Vermischtes Worauf es ankommt

03.07.2009, 22:00 Uhr

„Mathe: fünf; Religion: eins!“ Zensurenkonferenz. Ich sehe bei einigen Kollegen das breite Grinsen. Ja, das ist keine seltene Zensurenkombination, und ich habe wieder das Gefühl, meine Notengebung rechtfertigen zu müssen, obwohl ich sie für gerecht halte.

In Mathe oder einem anderen Hauptfach eine schlechte Zensur zu haben wiegt bekanntlich mehr, als in Religion zu glänzen. Mir gehen die Zeugniskonferenzen noch nach, habe die erste Ferienwoche für die Reflexion des vergangenen Schuljahres gebraucht. Sind Mathe, Deutsch oder Englisch die lebenswichtigen Fächer, ist Religion zu vernachlässigen?

Die Erfahrungen mit mehreren Hundert Schülern haben mich etwas anderes gelehrt, wie folgende Beispiele verdeutlichen: An den BBS hatte sich wieder weniger als zehn von 2400 Schüler vom Religionsunterricht abgemeldet. Mehr noch: Immer wieder schafften wir es, Gott in unsere Gespräche mit hineinzunehmen. Ja, es gibt unter jungen Menschen Frömmigkeit und religiöse Sehnsüchte! Gemeinsam konnten wir sie zur Sprache bringen.

Ja, sie haben religiöse Kompetenz! Ich habe mit Schülern auf dem Friedhof gestanden, um einen Mitschüler auf seinem letzten Weg zu begleiten. Die Empathie der Jugendlichen, ihre Form der Trauer, ihr Engagement bei der Verarbeitung dieses Verlustes – das hat mich tief bewegt.

Ich denke auch an die Taufen erwachsener Schüler. Junge Menschen entschieden sich bewusst für die Aufnahme in die Kirche und bekannten ihren Glauben vor Mitschülern und Gemeinde.

Oder die festliche Konfirmation von Schülern des Berufsvorbereitungsjahres: Auch hier selbstbewusste Jugendliche, die sich ein Kreuz umhängen lassen und dann damit zur Schule kommen.

Oder die vielen seelsorgerlichen Gespräche, die kleinen und großen Probleme, die mir anvertraut wurden. Und schließlich die heiteren Augenblicke, etwa wenn ich ganz ernst gefragt wurde: „Nun sagen Sie mal ehrlich, Herr Brand, gibt’s jetzt Engel mit Flügeln oder nicht?“

„Religion: eins“ – ich denke, dass mancher junge Mensch zu Recht diese Zensur verdient hat. Nicht nur, weil er etwas gelernt oder verstanden hat, sondern weil er das wirklich Lebenswichtige, das, worauf es im Leben ankommt, längst verinnerlicht hat. Meine Schüler sind gute Menschen. Mit einem Gespür für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und für das, was wir Erwachsene als den christlichen Glauben bezeichnen

„Freut euch mit dem Herrn!“ heißt der Spruch für den Monat Juli im Philipperbrief. Und weiter heißt es dort: „Und abermals sage ich euch: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ Ich wünsche jedem, dass im Gegenüber zum anderen Gott selbst sichtbar wird. Im Umgang mit Jugendlichen jedenfalls gelingt das mühelos.