„Wer wird Millionär“-Gewinner im Interview Leon Windscheid: Mit Jauch würde ich ins Dschungelcamp gehen

Von Christian Lang, Christian Lang | 25.06.2016, 09:05 Uhr

Leon Windscheid hat im vergangenen Jahr bei „Wer wird Millionär?“ die Millionenfrage geknackt. Im Interview spricht der Münsteraner über gesellschaftliche Verantwortung, seine Sympathie für Angela Merkel, die Wichtigkeit von Romantik und die Chance, ihn bald im Dschungelcamp zu sehen.

 „Hallo, Leon, ich bin zurzeit knapp bei Kasse, könntest du mir mit etwas Kohle aushelfen?“ Wie häufig haben Sie diesen Satz in den letzten Monaten gehört?

Von Freunden eigentlich gar nicht. Wenn, dann eher von Fremden. Und dann per E-Mail oder Brief, telefonisch eigentlich nicht.

 Wie reagieren Sie auf solche Bitten?

Ich habe am Anfang den Fehler gemacht, tatsächlich dann reinzugucken – einfach interessehalber. Das Krasseste, was ich gelesen habe, war eine Mail von jemanden, der sich nicht wirklich viel Mühe gegeben hat, sondern so frei heraus sagte, er wäre von seiner Lebensversicherung betrogen worden – und seit einem halben Jahr auf der Suche nach 250000 Euro. Anbei hinterließ er seine Kontodaten mit der Bitte um schnelle Überweisung. Seitdem lese ich alle Sachen, die ungefähr in diese Richtung gehen, gar nicht erst.

 Ihr Schiff, die MS Günther, soll auch für gemeinnützige Initiativen eingesetzt werden, außerdem waren Sie in Katar, um über die Arbeitsbedingungen im Vorfeld der WM 2022 zu berichten. Im Studium haben Sie mit ein paar Kommilitonen einen Verein gegründet, der kostenlose Nachhilfe für Schüler anbietet. Warum liegen Ihnen solche sozialen Projekte am Herzen?

Ich denke, wenn man plötzlich viel Geld hat oder als Unternehmer aktiv ist, muss man immer auch Verantwortung übernehmen. Im Grunde genommen ist für mich klar, dass Unternehmertum mit gesellschaftlicher Verantwortung einhergeht. Das ist nicht voneinander zu trennen. Es ist wichtig, dass man sich dieser Verantwortung nicht entzieht und einfach sagt: „Nein ich mache gar nichts, ich sitze hier mit meinem Geld im Elfenbeinturm.“ Meine Eltern hatten beide einen Job, in meinem Umfeld ist nichts Schlimmes passiert. Wenn man dann ganz normal zur Schule geht, dann muss man sich immer mal wieder vor Augen halten, dass es in anderen Teilen der Erde Menschen gibt, die nicht so viele Möglichkeiten haben. Als Psychologe weiß ich zudem, dass es jedem auch etwas gibt, wenn man anderen hilft. Ich finde es sehr wichtig, zu sehen, dass man etwas bewegen kann.

 Gab es dafür einen Schlüsselmoment in den vergangenen Jahren, der Sie besonders berührt hat?

Als ich letztes Jahr mit meinem Freund und Reporter Tim Röhn von der „Welt am Sonntag“ in Katar gewesen bin, habe ich eine ganz andere Welt kennengelernt. Vor allem den Kontrast zwischen dem, was die Autoritäten dort für die Fußball-WM vorgaukeln, und dem, was da wirklich passiert. Was wir im Endeffekt vorgefunden haben, war moderne Sklaverei. Ich kann das gar nicht anders sagen. Zum Schluss wurde es richtig knapp für uns, weil wir eingereist sind ohne journalistisches Visum und viel undercover gearbeitet haben. Wir waren in den Arbeiterlagern, wo dann plötzlich die Offiziellen ankamen und uns festhalten wollten. Wir wussten von befreundeten Journalisten, dass man in Katar gerne ein Jahr bis zum ersten Prozess erst mal ins Gefängnis kommt. Als wir uns dann mit einem kleinen Trick befreit hatten und im Auto saßen und weggefahren sind, so schnell es ging zum Flughafen, um in die Türkei zu fliegen, war das schon eine ziemlich krasse Erfahrung. Ich stolpere in den letzten Jahren von einem Abenteuer ins nächste. (Weiterlesen: Leon Windscheids Millionenfrage: Hätten Sie es gewusst?)

 Wenn man Ihre verschiedenen Projekte und Ihren Gewinn bei „Wer wird Millionär“ betrachtet, könnte man den Eindruck bekommen, dass Ihnen fast alles gelingt. Kennen Sie auch das Gefühl, zu scheitern?

Wenn man jetzt die Situation von außen betrachtet, nimmt man wohl eher die extremen Dinge wahr, wie den Millionen-Gewinn und die MS Günther. Das ist natürlich aber nur der das, was jeder nach außen mitbekommt. Ich bin ein ganz normaler Student und koche auch nur mit Wasser. Und natürlich kenne ich mich mit Rückschlägen aus. Wenn man sich mal überlegt, wie viele verschiedene Projekte und Unternehmungen ich schon angestoßen habe, die ich dann wieder eintüten musste, dann merke ich, dass man immer wieder aufstehen und weitermarschieren muss. Dann klappt es nach sehr vielen Versuchen irgendwann und ein Projekt hat Erfolg. (Weiterlesen: Zu Besuch auf der „MS Günther“ von Leon Windscheid)

 Sie möchten sich jetzt auch in der Flüchtlingshilfe engagieren. Sind Sie ein sehr politischer Mensch?

Grundsätzlich würde ich sagen, dass ich politisch sehr interessiert bin. Es gibt auch in Deutschland viele Dinge, die zu beklagen sind. Nämlich soziale Unterschiede, die frappierend sind und krasse Missstände darstellen. Außerdem halte ich es für ganz wichtig, dass man den Blick über den Tellerrand wagt. Wir dürfen uns nicht auf unserem Wohlstand ausruhen und Menschen auf der Flucht als eine Gefahr betrachten. Das empfinde ich als in höchstem Maße unmenschlich. Der Rechtsruck, der gerade durch Europa geht, ist die Gefahr.

 Also sind Sie ein Unterstützer von Merkels Motto „Wir schaffen das schon“?

Ich bin viele Jahre überhaupt kein Merkel-Fan gewesen. Aber, was sie in der Flüchtlingsthematik aufstellt gegen Stimmen in ihrer eigenen Partei und die noch viel lauteren Stimmen ihrer Schwesterpartei im Süden Deutschlands, das finde ich beachtlich. Da zolle ich ihr größten Respekt. Wenn Barack Obama dann darüber spricht, wie Deutschlands Rolle in der Flüchtlingsthematik im Ausland wahrgenommen wird, kann ich jeden verstehen, der sagt: „Ich bin stolz darauf, was wir hier gerade leisten.“

 Marlene Grabherr, die erste Frau, die die Million bei Jauch geknackt hat, starb am Ende in Armut. Haben Sie manchmal die Sorge, dass auch Ihr Geld irgendwann mal futsch sein könnte?

 Eigentlich hat man als Unternehmer immer die Sorge, dass man pleite geht. Ich glaube, das ist ein ganz natürlicher Antreiber, der in uns drinsteckt. Aber ich lerne besser, mich von dieser Angst loszumachen. Mein Credo ist im Endeffekt: Du bist von heute auf morgen maximal reicher, als du vorher warst. Was würdest du denn alles anders machen? Ich komme dann mittlerweile zu der Einsicht, ich mache eigentlich gar nichts anders. Also natürlich hätte ich das Boot nicht einfach so kaufen können, wenn ich nicht das viele Geld hätte. Ich habe es auch jetzt nicht alleine gekauft, sondern mit einem Partner zusammen. Und abgesehen davon bin ich jetzt nicht umgezogen oder so was. Ich mache weiterhin das, was ich vorher gemacht habe. Natürlich bin ich in der glücklichen Situation, Tätigkeiten nachzugehen, die mir große Freude bereiten. Das ist Luxus. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Aber das Geld hat mich nicht verändert. Die Sorge, in Armut zu sterben, habe ich auch nicht. Ob die Million, die ich gewonnen habe, dazu führt, dass ich nicht in Armut sterbe, weiß ich aber auch nicht. Ich glaube, wenn man sich nicht sehr gut im Griff hat und da kein Auge drauf hat, ist das Geld schneller weg als man gucken kann.

 Nach Ihrem Millionengewinn hat Ihre Freundin in einem Interview gesagt, dass sie nicht glauben würde, Ihr Leben würde sich jetzt grundsätzlich verändern. In den vergangenen Monaten waren Sie aber fast nur noch auf der Baustelle der MS Günther. Hatte sie also unrecht?

Die letzten Monate auf der Baustelle waren zu krass. Wenn du um 21 Uhr vom Schiff kommst und dann an den Computer musst, um die restlichen E-Mails noch fertig zu machen, die da alle auf dich einprasseln, um dann am nächsten Morgen um 7 Uhr wieder aufzustehen, dann kannst du das gerne zwei Wochen lang mal machen. Aber dann muss auch mal Schluss sein. Bei uns waren das jetzt mehrere Monate – und das zehrt an einem. Es war notwendig und jetzt blicke ich da auch schon wieder lachend darauf zurück. Aber in dem Moment selbst war das nicht immer zum Lachen und manchmal habe ich schon gedacht, dass sich unser Leben schon ein bisschen verändert hat. Aber mir und meiner Freundin war klar, dass das eine temporäre Sache ist – und jetzt ist das Ganze auch schon viel entspannter. Natürlich ist es immer noch anstrengend, wir arbeiten viel an dem Schiff. Sandra steckt mitten in ihrem Jura-Examen und hat gerade auch viel zu tun.

 Auf der Facebook-Seite der MS Günther haben Sie auch teilweise mal Bilder von Unfällen gepostet. Vor kurzem haben Sie sich auch noch am Fuß verletzt. Sind Sie ein guter Handwerker?

Ich denke, ich bin leicht überdurchschnittlich handwerklich talentiert. Mein Vater hatte früher immer eine Werkstatt im Keller und da durfte ich auch dran. Es gab so bestimmte Geräte, unter anderem eine Tischkreissäge, den Bandschleifer und die Flex, die durfte ich nicht benutzen. Die musste ich jetzt an der Baustelle permanent verwenden, da fehlte mir so ein bisschen noch das Training. Aber vom Baumhaus bauen und Bogen schnitzen von damals würde ich schon sagen, dass ich ein grundsätzliches handwerkliches Verständnis habe. Nicht zu vergleichen aber mit Olli, mit dem ich das Boot habe. Er ist zum Glück ausgebildeter Tischler und hat das natürlich richtig drauf.

 Was können Sie denn gar nicht? Was ist Ihre schlechteste Angewohnheit?

Ich bin sehr unromantisch. In einer Beziehung ist Romantik aber sehr wichtig. Außerdem kann ich eher schlecht kochen und bin noch dazu unmusikalisch. Wenn ich an einem Projekt tüftele, dann vergesse ich manchmal so ein bisschen die Welt um mich herum. Dann bin ich so wie der verwirrte Professor, der in seinem Labor zwischen den Büchern untergeht und dann vergisst, zu essen oder sich bei den Eltern zu melden.

 Stimmt es, dass RTL Sie auch schon mal in den Dschungel schicken wollte?

Das war ganz witzig. Nach meinem Millionen-Gewinn haben mir zwei Pressesprecher von RTL im Umgang mit den Medien und den ganzen Anfragen geholfen. Die waren sehr freundlich und extrem hilfreich. Der eine davon fragte mal lachend, ob ich denn nicht ins Dschungel-Camp gehen wolle. Man müsste da ja gar nicht als Verlierer herausgehen, sondern könnte auch gewinnen. Aber ich glaube, ihm war schon klar, dass ich das sicher ablehnen würde und ich es mehr als peinlich und affig finde.

 Schließen Sie es denn kategorisch aus, jemals an einem solchen Format teilzunehmen?

Also mit Günther Jauch zusammen würde ich ins Dschungelcamp gehen. Aber da Herr Jauch wohl eher noch das Musikantenstadl moderieren würde, als in den Dschungel zu gehen, bin ich damit wohl auf der sicheren Seite.

 Was denken Sie denn, wo Sie in 10 oder 20 Jahren sein werden?

Was hätte ich wohl gesagt, wenn Sie mir letztes Jahr um diese Zeit dieselbe Frage gestellt hätten? Da wusste ich noch gar nicht, dass ich mich bei „Wer wird Millionär?“ bewerben werde – und jetzt bin ich Millionär und mir gehört ein Schiff. Jetzt zu sagen, wo ich in 10 oder 20 Jahren bin, wäre mehr als anmaßend und eher Wahrsagerei. Was ich aber gerne hätte, kann ich sagen: Ich hätte gerne eine Familie, ich hätte gerne einen Beruf und keinen Job. Also eine Berufung, das heißt für mich, dass ich etwas mache, was den Leuten etwas bringt und bei dem ich Verantwortung übernehmen kann, an dem ich Spaß habe und was ich gut kann. Ich liebe es zwar zu reisen, um andere Länder und Kulturen kennen zu lernen. Aber langfristig möchte ich in Deutschland wohnen bleiben. Mein Zuhause ist hier.

 Stichwort Zukunft: Wie sieht es bei Ihnen mit der Familienplanung aus?

Ist für mich zurzeit überhaupt kein Thema.

 Zurzeit, aber irgendwann könnte es zum Thema werden...?

Irgendwann ist es für mich auf jeden Fall der Wunsch, eine Familie zu gründen.