Vermischtes Wehe, wenn das Telefon klingelte

11.12.2002, 23:00 Uhr

In den 60er Jahren gilt ließ das bundesdeutsche Fernsehen die Zeit des Experimentierens hinter sich, es zog die Kinderschuhe aus und entwickelte sich zum populärsten Massenmedium. Die Familienväter von heute wurden 1960 mit dem ,,Sandmännchen“ zu Bett gebracht, sofern in der Wohnstube der Eltern ein Fernseher stand. In 3,4 Millionen Haushalten war das der Fall.

Zehn Jahre später zahlten fast 16 Millionen Deutsche Fernsehgebühren. Das Fernsehen veränderte die Gewohnheiten vieler Menschen, Kegelabende wurden erst nach dem Studium der Programmzeitschrift vereinbart; Telefonanrufe zur ,,Tagesschau“-Zeit galten als verpönt.

Was war der Anlass, dass die Bundesrepublik sich in eine Fernsehnation verwandelte? Diejenigen, die damals das Programm machten, sind überzeugt: Es waren die Programme. Neben der ARD hatte das ,,Zweite Deutsche Fernsehen“ 1963 zu senden begonnen - genau am 1. April, ein ,,Aprilscherz“, wie die Münchner Abendpost damals schrieb. In Konkurrenz und Kontrast zur ARD versuchte der Gründungsintendant Karl Holzamer neue Programmformen und –sparten zu entwickeln, wie mit der damals neuen Mischung von informativer und unterhaltsamer Sport-Präsentation im ,,aktuellen Sportstudio“ mit den Moderatoren Harry Valérien, Wim Thoelke und Rainer Günzler.

1960 verabschiedete sich nach 111 Folgen die Familie Schölermann, und die Familie Hesselbach betrat die Fernsehbühne. Überhaupt setz-ten die Programmmacher auf Mehrteiler und Serien. Krimi-Klassiker wie ,,Die Gentlemen bitten zur Kasse“ mit Horst Tapert als Posträuber-Boss und Siegfried Lowitz als Fahnder sowie Durbridge-Reihen wie ,,Das Halstuch“ oder ,,Melissa“ hielten die Zuschauer in Atem und fegten die Straßen leer. Ein kesser Krimi aus England - ,,Mit Charme, Schirm und Melone“ - eroberte ebenso den deutschen Fernsehmarkt wie der Familien-Serien-Western ,,Bonanza“ aus den USA, der seit 1963 12 Jahre lang auf dem Bildschirm zu sehen war. Und dann war da noch Dr. Kimble ,,Auf der Flucht“.

Aber auch die deutschen Serien fanden ihr Millionenpublikum: der erste Fernseh-Arzt Gustav Knuth in ,,Alle meine Tiere“, Hans Söhnker als Hotelier in ,,Der Forellenhof“ und nicht zu vergessen: Inge Meysel in ,,Die Unverbesserlichen“ als Mutter der Nation in einer (für damals) vergleichsweise zerrütteten Familie. Was oft vergessen wird: Nur einmal im Jahre wurde dieser Vierteiler ausgestrahlt - zum Muttertag.

Auch in schwarz-weiss wurde es immer bunter: Michael Pfleghar präsentierte Catarina Valente, Paul Kuhn wurde Stammgast auf dem Bildschirm, Peter Alexander erzielte mit seiner Show Traumquoten und Anneliese Rothenberger gab sich ,,die Ehre“. Auch ,,Ausländer“ triumphierten: Der seinen englischen Akzent kultivierende Chris Howland mit seiner Schlager-Sendung ,,Musik aus Studio B“, der singende Holländer Lou van Burg mit ,,Der Goldene Schuß“ und der Schweizer Alpen-Troubadour Vico Torriani, der 1967 ,,Mr. Wunnebar“ beim ZDF ablöste. Bei der ARD gab Otto Höpfer den ,,Blauen Bock“ an Heinz Schenk weiter und samstags nachmittags verfolgten Millionen in ganz Europa ,,Spiel ohne Grenzen“ mit Camillo Felgen als moderierender Plaudertasche.

Dann es gab noch den legendären ,,Beat-Club“ von Radio Bremen. Uschi Nerke moderierte die Sendung für die kulturrevolutionierende Jugend der Republik: Sie trug ihre Haare anfänglich (1965) noch brav hochtoupiert und die Spitzen seitlich in Richtung Kinn nach vorne gezogen, doch schon im kurzen Minirock. Rock-Idole der 60er Jahre wie ,,Steppenwolf“, Jimmi Hendrix oder Eric Burdon brachten das Flair der großen weiten Welt musikalischer Gegenkultur bis in die entferntesten Ecken der deutschen Provinz.

Schließlich leiteten die 60er Jahre die Zeit des Fernsehspiels ein. Andersch, Walser, Sartre, Frisch schrieben fürs Fernsehen, und das erste Fernsehspiel in Farbe war ,,Marat“ von Peter Weiss. Willy Brandt hatte am 25. August 1967 für das Zeitalter des Farbfernsehens in Deutschland symbolisch Startschuss gegeben.

Es gab auch Steine des Anstoßes im Programm, bei so unterschiedlichen Sendungen wie die Fritz Kortner Inszenierung von ,,Lysistrata“ mit Romy Schneider, bei der sich der Bayrische Rundfunk ausschaltete, das Kabarett ,,Hallo Nachbarn“ oder das 1962 gestartete Politmagazin ,,Panorama“. In den 60er Jahren entstand ein Programm, das neben der britischen BBC, dem heimlichen Vorbild von ARD und ZDF, zum besten der Welt wurde. In diesem Programm wurde Politkern widersprochen und man zeigte auch, was nicht jedermanns Geschmack war. Damals...