Was ist drin? Biedermann: Nach Einbruch im 200-m-Freistil-Finale

29.07.2012, 21:08 Uhr

Am Tag nach der großen Enttäuschung zeigt sich Paul Biedermann einigermaßen erholt. Über 200 m Freistil erreicht er am Abend das Finale. Der Weltrekordler gewinnt sein Halbfinale in 1:46,10 Minuten vor Weltmeister Ryan Lochte, der 21 Hundertstelsekunden langsamer ist. Biedermann ist damit Gesamt-Vierter der beiden Halbfinalläufe. Tags zuvor war er als Vorlauf-13. über 400 m „abgesoffen“.

„Ich habe den Schock verdaut. Ich habe wieder ein bisschen Selbstvertrauen getankt. Wir haben eine Super-Mannschaft, wir haben uns nach dem schwarzen Samstag zusammengerauft“, sagt Biedermann. Gesamtschnellster war Chinas 400-m-Olympiasieger Sun Yang in 1:45,61 Minuten vor dem Franzosen Yannick Agnel (1:45,84). Helge Meeuw freut sich über das Erreichen des Endlaufes über 100 m Rücken. Der Magdeburger wird in 53,52 Sekunden Gesamtsiebter der Halbfinalläufe. Die deutsche Freistilstaffel schlägt sich als Sechste über 4 x 100 m achtbar beim Sieg der Franzosen.

Weltmeisterin Dana Vollmer aus den USA hatte den zweiten Finaltag der Schwimmer mit dem zweiten Weltrekord eröffnet. Die Staffel-Olympiasiegerin von 2004 siegte am Sonntagabend über 100 Meter Schmetterling in 55,98 Sekunden und blieb damit als erste Frau in einem Rennen unter 56 Sekunden.

Für Paul Biedermann ist am Tag zuvor alles anders. Er läuft durch die Mixed-Zone des Aquatics Centre, als könnte er nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Es dauert lange, bevor er etwas sagt. „Es ist ein ziemlich schwacher Trost, dass ich noch Weltrekordler bin“, sagt Biedermann, der vor den Olympischen Spielen als Medaillenkandidat gehandelt wurde. Das Finale über die 400 Meter Freistil am Samstagabend hat er sich nicht angeschaut. „Musste nicht sein“, sagt der 25-Jährige. Im Vorlauf war er in 3:48,50 Minuten mehr als vier Sekunden langsamer als bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr, als er Bronze gewann. Das Finale fand ohne ihn statt, der Chinese Yang Sun gewann in 3:40,14 Minuten, sieben Hundertstelsekunden über dem Weltrekord von Biedermann in Rom 2009.

„Ich konnte mein Tempo am Ende nicht halten“, sagte der deutsche Vorzeigeschwimmer, der die ersten 100 m schneller als bei seinem Weltrekord vor drei Jahren angegangen war. Am Ende fehlte ihm die Kraft für den Schlussspurt, nichts mehr zu machen, alle Akkus leer und keine Reserven mehr. Die Verantwortung für das Aus des Weltrekordlers übernahm sein Trainer Frank Embacher. „Er sollte anders schwimmen, als er es gewohnt war, ruhiger, mehr über die Beine“, erklärte er. Auch die verließen ihn auf der letzten Bahn. Embacher: „Das muss ich auf meine Kappe nehmen.“

Damit nicht genug. Nachdem Biedermann ausgeschieden war, scheiterte vor den Augen von Queen Elizabeth II. im Aquatics Centre auch die Freistilstaffel der Frauen. „Schlechter kann es nicht werden“, sagte Britta Steffen. „Ein rabenschwarzer Tag“, bilanzierte Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. Die großen Medaillenhoffnungen lösten sich schon am ersten Tag in Luft auf. In Peking waren es am Ende der Schwimmwettbewerbe zwei Goldmedaillen durch Britta Steffen. In London rätseln sie schon jetzt über den weiteren Weg.

Paul Biedermann auch. Im Vorlauf über 200 m Freistil hielt er sich einen Tag nach seinem Debakel in 1:47,27 Minuten und der zehnten Zeit auf dem Weg ins Halbfinale zwar schadlos, aber Souveränität strahlte auch das nicht aus. Die kommt im Halbfinale. Biedermann sucht seine Form, die alte Lockerheit hat er irgendwo verloren. Er bleibt ein überragender Schwimmer, aber der Leistungssport ist gnadenlos. Das zeigt sich bei Olympia immer alle vier Jahre in allergrößter Härte und Deutlichkeit.

„Paul zeigt Größe in der Niederlage, das stimmt mich optimistisch für die kommenden Aufgaben in London“, sagt Freundin Britta Steffen. „Ich glaube nicht, dass Paul Biedermann in optimaler Form ist, ich hatte immer Zweifel, dass er in London über 400 Meter Freistil das Finale erreichen kann, über 200 Meter schätze ich ihn stärker ein“, kommentierte Kristin Otto, mit sechs Goldmedaillen die Königin der Olympischen Spiele von Seoul 1988. Sie hatte recht.