Vermischtes „Sie leben ja noch!“

03.07.2009, 22:00 Uhr

Nur wenige Menschen auf der Welt können behaupten, Erinnerungsstücke an ihre eigene Trauerfeier zu besitzen. Für Heinrich Bahns aus Groß Hesepe ist es inzwischen beinahe normal, mit seiner Frau Adelheid im behaglich eingerichteten Wohnzimmer zu sitzen und das Totenbildchen zu betrachten, das ihn selbst als zuversichtlich lächelnden 16-Jährigen mit weißem Hemd und dunkler Krawatte zeigt. Der Spruch „Mit Trauer und Tränen haben wir dich fortziehen lassen, aber Gott wird dich zu uns zurückführen mit Freude und Wonne ewig“ ziert das Deckblatt des kleinen Zettels mit dem bedrückenden schwarzen Kreuz vorne drauf.

Die Geschichte von Heinrich Bahns ist auch eine Geschichte des Chaos in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Als 16-Jähriger wurde er im Januar 1945 zum Arbeitsdienst in Posen und in Halle an der Saale eingezogen. Im April 1945 kam er dann direkt zum Militär und war in Friedrichshain in der Niederlausitz, im heutigen Brandenburg, stationiert.

„Dort sollen mich Zivilisten dann auch gefunden haben“, berichtet Bahns von den folgenschweren Ereignissen. Dass Anwohner nach Gefechten einen Toten fanden, in dessen Nähe die Papiere von Heinrich Bahns lagen, war nämlich nur ein tragischer Zufall. Bahns selbst wurde an diesem Tag, dem 16. April 1945, von der russischen Armee gefangen genommen. „Ich musste meine Ausrüstung abschnallen, den Brustbeutel, Munition, alles, was ich dabei hatte“, erklärt er, warum die Fußgänger auf seinen Namen stießen. „Diejenigen, die den Toten gefunden haben, haben ihn direkt an Ort und Stelle begraben“, weiß der heute 80-Jährige.

Eben diese Zivilisten schrieben daraufhin einen Brief an die Gemeinde Groß Hesepe, da sie die genaue Adresse des vermeintlich Gefallenen nicht wussten. Dieser Brief war sehr lange unterwegs, und so erhielt die Familie erst im September 1945 die Todesnachricht durch einen Mitarbeiter der Gemeinde. In der Zwischenzeit war der junge Soldat Bahns in ein Gefangenenlager in Russland gebracht worden: „Ich war zuerst in Durchgangslagern, unter anderem in Kreuzburg (heute Kluczbork, Anm. d. Red.) und Oppeln, bevor ich nach Winnyzja in der heutigen Ukraine kam. Dort habe ich im Straßenbau gearbeitet.“ Anschließend brachte man ihn nach Berdytschiw, wo er in einer Zuckerrübenfabrik arbeitete. Seinen ersten Brief an die Familie schrieb der 16-Jährige im August 1945. „Das weiß ich noch ganz genau, das war nämlich zu meinem Geburtstag“, so der Groß Heseper. Auch dieser Brief war in den Wirren nach dem Kriegsende lange unterwegs und kam schließlich Januar 1946 in der emsländischen Gemeinde an. Heinrich Bahns war also in seinem Heimatort ganze vier Monate für tot gehalten worden.

In der Groß Heseper Kirche war in dieser Zeit für ihn ein Seelenamt gehalten worden, wobei auch die obligatorischen Totenzettel ausgegeben wurden. Da man kein Soldatenbild von Heinrich Bahns hatte, verwendete man sein Schulentlassungsbild. Viele Groß Heseper waren bei der Messe, um für den jungen Gefallenen aus ihrer Mitte zu beten. „Es können sich noch viele an die Trauerfeier erinnern, und einige sagen noch heute zu mir, dass sie irgendwo sein Totenbildchen zu Hause liegen haben“, erzählt Adelheid Bahns, die Ehefrau des Totgesagten.

Nur Heinrichs Tante, bei der er aufgewachsen war, wusste scheinbar die ganze Zeit, dass ihr Neffe nicht gestorben war: „Die Tante hat das nicht geglaubt. Sie hat auch später noch oft gesagt, dass sie wusste, dass er lebt. Sie hatte da wohl so ein Gefühl“, erinnert sich Adelheid Bahns.

In Russland war es ihm zunächst relativ gut gegangen, so der Rentner: „Solange ich gearbeitet habe, habe ich die doppelte Ration Essen bekommen, weil ich noch unter 18 war“, berichtet er. Als er jedoch krank wurde und ins Lazarett kam, wo es weniger Nahrung gab, verschlechterte sich sein Zustand. Zum Schluss wog Bahns nur noch 45 Kilogramm, sodass er im Januar 1948 schließlich aus der Gefangenschaft entlassen wurde. Sein Vater und sein Onkel fuhren nach Friedland, um den Geschwächten abzuholen. „Dann hat er erst einmal Tag und Nacht nur gegessen und innerhalb von ein paar Monaten wieder ganz gut zugelegt“, weiß auch Ehefrau Adelheid. Heute ist der 80-Jährige rüstig und fit, wie er selbst freudestrahlend erzählt: „Momentan geht es mir sehr gut. Ich habe einen Blutdruck wie ein 20-Jähriger!“

Er hat vor Jahren den Versuch gemacht, die Ereignisse vom April 1945 noch einmal nachzuvollziehen: „Wir sind nach Friedrichshain gefahren, als die Mauer gefallen war, und haben dort die Schützengräben besichtigt. Wir haben auch die Zivilisten von damals gesucht, aber die waren schon tot. Nur deren Schwiegersohn haben wir gesprochen, aber der wusste nicht mehr viel.“ Es bleiben also viele Rätsel offen. Die Identität des unbekannten Toten zum Beispiel hat Heinrich Bahns nicht herausfinden können. Ebenso unklar bleibt, wieso sein Name nicht auf dem Friedhof oder in dem Sterberegister in Friedrichshain zu finden ist, obwohl die Leiche, die unter seinem Namen geführt wurde, nach dem Kriegsende dorthin umgebettet worden war. Als das Ehepaar den örtlichen Pastor danach fragte, gab er die sinnfällige Antwort: „Sie leben ja noch, da können Sie ja nicht hier in den Papieren drinstehen!“