Vom Auf und Ab der Torfindustrie Ein Stück Wirtschaftsgeschichte in Niedersachsen geht unaufhaltsam dem Ende entgegen

Von Tobias Böckermann | 27.01.2012, 18:55 Uhr

Schwarzbraune Flächen unter dem weiten emsländischen Himmel: für die Bewohner der Region kein ungewöhnlicher Anblick. Der Torfabbau hat dort eine lange Geschichte, die sich aber ihrem Ende nähert. Ein Schlaglicht darauf werfen Entlassungen beim Unternehmen Klasmann-Deilmann aus Groß Hesepe.

„Bitter“ sei das, „nun kommen wir leider nicht mehr drum herum“, sagt Norbert Siebels, der mit Moritz Böcking die Geschäfte der Firma führt. Klasmann-Deilmann hat angekündigt, 24 Mitarbeiter zu entlassen. Derzeit beschäftigt die Firma 230 Mitarbeiter an ihrem Stammsitz in Groß Hesepe. Hintergrund seien „die fehlenden Rohstoffreserven im Bereich Industrietorf“.

Das Ende eines Stücks Wirtschaftsgeschichte rückt immer näher. Rund 80 Torfbetriebe gibt es laut Bundesvereinigung Torf- und Humuswirtschaft (BTH) in Niedersachsen. Sie beschäftigen rund 2000 Menschen. Sechs Millionen Kubikmeter des Rohstoffs werden jährlich in Deutschland abgebaut, vor allem in Niedersachsen.

Das Land ist Reich an Mooren – und Torf wird in entwässerten Mooren abgebaut. Auf rund 500 Millionen Euro schätzt die BTH den Umsatz der Torfindustrie in Deutschland 2011. Zähle man die Verkaufserlöse des Erwerbsgartenbaus hinzu, dessen wesentliche Grundlage Torf sei, komme man bundesweit auf mehr als neun Milliarden Euro Umsatz, rechnet Tanja Constabel von der BTH vor.

Rund 150 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete Klasmann-Deilmann laut eigenen Angaben 2011. Die Firma stellt Substrate her – torfbasierte Produkte, die etwa an Gartenbaubetriebe verkauft werden. Keine Firma vertreibt mehr Substrate. Längst ist Klasmann-Deilmann ins Ausland expandiert. Weltweit beschäftigt die Firma etwa 900 Mitarbeiter.

In Deutschland gingen die Vorräte der genehmigten Torfabbaugebiete jedoch zur Neige, erläutert Geschäftsführer Böcking. Das werde noch Jahre dauern, sagt er. Neue Abbaugenehmigungen werden aber nur noch selten erteilt, denn die Moore stehen unter Naturschutz. Auch deshalb hat die Firma neue Standbeine aufgebaut, ist etwa ins Geschäft mit nachwachsenden Rohstoffen und erneuerbaren Energien eingestiegen.

Klasmann-Deilmann erwartet jetzt auch Bewegung von der Politik. Die Firma plant etwa, nachwachsende Hölzer und Energiepflanzen zur energetischen Verwertung auf ehemaligen Torf-Abbauflächen anzupflanzen. Dazu seien allerdings „entsprechende Genehmigungen der Behörden und eine Kooperationsbereitschaft auf politischer Ebene“ notwendig.

Mit ihrer bald 100-jährigen Geschichte steht die Firma selbst für die Torftradition im Emsland. Die Moorkolonisation schritt unter preußischer Herrschaft ab 1866 schnell voran. Mit dem Bau von Verkehrswegen entwickelte sich der Torfabbau plötzlich rasant. In beiden Weltkriegen setzte der Staat zudem rücksichtslos Gefangene zur Urbarmachung ein.

Schon 1917 war kein emsländisches Moor mehr unberührt. Privatwirtschaftliche Unternehmen bearbeiteten immer größere Flächen, und der preußische Staat ließ große Landstriche kultivieren.

In den folgenden Jahrzehnten hat man – unterstützt durch den Emslandplan – das Moor bis auf kleinste Reste entwässert und abgebaut. Die Abtorfung läuft noch und kann stellenweise noch viele Jahre andauern.

Der BTH sieht die Zukunft der deutschen Torfindustrie dennoch mit Sorge. „Wir rechnen damit, dass wir 2020 nur noch die Hälfte der Produktionsmenge in Deutschland erreichen können“, sagt Tanja Constabel von der Interessenvereinigung. Bis dahin könnte sich die Zahl der Beschäftigten um mehr als die Hälfte reduzieren.

Als Grund nennt Constabel nicht nur die Widerstände gegen die Ausweisung neuer Torfabbauflächen. Auch die Energiewende wirke sich zunehmend aus: „Die Torfindustrie tritt immer stärker in einen Wettbewerb mit der Landwirtschaft, die immer mehr Flächen für die Gewinnung von Bioenergie nutzen will.“ Würden Moore jedoch einmal zur Torfgewinnung benutzt, sei es nach dem heutigen politischen Willen ausgeschlossen, die Flächen anschließend für landwirtschaftliche Zwecke zu nutzen. Denn abgeerntete Moore werden renaturiert. „Ohne ein politisches Umdenken sind diese Flächen also langfristig für die Landwirtschaft verloren“, erläutert Constabel.

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