitgliederentwicklung, was ein Höhenflug ist. Während andere Parteien schrumpfen, konnten die Grünen die Zahl ihrer Mitglieder laut Statistik des Parteienforschers Oskar Niedermayer seit 1990 um 82 Prozent steigern: Ende vergangenen Jahres waren es 75 311. Die FDP büßte laut derselben Studie im gleichen Zeitraum 62 Prozent ihrer Mitglieder ein und lag Ende 2018 bei 63 912.

Das alles scheint nicht spurlos vorbei zu gehen an dem 40-Jährigen Lindner. Die FDP werde aufarbeiten und analysieren, "wo ich Dinge falsch eingeschätzt habe", sagt er jetzt in Interviews. Fakt ist: Das Thema Klimaschutz hat die FDP unterschätzt. Es war laut Analysen das Top-Thema für die Wahlberechtigten bei der Europawahl. Und gerade hier hat Lindner die „Fridays for Future“-Bewegung hochfahrend abgefertigt – nun räumt er diesen Fehler mehr oder weniger deutlich ein.

Schwäche für Uhren und Autos

Lindner, der es in jahrelangem Rund-um-die Uhr-Einsatz schaffte, die 2013 aus dem Bundestag herauskatapultierte FDP wieder in das Parlament zu bringen, würde inzwischen gern die Lasten der Parteiarbeit verteilen. Aber einer, der dem direkten Führungszirkel angehört, sieht da ein großes Hindernis. "Wenn die zweite Reihe nicht aktiv wird, dann bleibt der Erfolg aus", greift er Vorständler wie Hamburgs FDP-Chefin Katja Suding an. Tatsächlich sind vor allem Lindner und sein Vize Wolfgang Kubicki öffentlich präsent.

Lindners Wunsch, mehr Zeit für Privates zu haben, ist offenkundig. Er liebt die Jagd und hat ein Faible für den Mechanismus von Uhren. Zum 40. Geburtstag hat die FDP ihm einen Uhrmacher-Lehrgang geschenkt. Der Freund schneller Autos hat sich auch äußerlich verändert, seit er mit der Journalistin Franka Lehfeldt zusammen ist. Drei-Tage-Bart, Turnschuhe zum Anzug, manchmal sogar in rosa, das sind äußere Zeichen, dass er aus dem Geschäftsdress und damit aus Zwängen öfter mal heraus will. Nur, wie soll das gehen? Er scheint zwar nicht mehr unangreifbar, aber immer noch unersetzbar zu sein.