Vermischtes Orientierungskünstler fanden den Heimweg

30.07.2009, 22:00 Uhr

„Wir sind erleichtert“, erklärte der Neuenkirchener Taubenzüchter Heinrich Spilker. Der Vorsitzende der neun in der Reisevereinigung RV Melle zusammengeschlossenen Taubenzucht-Vereine freute sich über die glückliche Rückkehr fast aller Jungtauben von ihrem ersten Trainingsflug (60 Kilometer) am letzten Wochenende.

So selbstverständlich wie früher finden die gefiederten Orientierungskünstler ihren Heimweg nämlich nicht mehr. Im vergangenen Jahr hatte es vor allem in Nordrhein-Westfalen Meldungen über Verluste von 30 Prozent, 50 Prozent und mehr bei Preisflügen gegeben. „Die sich immer stärker verändernde Umwelt ist nach Expertenansicht schuld daran“, schrieb die „Rheinische Post“ am 28. Oktober 2008.

Der belgische Tierarzt und Brieftauben-Experte Fernand Marien meinte dazu in der Fachzeitschrift „Brieftaubensport International“: „Verluste unter Jungtauben hat es zu allen Zeiten gegeben, aber nicht in diesem extremen Ausmaß.“ Die Heimfinde-Intelligenz und der funktionierende „Kompass“ der Tauben basieren nach Einschätzung des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter auf dem Erdmagnetfeld und dem Sonnenstand. Taubenfreunde in NRW äußerten den Verdacht, dass die zunehmende Strahlung von Mobilfunksendern die Orientierungsfähigkeit der Vögel beeinträchtigt.

An solchen Spekulationen wollten sich Heinrich Spilker, Andreas Stenzel und Egon Gartmann vom Taubenverein „Kurier“ Neuenkirchen allerdings nicht beteiligen. „Störungen des Erdmagnetfeldes durch Radar-, Funk- oder Radiowellen und direkte ursächliche Beeinflussungen des Wahrnehmungsapparates der Tauben sind nicht zu beweisen“, so Spilker. „Bei Verlusten macht sich jeder seinen eigenen Reim, eine andere häufig genannte Erklärung sind Sonnenwinde“, ergänzte Stenzel. Bei Blitz und Donner sind sich die Züchter jedoch einig: Die stören erkennbar die Orientierung der Tauben, deshalb werden geplante Flüge bei drohenden Gewittern stets abgesagt.

Die Taubenfreunde betonen die sorgfältige Vorbereitung der Reisen, die seit 2006 von geschulten „Flugleitern“ beaufsichtigt werden. Dabei werden stets aktualisierte Daten des Deutschen Wetterdienstes ebenso berücksichtigt wie Meldungen von Beobachtern entlang der Flugstrecke. Trotz aller Sorgfalt waren aber auch die Meller Tauben im vergangenen Jahr betroffen: Bei einem der fünf Flüge kamen 15 Prozent der 900 Jungtauben nicht zurück. Für diese außergewöhnlich hohe Verlustrate gibt es nach Angaben der Sprecher der RV Melle bislang keine plausible Erklärung.

Alle anderen Flüge im vergangenen und diesem Jahr verliefen weitgehend normal. Beispielsweise verlor Andreas Stenzel von seinen 24 „Rennpferden der Lüfte“ bei insgesamt elf Alttierflügen nur zwei Tauben. „Für die üblichen Verluste von zwei bis drei Prozent in der gesamten Saison sind unter anderem Greifvögel, Hochspannungsleitungen oder andere Unglücke verantwortlich“, so Spilker. Ein Teil der verirrten Tauben komme nach Tagen oder Wochen doch wieder im heimischen Schlag an, teils aus eigener Kraft, teils mit dem Kleintiertransporter. Eine Telefonnummer auf dem Bein-Ring ermöglicht es jedem Finder, den Eigentümer zu verständigen.

Nach vorübergehender Unruhe blicken die Meller Taubenzüchter wieder zuversichtlich in die Zukunft: „Die Saison der Alttierflüge wurde jetzt ohne auffällige Verluste beendet, und der geglückte Start der Jungtaubenflüge gibt keinen weiteren Anlass zu übertriebenen Sorgen.“