Vermischtes Star des Abends saß in Tibet fest

06.07.2009, 22:00 Uhr

Ein kleines Jubiläum feierte das Obertonfestival an den Saurierspuren in diesem Jahr. Zum fünften Mal konnte Detlev Sellenriek das Festi val ausrichten, das sich inzwischen einen festen Platz in der Szene der norddeutschen Obertonmusiker erspielt hat.

Bei ausgelassener Stimmung eröffneten die „Weltenreiter“ aus Aurich das Programm mit einer gekonnten Improvisation, an dessen Ende eine spontane Bearbeitung des Themas „Die Saurier“ stand. Mit Obertongesang, Congas, Bongos und anderen Schlagwerk-Instrumenten sowie Gitarre und exotischen Blasinstrumenten wie dem Didgeridoo und Flöten kombinierten die vier Musiker musikalische Elemente aller Art zu einem harmonischen Ganzen, zu dem eine Künstlerin ein Bild malte.

Es folgte Marius Beyer, der das Publikum mit seinen selbst gebauten Didgeridoos in seinen Bann zog. Obertonmusik, so erklärte der Veranstalter Detlev Sellenriek, hat für Fremde immer etwas Besonderes, Geheimnisvolles, Unheimliches, Sphärisches. Ein Mensch singt einen Ton, und plötzlich erklingt noch einer, der Mensch singt auf wunderliche Weise auf einmal zwei Töne gleichzeitig. Und doch sind Obertöne eigentlich ganz normal und immer da, ja sie geben unserer Stimme sogar ihre Färbung. Sie treten bei jedem natürlichen Ton auf, jeder, der spricht, erzeugt dabei Obertöne. Diese Technik des Herausfilterns von neuen Klanganteilen aus Vokalen oder Konsonanten beherrschte „Zwischen den Welten“, die mit Gitarrenbegleitung ihre Obertonpassagen vorstellten, unterbrochen von Märchenerzählungen durch Lilith Eckholt.

Daran schloss sich ein musikalisches Mythenspiel mit dem Titel „Pan meets Daphne“ an, das von Karin und Peter Bayreuther vorgeführt wurde. Wer wollte, konnte sich als Zuschauer im Klangspielzelt selbst an pentatonischen Instrumenten erproben. Nahe dem großen Saurier erlaubte es einen kleinen Einblick in die Welt der Instrumente, die sich für meditative Musik eignen. Derweil betrat mit „motion“ ein Trio aus zwei Cellos und einer Viola die Bühne, um einige Stücke aus einer Mischung von Komposition und Improvisation vorzuführen.

Dann folgte mit Jan Heinke und Wolfgang Saus der erste Höhepunkt des Festivals. Wolfgang Saus ist Obertonlehrer und erwies sich als Meister seines Fachs. In Jan Heinze hat er einen Duo-Partner gefunden, der früher einmal Saxofonist war und heute auch als Obertonsänger, Cellist und Schöpfer klingender Stahlskulpturen unterwegs ist. Mitgebracht hatte er sein Stahlcello, mit dem er bereits im Stahlquartett für Aufsehen erregt hatte. In der einzigartigen Akustik des Geländes an den Saurierspuren schufen beide ein wirklich magisches Ereignis, das vor allem durch den Klang des ungewöhnlichen Instruments getragen wurde. Zum späten Abend hin wurden Fackeln und Kerzen entzündet, um eine geheimnisvolle Atmosphäre zu schaffen. Jetzt kam der zweite Höhepunkt des Abends. Angekündigt waren Hosoo und Transmongolia. Doch war der Sänger im Tibet geblieben, da er es nicht rechtzeitig geschafft hatte, mit einem Flugzeug von einem dringenden Familienbesuch zurückzukommen. Und so konnte seine Begleitband die Chance nutzen, sich einmal selbst richtig ins Zeug zu legen. Dazu hatten sie den Gitarristen und Percussion-Spieler Omid Bahadori mitgebracht. „Wer Hosoo nicht kennt, hat ihn nicht vermisst, und wer die Band mit Hosoo kennt, der war möglicherweise sogar froh, sie einmal in anderer Funktion zu erleben“, konnte Sellenriek der Situation zumindest etwas Positives abgewinnen. Wie Heinke und Saus, so erntete auch Transmongolia frenetischen Beifall.

In Europa wird Obertonmusik meist mit Zentralasien verbunden, da sie dort bei verschiedenen Völkern wie den Mongolen oder auch bei tibetischen Mönchen schon lange ein fester Bestandteil der traditionellen Musik ist. Ebenso wird in einigen afrikanischen Völkern traditionelle Obertonmusik mit teils großer Virtuosität gemacht. Kein Wunder also, dass der Hauptact des Festivals seit Jahren mit Hooso und Transmongolia besetzt ist. Doch zeigte das Festival auch, das originelle Obertoninstrumente nicht nur aus Asien, Australien oder Afrika stammen. Denn aber auch in Europa hat Obertonmusik eine Geschichte. So hält sich die Meinung, dass im Mittelalter Obertonmusik in Gregorianischen Gesängen eine Rolle gespielte haben dürfte. Wiederentdeckt wurde die Musik in Europa allerdings erst Anfang der 1960er-Jahre mit der Avantgardemusik und New-Age-Bewegung.