Vermischtes Schicksalsspiel: Italien hofft auf Di Natale & Spanien

17.06.2012, 18:42 Uhr

Mit Verschwörungsfantasien im Kopf, der Angst vor dem frühen EM-Aus im Nacken und einem wohl völlig neuen Team geht Italien in sein Schicksalsspiel gegen Irland.

Im Examen bei seinem Lehrmeister Giovanni Trapattoni setzt Italiens Coach Cesare Prandelli auf Sturm-Joker Antonio Di Natale, die altbewährte Viererabwehrkette und vor allem auf «Coraggio» (Courage)!

«Habt Mut, schielt nicht auf Spanien und Kroatien und spielt offensiv ohne Angst», appellierte Prandelli an seine Azzurri. Im letzten Gruppenspiel am Montag in Posen kämpfen die Italiener um die Zukunft ihrer Auswahl. Für die schon ausgeschiedenen Iren geht es um die Ehre und einen versöhnlichen EM-Abschied. In den Augen Prandellis machte dies die Insel-Kicker nur noch gefährlicher. «Sie können befreit aufspielen», warnte Prandelli.

Nach dem WM-Debakel 2010 mit dem Vorrunden-K.o. in Südafrika droht Italien schon wieder eine Pleite. Zum Einzug ins EM-Viertelfinale ist der viermalige Weltmeister selbst bei einem Sieg auf Schützenhilfe angewiesen. Sollten die Gruppenersten 2:2 spielen, wäre Italien auf jeden Fall draußen. So wie bei der EM 2004, als Schweden und Dänen mit ihrem angeblichen Wikinger-Komplott die Azzurri trotz fünf Punkten aus dem Turnier kickten.

Tifosi und Medien wittern den nächsten «Biscotto» (Keks), wie sie eine derartige Verschwörung in Italien nennen. Prandelli kann es nicht mehr hören. Im Casa Azzurri verzieht der sonst so freundliche Signore angewidert das Gesicht, als sei ihm der Biscotto buchstäblich im Hals stecken geblieben. «Eine Mannschaft wie Spanien, der es stets um den absoluten Erfolg und um das Spektakel geht, kann unmöglich an so etwas denken», unterstrich der Trainer am Sonntag in Posen.

Auch Kapitän Gianluigi Buffon sprach bei Facebook Klartext: Das Gerede von der Verschwörung sei nichts weiter als die «billige Ausrede» von Verlierern.

«Lass uns an uns denken und versuchen, zu gewinnen», erklärte der Keeper, der volles Verständnis dafür hat, dass Tabellenführer Spanien und die Kroaten sich in Gruppe C von den Unterstellungen aus Italien beleidigt fühlen. «Die Italiener haben immer vor was Angst», spottete Kroatiens Spielmacher Luka Modric. Spaniens Regisseur Xavi wischte das Komplott-Geplapper ebenso vom Tisch wie Trainer Vicente del Bosque: «Spanien kann nur auf Sieg spielen!»

Kompromisslosen und damit geradezu untypisch italienischen Angriffsfußball fordert Prandelli gegen Irland auch von seiner Truppe. Für Mario Balotelli dürfte erstmals der lange geforderte Antonio «Totò» Di Natale von Anfang an neben Antonio Cassano stürmen. «Mit Totò werden wir abheben», prophezeite Italiens WM-Held von 1990 Totò Schillaci.

Vielen kamen Balotellis Knie-Probleme ganz gelegen, weil Prandelli den bei der EM genauso erfolglosen wie schwierigen Jungstar so ohne Gesichtsverlust auf die Bank setzen kann. Ganz ausfallen wird der ManCity-Stürmer aber wohl nicht - im Abschlusstraining war er bereits wieder dabei

Gegen seinen früheren Juve-Trainer Trapattoni formiert Prandelli sein Team völlig neu. Die Dreierabwehrkette mit Mittelfeldstar Daniele De Rossi bleibt zwar nach wie vor eine Alternative, die Rückkehr zum früheren 4-3-1-2-System aber gilt als ausgemacht. De Rossi kehrt dann neben Regisseur Andrea Pirlo ins Mittelfeld zurück. In der Defensive ersetzt der Ex-Wolfsburger Andrea Barzagli nach überstandener Wadenzerrung Leonardo Bonucci.

Die Nerven der Italiener sind zum Zerreißen gespannt, die Iren sind ganz locker. Trapattoni und sein Co-Trainer Marco Tardelli sagen: «Italien sollte keine Geschenke von uns erwarten» - und auch kein leichtes Spiel. Die Boys in Green waren beim 1:3 gegen Kroatien und dem 0:4 gegen Spanien nervös.

Jetzt geht es für das Team von Neu-Kapitän Damien Duff, der in seinem 100. Länderspiel die Binde von Robbie Keane erhalten wird, nur noch darum, «erhobenen Hauptes» nach Hause zu fahren, wie Trapattoni sagt. «Wir haben die Pflicht, unser Bestes zu geben. Wir spielen für unsere Ehre, für die unserer Nation und für die Fans, die uns unaufhörlich unterstützen.»

Die Chancen stehen gar nicht schlecht: Italien konnte die Iren unter Trap noch nie schlagen. Zuletzt gewannen die Iren 2:0, davor spielten sie zweimal unentschieden. Hält Irlands Serie, wäre Italiens EM-Debakel perfekt.