Vermischtes Nur Rekordmarken helfen weiter

26.12.2002, 23:00 Uhr

Welch ein Wunder: Mitten im Trubel gibt es eine Insel der Ruhe. Während draußen die Besucher für die Ausstellung von Vincent van Goghs „Feldern“ anstehen, um ein Kunsthighlight des Jahres nicht zu verpassen, verbreitet im Obergeschoss der Sammlung Jam June Paiks „Triangle“ (1976/99) meditative Ruhe.

Prof. Wulf Herzogenrath spannt einen Moment aus. „Wir haben jetzt für van Gogh schon über 150.000 Besucher, viel mehr als beim Blauen Reiter zur gleichen Zeit“, hat er eben die neue Rekordmarke verkündet. Nun erläutert der Direktor der Bremer Kunsthalle Paiks Arbeit mit ihren Videokameras und TV-Monitoren. „Eine Kopie der Venus von Milo und ein Bronzeporträt des Künstlers, beides auf Bildschirmen konfrontiert – Paik vermittelt das Gestern und Heute der Kunst“, sagt Herzogenrath und wirft einen Blick in die Runde der Bilder und Plastiken des 19. Jahrhunderts, die Paiks Videowerk umgeben. Während sich unten Menschen vor Meisterwerken drängen, werden oben die Spannungen eines Kunstmuseums sichtbar: zwischen hektischem Event und dem ruhigen Geschäft des Sammelns und Bewahrens – mit dem Direktor mitten drin.

Doch der hat für Kunstgenuss keine Ruhe. „Das kriegen wir so schnell nicht wieder“, sprudelt es aus Herzogenrath heraus, während er behänden Schrittes an französischem Barock vorüber eilt, „Wir zeigen einen Mythos der Kunst“. Und der hat dem Museum im Norden erst einmal einen kleinen Umbau beschert. Überwachungskameras an jeder Ecke, Alarmanlagen hinter jedem Bild, ein Shop mit van Gogh-Souvenirs, ein Nebeneingang für Besuchergruppen. „Wir wollen bei all dem auch entspannt aussehen“, sagt Herzogenrath weiter, „aber mit unseren acht Mitarbeitern ist das eine echte Energieleistung“. Doch wozu der Kraftakt? Ganz einfach: Für neue Publikumsschichten, mehr öffentliche Zuschüsse und ein Renommee, das es der Kunsthalle weiter erlaubt, „in der Champions League mitzuspielen“, wie der Direktor sagt, während es mit dem Lastenaufzug nach unten geht.

Die Fakten sprechen jedenfalls für sich. Mit einer Reihe von Großausstellungen von Toulouse-Lautrec über Liebermann bis Fritz von Uhde und Blauer Reiter hat sich die früher eher beschauliche Kunsthalle Bremen in die erste Reihe der deutschen Museen vorgearbeitet. „Wir waren mit van Gogh in jeder Tagesschau, haben jetzt 84 Prozent Besucher, die nicht aus Bremen kommen, und schaffen in der Stadt ein neues Wir-Gefühl“, rechnet Herzogenrath in seinem Büro im Untergeschoss des Hauses vor. Immerhin hat der Kunstverein als Träger des Hauses heute 6.000 Mitglieder – doppelt so viel wie vor dem 1998 beendeten Umbau und fast so viel wie die SPD im Land Bremen.

„Natürlich muss ich da auch ein Marketingfachmann sein“, sagt der Kunsthistoriker, der dafür sorgte, dass zur Ausstellung des Blauen Reiter blaue Kunststoffpferde in der Bremer City aufgestellt wurden und nun im Wallgraben ein schwimmendes Mohnfeld installieren ließ, das auf den gleichnamigen Van Gogh verweist, der sich im Besitz der Kunsthalle befindet. Nichts als plakative Werbung? Der Erfolg gibt Herzogenrath recht. „Als ich 1994 kam, erhielt die Kunsthalle einen Jahreszuschuss von 1,92 Millionen DM. Jetzt sind wir bei 2,3 Millionen Euro. Ohne den Erfolg dieser Ausstellungen wäre das nie gegangen“.

Dabei ermöglichen diese Block Buster unter den Ausstellungen nicht nur kleinere Präsentationen, wie es Herzogenrath an der Nam June Paik-Schau deutlich macht, die es auf 20.000 Besucher brachte. „Die haben wir mit Fritz von Uhde verdient“, erläutert er. Zugleich muß er das Event mit kunsthistorischer Forschung verknüpfen. „Das Publikum will nicht nur mit schönen Bildern beliefert werden“, sagt Herzogenrath. Deshalb gibt es zu den Bildern van Goghs eine Dokumentation zu dem Kunststreit, der sich 1911 um den Ankauf des „Mohnfeldes“ in Bremen entzündete. Zwischen Quote und inhaltlichem Niveau: Ein Museumsdirektor balanciert auf dem Hochseil.

Bleibt da wirklich keine Zeit mehr für die Kunst? Aber sicher. Die Kontroverse um das Skandalbild von einst erinnert Herzogenrath an seine wichtigste Aufgabe. „Wie meine Vorgänger muss auch ich an dem Gedächtnis unserer Zeit weiter arbeiten, indem ich die Sammlung ausbaue“, sagt Herzogenrath. Er entschied sich für Videokunst – und kaufte unter anderem eine Arbeit Nam June Paiks („Ein van Gogh unserer Zeit“). Doch solche Coups lassen sich mit keiner Rekordausstellung verdienen. Da helfen Sponsoren, die längst begriffen haben, dass diese Kunsthalle vorführt, wie in einer Zeit knappen Geldes Kunst auf hohem Niveau gezeigt werden kann. „Das geht nur mit dem Erfolg“, wiederholt Herzogenrath seine goldene Regel, lächelt noch einmal und enteilt dann in das Gängegewirr der Depots. Draußen wird die Schlange am Kassenhaus länger. Van Gogh ist eben ein Mythos.