Vermischtes Nicht sofort den Stecker ziehen

30.07.2009, 22:00 Uhr

Pädophile, Pornografie, Rechtsradikalismus und unseriöse Geschäfte – „mit diesen und ähnlichen Themen werden Kinder und Jugendliche tagtäglich auf ihrer Reise durch das Internet konfrontiert“, erklärt Jürgen Eilers. „Für viele Eltern ist das oft eine beängstigende Realität, aber es hilft nicht, in Panik zu verfallen“, findet der Jugendschutzbeauftragte der Stadt Papenburg, der seine Erfahrungen bei Elternabenden in Schulen schildert.

„Computer und Internet sind nicht schädlich, aber man muss sich kritisch und nüchtern damit auseinandersetzen“, so der Fachdienstleiter Jugend bei der Stadt. Wenn Eilers in eine Schule eingeladen wird, stellt er häufig „eine Betroffenheit vor Ort“ fest. „Oft ist etwas vorgefallen: Ein Kind wurde über das Internet gemobbt, Eltern haben von pädophilen Übergriffen gehört und wollen sich informieren.“ Einmal sei er einige Wochen nach einem solchen Elternabend erneut in der gleichen Schule gewesen – zum Argwohn eines Schülers. Seine Eltern hatten ihm nach einem Elternabend den Computer weggenommen. „Seitdem ist mein erster Satz: Ziehen Sie nicht gleich den Stecker raus.“

Stattdessen erklärt Eilers: „Der Umgang mit Computern ist normal. In der Schule wird verlangt, dass sich Kinder im Internet für Hausaufgaben oder Referate informieren. Man kann so viel Positives mit dem PC machen und bekommt ja auch gute Informationen im Internet.“ Allerdings gelte es, ein Auge auf das Nutzungsverhalten zu haben. Wenn Eilers anhand einer Studie schildert, dass 72 Prozent der 12- bis 13-Jährigen mehrmals pro Woche oder gar täglich im Internet unterwegs seien, ernte er oftmals ein „breites Nicken“ der Elternfront. Die Nutzungsdauer sei mitunter Grund zur Besorgnis. „Da gibt es ganz erschreckende Ergebnisse. Vier bis fünf Stunden Internetnutzung am Tag sind keine Seltenheit.“

Für den 42-Jährigen ist die PC-Verwendung eine Generationenfrage. „Viele Eltern von heute haben sich nicht mit Computern beschäftigt und werden jetzt von ihren Kindern eingeholt, die viel mehr Ahnung haben.“ Eilers selbst habe 1993 seine Diplomarbeit mit einem Computer geschrieben, „der hatte eine Textverarbeitung, aber ich konnte am Bildschirm nicht einmal sehen, wie später der Ausdruck aussieht.“ Heute gebe es längst nicht mehr nur einen zentralen Rechner im Haushalt, sondern viele Jugendliche hätten ihren eigenen PC im Zimmer. Mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten sei für Erwachsene eine Frage des zeitlichen Aufwands, schränkt Eilers ein, aber Eltern dürften „keine Angst vor den neuen Medien“ haben.

Denn eine ordnende Hand kann aus Sicht des Papenburger Jugendschützers nicht schaden. „Stars stellen heutzutage ins Internet, dass sie ihre Unterwäsche wechseln. Vorbilder geben ihre Intimitäten preis. Ich finde es sehr bedenklich, dass wir uns so produzieren müssen und das normal finden“, geißelt Eilers die manchmal belanglosen Einträge auf Seiten wie Facebook oder Twitter (siehe Info-Box). Er fordert die Auseinandersetzung mit Informationen, „was wichtig ist und was nicht“. Nur wenn Erwachsene den kritischen Umgang mit den Medien vorlebten, könnten Jugendliche diesen lernen. Eilers zieht einen einfachen Vergleich: „Im Internet lassen wir jemanden mit einem Klick ins Privatleben. Wenn jemand erzählt, er sei ein 15-jähriger, netter Kerl, dann glauben wir das. In der Realität bildet unsere Türschwelle eine Hemmschwelle. Da überlegen wir uns gut, wen wir ins Haus lassen.“ Diese gesunde Skepsis müsse auch beim Internet-Gebrauch angewendet werden.

Seine Aufgabe sieht Jürgen Eilers darin, „Eltern vorzubereiten, damit sie ihre Kinder richtig auf das Internet vorbereiten“. Erwachsenen, die sich mit Computerthemen auseinandersetzen wollen, bietet der Jugendschutzbeauftragte an, weiterhin bei Elternabenden vorzutragen oder Kurse im Jugendzentrum durchzuführen. Die Aufklärung der Erwachsenen ist Eilers ein wichtiges Anliegen: „Wenn Eltern den kritischen Umgang nicht vermitteln, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Kinder Opfer von Mobbing oder Pädophilen oder selbst zu Tätern werden.“