Vermischtes "Sanktionen und Abschreckung allein nutzen nichts"

23.03.2004, 23:00 Uhr

Die zentrale Aufgabe des Strafvollzuges, Inhaftierte auf den Tag der Entlassung vorzubereiten, haben Silke Hoppe, stellvertretende Leiterin der JVA Lingen, und ihr Amtsvorgänger Roland Schauer in einem Interview mit unserer Zeitung hervorgehoben. Die Anstalt feiert heute ihr 150-jähriges Bestehen.

Wenn Sie zum 150. Geburtstag der Strafanstalt einen Wunsch frei hätten, welchen würden Sie äußern?

Hoppe: Ich würde mir wünschen, nicht ganz so abhängig vom Geld zu sein und in der JVA Lingen zur gezielteren Vorbereitung auf die Entlassung insbesondere mehr Arbeitsplätze für Gefangene schaffen. Was das Betreuungs- und Behandlungsangebot anbelangt, sind wir auf einem guten Weg. Es fehlt den Kollegen aber oft die Zeit, sich mit den alltäglichen Problemen der Inhaftierten auseinander zu setzen. Vieles ließe sich in einem einfachen Gespräch klären.

Schauer: Ich wünsche mir, dass unser gesetzlicher Auftrag, nämlich den Gefangenen gezielt auf den Tag seiner Entlassung vorzubereiten, mehr Akzeptanz in der Bevölkerung findet. Es ist unsere Aufgabe, die Gestaltung des Strafvollzuges den Lebensverhältnissen außerhalb der Anstalt so weit wie möglich anzupassen. Mit Sanktionen und Abschreckung allein wird niemand auf den richtigen Weg zurückfinden.

In welchen Bereichen hat sich aus Ihrer Sicht der Strafvollzug an der Kaiserstraße in den letzten Jahrzehnten verändert?

Schauer: Die gravierendste Veränderung liegt darin, dass der Gefangene heute im Gegensatz zu früher als Mensch ernst genommen wird. Ich kenne die Anstalt seit rund 35 Jahren und kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, wo Inhaftierte auf engstem Raum zusammengepfercht wurden. Aggressionen unter Gefangenen und gegen Bedienstete gerichtet kamen häufig vor. In der Abteilung Groß Hesepe gab es nur Baracken. Acht bis zehn Leute in einem Raum mit Torfheizung - es war erschreckend.

Was waren die Folgen?

Schauer: Die Strafe war abschreckend, aber wirkungslos, da die Inhaftierten mangels Personal häufig sich selbst überlassen wurden. Heute dagegen leisten die Bediensteten sehr erfolgreiche Arbeit im Vollzug, indem sie mit großem Einsatz versuchen, trotz immer noch schwieriger Rahmenbedingungen den Vollzugsauftrag in die Tat umzusetzen.

Wie würden Sie das Verhältnis der Bevölkerung zur Anstalt beschreiben?

Hoppe: Ich glaube, dass die Bürger in Lingen zu dieser Anstalt schon eine besondere Beziehung haben. Jährlich besuchen rund 2000 Menschen das Gefängnis. Dies dokumentiert das große Interesse an dem, was hinter den Mauern vorgeht. Die Zahl ist aber auch ein Beleg für die Bereitschaft der Anstalt, gegenüber der Öffentlichkeit keine Geheimniskrämerei zu betreiben. Da ist die JVA Lingen anderen Einrichtungen sehr weit voraus.