Vermischtes Stille nach der Euphorie

21.07.2009, 22:00 Uhr

Ein Museum zeigt seine Sammlung. Was nach Verlegenheitslösung im Sommerloch klingt, ist für das Herforder Museum MARTa hingegen notwendige Standortbestimmung.

Nach dem fulminanten Start 2005, glanzvollen Ausstellungen von „My private Heroes“ bis „MARTa schweigt“, aber auch öffentlichen Kontroversen um Etatprobleme sucht das Haus unter dem neuen Leiter Roland Nachtigäller seine Mitte.

Der Blick in den eigenen, 135 Werke umfassenden Bestand soll helfen, die irgendwo zwischen Kunst und Design angesiedelte Identität des Museums zu klären und obendrein Förderer zu mobilisieren. Dafür macht es Nachtigäller nun wie seinerzeit der Charismatiker Jean-Christophe Ammann im Frankfurter Museum für Moderne Kunst: Er präsentiert im Ausstellungskontext fünf Arbeiten, darunter immerhin zwei von Tamara Grcic und Günther Förg, die erst noch für das Haus erworben werden müssten.

So viel Initiative ist positiv. Dennoch klingt der Ausstellungstitel „Hellwach Gegenwärtig“ ein wenig wie ein selbst verordnetes Mantra des Erfolgs. Die Ausstellung selbst löst die suggestive Formel nur teilweise ein – auch deshalb, weil nicht alle der 65 gezeigten Werke hohe Faszinationskraft entfalten und das Konzept der thematischen Gliederung nur in Grenzen überzeugt.

Von Erinnerung über Lebenswelt, Chaos und Ordnung bis hin zu Körper reichen die Leitbegriffe, mit denen die Ausstellungsräume ebenso assoziativ wie vage überschrieben sind. Schleppend gestaltet sich folglich der Dialog älterer und neuerer Arbeiten, der meist auf formale Entsprechungen abgestellt ist.

Dabei gelingt das Entree. Sol LeWitts irritierend spiegelnde Wandmalerei macht ebenso neugierig wie Mimmo Paladinos kleines Bild, das auf Goldgrund einen Kopf und Geo-Dreiecke wie das Symbol idealer Erkenntnissuche kombiniert. Doch auf den konzentrierten Auftakt folgt kein Eintritt in den kuratorischen Zaubergarten, sondern ein Parcours, in dessen Verlauf nur wenige Werkkombinationen Funken sprühen lassen. Am ehesten gelingt die Zusammenstellung von künstlerischen Kommentaren zum Thema Design. Objekte und Bilder von Anton Henning bis Baselitz und Thomas Rentmeister gruppieren sich zu einem Ensemble von trockenem Witz. Zweiter Pluspunkt: Der Raum mit bildnerischen Analysen zu Körperbildern unterschiedlicher Kulturen macht Kleidung und Habitus als Mittel der Inszenierung sichtbar.

Trotz bekannter Namen wie Tobias Rehberger, Jochen Gerz oder Reinhard Mucha schlagen die Kuratoren ansonsten kaum gedanklichen Gewinn aus einem Sammlungsbestand, der meist disparat wirkt.

Auch das Zusammenspiel zwischen den Arbeiten aus den letzten Jahren und der im Museum als Dauerleihgabe beheimateten Bielefelder Sammlung Kerber mit Gemälden aus den Achtzigern überzeugt nur punktuell. Das muss hingegen nichts heißen. Mehr als die Ausstellung aus einem Guss zählt derzeit die offene Frage, die mit „Hellwach Gegenwärtig“ an das Haus und sein Selbstverständnis gestellt wird. Eine Antwort gibt es schon: Das „MARTa“ wird Gegenwartskunst niemals in ganzer Breite, sondern immer nur in der Konzentration auf einzelne Themen darstellen können.

Die Wahl der Stücke, die noch angekauft werden sollen, zielt in diese Richtung. Vor allem die Installationen von Matthias Bitzer und Nándor Angstenberger können als künstlerische Modelle architektonischer Gestaltung verstanden und damit dem thematischen Fokus des Herforder Museums zugeordnet werden. Aber wirken nicht gerade diese Werke so, als hätte man dergleichen schon seit Jahren immer wieder einmal gesehen? Gleichviel. Für das „MARTa“ beginnt eine Zeit der Selbstprüfung. Nach euphorischem Beginn warten die Mühen der Ebene. Und die dehnt sich endlos.