Vermischtes Stammt der Kupfernagel wirklich von der "Bounty"?

05.12.2002, 23:00 Uhr

Ein verbogener Kupfernagel lässt Hubert Grewe-Hortebusch von der Südsee träumen. Der Nagel, von grüner Patina überzogen, ist auf einem Schiffsmodell aus Teakholz befestigt. Einem Modell von der "Bounty", dem legendären Dreimaster, auf dem es 1789 zur Meuterei kam. Ob der krumme Nagel von der "Bounty" stammt? Das Paket mit dem Schiffsmodell und dem Kupfernagel erreichte Hubert Grewe-Hortebusch ganz unverhofft.

Zum Hauptzollamt wird der Osnabrücker nicht alle Tage gerufen. Schon gar nicht, um unter den gestrengen Blicken eines Zollbeamten ein Paket zu öffnen. Ein Paket aus Island, so hieß es am Telefon, und das sei vom Absender mit einem Wert von 30 Dollar deklariert worden. Island? Fehlanzeige. Das Paket kam aus Pitcairn Island, der kleinen Vulkaninsel, auf der die Meuterer von der "Bounty" 1790 Zuflucht gefunden haben.

Pitcairn Island? Hubert Grewe-Hortebusch war elektrisiert und begann, das Paket zu öffnen. Unter dem Packpapier kam eine Holzkiste zum Vorschein, deren Deckel sorgfältig mit vier Spaxschrauben gesichert war. Dann der feierliche Augenblick: In der Kiste steckte ein 31 cm langes Schiffsmodell, der Rumpf war vorsichtshalber mit dem Boden verschraubt. So oder so ähnlich muss die "Bounty" ausgesehen haben.

Immer mehr Zollbeamte kamen hinzu und ließen sich von Hubert Grewe-Hortebusch erklären, wie es die Meuterer 1790 auf das Südsee-Eiland verschlagen hat und was aus ihnen geworden ist. Der Industriekaufmann aus Osnabrück kennt sich aus in der Südsee, wenn auch nur mit dem Finger auf der Landkarte. Eine Frage konnte er jedoch nicht beantworten: Warum gerade ihm das Paket zugeschickt wurde. Da kann er nur Mutmaßungen anstellen.

Vor fünf Jahren war Hubert Grewe-Hortebusch durch einen Fernsehbeitrag auf den Bounty-Trip gekommen. Er schrieb einen Brief nach Pitcairn Island, bat um ein paar Ansichtskarten und legte zwei amerikanische Dollar ins Kuvert. Die Antwort kam prompt, das heißt, ein halbes Jahr später. Schneller geht es nicht, denn das Postschiff fährt nur alle drei Monate nach Pitcairn Island.

Der 49-Jährige hält zwei Postkarten hoch. Eine zeigt den Sonnenuntergang im Meer, die Palmen und den Strand, die andere lässt erkennen, dass Pitcairn im Grunde ein karges Fleckchen Erde sein muss. Hubert Grewe-Hortebusch ist stolz auf seine Errungenschaft, und er verschlingt alles, was er über die Insel und die Bounty an Land ziehen kann.

Nun das Paket von den Antipoden, mit dem er gar nicht gerechnet hatte. Als Absender ist Jay Warren angegeben, auf der Insel kein Unbekannter. Wer im Internet stöbert, findet ihn als Vorsitzenden des Inselrats. Wer nach Postkarten anfragt, so mag er sich gesagt haben, wird sich auch über ein Modell von der Bounty freuen. Und damit hat er bei Hubert Grewe-Hortebusch natürlich voll ins Schwarze getroffen.

Auf der Holzkiste hat der Insulaner vermerkt, dass er die "Box" zurück haben möchte, vielleicht, um auch andere Pitcairn-Fans irgendwo auf der Welt überraschen zu können. Doch der Adressat mag sich gar nicht von der Transportkiste trennen. Lieber möchte er Jay Warren dafür mit ein paar Dollars entschädigen. Als Dankeschön will Hubert Grewe-Hortebusch auch einen Bildband von Osnabrück auf die Insel der Meuterer schicken. Gleich mit dem nächsten Postschiff. In spätestens drei Monaten wird seine Sendung ankommen. So oder so kann er von sich sagen: "Mein Name ist auf dem entferntesten Punkt der Welt bekannt!"

Pitcairn Island ist nicht größer als Sutthausen und liegt irgendwo zwischen Tahiti und den Osterinseln. Auf dem Eiland leben – je nach Quelle – zwischen 45 und 54 Einwohner. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um die Nachkommen der Meuterer, die am 15. Januar 1790 mit der "Bounty" kamen.

Die Geschichte der "Bounty" ist legendär und wurde mehrmals verfilmt – u.a. mit Clark Gable, Marlon Brando und mel Gibson. Auf dem englischen Frachtsegler, der Setzlinge des Brotfruchtbaums von Tahiti nach Jamaika bringen sollte, kam es am 28. April 1789 zur Meuterei. Captain William Bligh, damals 33 Jahre alt, wird in den Filmen als "Eisenfresser"dargestellt. Ob er aufsässige Seeleute wirklich auspeitschen, kielholen oder gar verdursten ließ, ist nicht überliefert.

Historiker halten Bligh für den Vertreter der alten Ordnung, sein Widersacher Fletcher Christian (damals 23) steht dagegen für die Ideale "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Vielleicht war es kein Zufall, dass die Französische Revolution im selben Jahr stattgefunden hat wie die Meuterei auf der Bounty.

Als Fletcher Christian das Kommando auf dem Dreimaster an sich riss, wurde Captain Bligh zusammen mit 18 getreuen Seeleuten in einem sieben Meter langen Ruderboot ausgesetzt. Ohne Navigationsgeräte ruderte Blighs in sieben Wochen 6500 Kilometer über den Pazifik und erreichte die Inseln von Timor. Noch heute zählt diese Fahrt im offenen Boot "als eine der herausragendsten seemännischen Meisterleistungen aller Zeiten", wie der Bounty Club Deutschland auf seiner Webseite vermerkt.

Bligh setzte alles daran, die Meuterer vor ein englisches Gericht zu bringen, was ihm zum Teil auch gelang. Nach der Meuterei war Fletcher Christian mit dem Rest der Besatzung nach Tahiti zurückgekehrt. 16 Seeleute blieben dort, die übrigen neun segelten mit der "Bounty" weiter durch den Südpazifik. Sie waren nicht allein, mittlerweile hatten sie auch Frauen und Männer aus Polynesien an Bord genommen.

Am 15. Januar 1790 erreichte die wild zusammengewürfelte Truppe die Vulkaninsel Pitcairn. Sie war 23 Jahre zuvor entdeckt und nach dem Mittelschiffsmatrosen Robert Pitcairn benannt worden. Eine Woche nach ihrer Ankunft schlachteten die Meuterer aus Angst vor Entdeckung die "Bounty" aus und verbrannten sie. Damit gab es keinen Weg mehr zurück. So entstand ein eigener Inselstaat mit eigener Sprache. "Pitcairnish" ist ein englischer Dialekt, der mit tahitianischen angereichert ist.

Pitcairn wurde erst 18 Jahre später von einem Walfänger angesteuert, der letzte Meuterer John Adams starb 1829 auf der Insel. 1838 wurde Pitcairn englische Kolonie, wegen der zwischenzeitlichen Überbevölkerung wurden die Bewohner zwei Mal nach Norfolk Island bei Neuseeland evakuiert.

Heute gilt Pitcairn für viele als letzte Enklave der Abenteurer. Die Nachkommen der Meuterer leben vom Fischfang, sie bauen Zitrusfrüchte, Zuckerrohr, Bananen und Bohnen an. Doch die Wirtschaftskraft reicht nicht aus, um öffentliche Einrichtungen zu bezahlen. Pitcairn hängt am Tropf der britischen Regierung. Und es trifft die Insulaner hart, dass in London die Gelder gestrichen werden.

Weitere Informationen im Internet unter www.mare.de/pitcairn, www.infoplease.com/spot/pitcairn.html, www.lareau.org oder www.pazifik-infostelle.org. Noch nicht ganz vollständig sind die Internetseiten des Vounty Clubs Deutschland unter www.buddel.de.