Vermischtes ,,Rückkehr zur alten Schreibweise wäre für Schüler eine Katastrophe"

22.08.2000, 22:00 Uhr

Lingen (ao) ,,Eine Rückkehr zur alten Schreibweise wäre für die Schulen eine Katastrophe", kommentiert Hermann-Josef Pieper, Kreisvorsitzender des Verband Bildung und Erziehung (VBE), die wieder aufkeimenden Diskussionen über die Rechtschreibreform. Seit zwei Jahren lernen die Schüler nach den neuen Regeln zu schreiben. Schulleiter, Lehrer und Elternvertreter aus dem Altkreis Lingen sprechen sich vehement gegen eine erneute Änderung der Regeln aus, erklärten sie auf Anfrage unserer Zeitung.

,,Ich bin der Meinung, dass den Kindern das Schreiben durch eine ganze Reihe von Regelungen erleichtert wird", resümiert Hans Reinert, Schulleiter der Grundschule Lengerich, zwei Jahre nach Einführung der Rechtschreibreform. Genau kann Reinert aber nicht sagen, ob seine Schüler nun weniger Fehler machen. Aber viele Regelungen seien den Jungen und Mädchen verständlicher als die alten Regeln, zum Beispiel die jetzt erlaubte Trennung von ,,st". Keine Probleme sieht der Schulleiter darin, dass die Grundschüler eine andere Schreibweise erlernen als ihre Eltern. ,,Es kommt höchstens mal vor, dass ein Schüler als Ausrede sagt, ein Wort müsse jetzt so nach der neuen Rechtschreibung geschrieben werden, wenn die Eltern bei den Hausaufgaben einen Fehler entdecken", lacht Reinert.

Anders sieht das der Vorsitzende des Stadtelternrates Lingen, Udo Segelke. Die Eltern könnten ihren Kinderen bei den Hausaufgaben nicht mehr helfen. ,,Sie müssen sich erst mühevoll in die neuen Regeln einarbeiten. Dabei wissen die Lehrer oft selbst nicht, was wie geschrieben wird", kritisiert Segelke. Er habe die Rechtschreibreform von Anfang an abgelehnt, aber jetzt zu den alten Regeln zurückzukehren, sei auch falsch. ,,Unsere Kinder dürfen nicht zu den Experimentierfeldern unserer Politiker werden", warnt der Elternratsvorsitzende.

Nicht nur die Eltern mussten sich in den letzten zwei Jahren mit der neuen Schreibweise ihrer Kinder vertraut machen. Auch die Jungen und Mädchen an höheren Schulen sollten sich von ihrer alten Schreibweise verabschieden und umlernen. Wie die Umstellung gelungen ist, diskutierte Inge Hartmann zu Beginn des neuen Schuljahres mit ihren Deutschkollegen vom Franziskusgymnasium Lingen. ,,Erfolg ist die falsche Bezeichnung für die Rechtschreibreform", meint die Lehrerin. Es gebe sicherlich einige Vereinfachungen zum Beispiel bei der Zeichensetzung. Insgesamt sei die Reform in sich nicht logisch aufgebaut und beinhalte viele Ungereimtheiten, die selbst Erwachsene nicht nachvollziehen könnten. ,,Wie soll ich den Schülern etwas als Fehler anstreichen, was ich selbst jedes Mal erst nachschlagen muss?" fragt sich Frau Hartmann.

Eine Rückkehr zur alten Schreibform lehnen die Deutschlehrer vom Franziskusgymnasium aber ab, berichtet Frau Hartmann. Die neuen Regeln müssten pragmatisch gehandhabt und die Verwirrung nicht noch vergrößert werden. Ob die Gymnasiasten nun weniger Fehler machten, könne sie nicht beurteilen, weil bislang noch beide Regelungen gelten würden. ,,Die meisten Schüler haben sich auf die neue Rechtschreibung umgestellt, ein paar Mutige bleiben noch bei der alten", hat sie festgestellt. Auch die Leiterin des Lingener Johanneum, Adelheide Röttgers, lehnt eine ,,Reform der Reform" ab. Das würde das Chaos nur noch vergrößern. ,,Insgesamt tun sich die Schüler bei der Umstellung weniger schwer als die Erwachsenen", meint die Studiendirektorin.

Das sieht auch Regierungsschuldirektor Heiner Reinert so: ,,Es hat sich rechtlich nichts geändert", betont er, dass Lehrer und Schüler keine erneuten Regelungen für die Orthographie fürchten müssten. Die Schulen würden heute mit Materialien für die neue Rechtschreibung ins neue Schuljahr starten. Bis 2005 würde die alte Schreibweise zwar angestrichen, aber nicht als Fehler berechnet. ,,Die Lehrer müssen heute vielleicht häufiger nachschlagen, was richtig und falsch ist", meint der Schuldirektor. Aber eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung würde erhebliche Kosten verursachen, weil alle Materialien und Bücher dann erneuert werden müssten.

Für eine Weiterentwicklung der Sprachregeln spricht sich Hermann-Josef Pieper vom VBE aus. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Schüler es mit den neuen Regeln noch nicht so genau nehmen und zwischen den Schreibweisen hin und her springen. Die Mängel der Rechtschreibreform wie bei der ,,Getrennt- und Zusammenschreibung" könnten auf Dauer ausgemerzt werden. ,,Auf diese Weise wird die deutsche Sprache langsam weiterentwickelt wie das schon immer der Fall war", schlägt der Realschullehrer vor.