Vermischtes Mitten in Berlin die Wende verschlafen

16.07.2009, 22:00 Uhr

Die gute Nachricht erhielt Gerhard Ertl ausgerechnet an seinem 71. Geburtstag. Am Morgen des 10. Oktober 2007 klingelte plötzlich das Telefon: Vermutlich dachte der Professor, am anderen Ende der Leitung sei ein weiterer Gratulant. Doch der Anrufer aus Stockholm teilte mit, dass Ertl den Nobelpreis für Chemie erhält. Die erste Ehrung für einen Deutschen in dieser Disziplin seit fast 20 Jahren. Im Interview mit unserer Zeitung plaudert Ertl nicht nur über diese Auszeichnung, sondern auch über Persönliches fernab der Wissenschaft.

Herr Professor Ertl, 2009 ist ein Jahr der Jubiläen. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Sie waren damals Leiter des Berliner Fritz-Haber-Instituts. Wie haben Sie den Tag vor 20 Jahren erlebt?

Die Mitteilung kam ja am Abend. An so etwas wie den Mauerfall hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich habe mit meiner Frau zu Abend gegessen, und wir sind dann ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen habe ich dann in der Zeitung von der großen Überraschung erfahren. Wir haben uns dann geärgert, dass wir nicht länger aufgeblieben sind und geguckt haben.

In diesem Jahr wäre Heinz Erhardt 100 Jahre alt geworden, Donald Duck feierte seinen 75. Geburtstag. Über wen können Sie mehr lachen?

Zweifellos über Heinz Erhardt, der einen intellektuellen Hintergrund hat. Donald Duck ist für Kinder.

Sie selbst haben in diesem Jahr auch ein kleines Jubiläum: Sie sind seit 45 Jahren verheiratet. Wissen Sie, wie man diesen Hochzeitstag nennt?

Nein, gibt es dafür einen besonderen Namen?

Platinhochzeit. Was ja sehr gut zu Ihnen passt. Schließlich haben Sie mit Ihrer Erkenntnis, dass sich Kohlenmonoxid mit Sauerstoff auf Platin zu Kohlendioxid verbindet, den Autokatalysator ermöglicht.

Und ich dachte, Platinhochzeit hätte man, wenn man 60 oder 70 Jahre verheiratet wäre. Also vor der goldenen gibt es noch die Platinhochzeit?

Ja.

Das werde ich am Abend gleich meiner Frau erzählen.

Es heißt, sie vermeiden unnötige Streitigkeiten mit Kollegen, um Zeit zu sparen. Trifft das auch für die Ehe mit Ihrer Frau zu?

Nicht um Zeit zu sparen. Ich bin von Haus aus ein friedfertiger Mensch. Deshalb hatte ich auch nie Ärger mit meinen Kollegen. Zu Hause gibt es natürlich Meinungsverschiedenheiten. Es wäre ja nicht normal, wenn es die nicht gäbe.

Verwöhnen Sie Ihre Frau daheim mit ihrem Klavierspiel? Sie gelten ja als exzellenter Pianist.

Meine Frau singt in einem großen Berliner Chor, der zweimal im Jahr größere Werke aufführt. Dazu spielt Orchester. Dieses hat aber nur die letzten zwei Proben Zeit. Aber auch vorher muss der Chor natürlich schon jemanden haben, der ihn begleitet. Das mache ich dann am Klavier. In den letzten sechs bis acht Wochen vor den Auftritten bin ich regelmäßig dabei.

Haben Sie neben dem Klavierspiel noch eine zweite Leidenschaft fernab der Wissenschaft?

Meine Frau und ich spielen sehr gern. Meine Frau hat, nachdem wir beide in den Ruhestand getreten sind, im Keller eine große Eisenbahnanlage aufgebaut. Ich habe den Gleisplan entworfen, und sie hat sie aufgebaut. Mit Häuschen und allem Drum und Dran. Spielen ist etwas, das man als älterer Mensch durchaus noch betreiben kann.

Wie haben Sie als öffentlicher anerkannter Musiker...

So weit würde ich nicht gehen. Eher Amateur.

...das Drama um den Tod von Michael Jackson verfolgt? Berührt Sie die Geschichte?

Ich habe das ganze Theater, das dann eingesetzt hat, nicht verstanden. Etwa dass das Repräsentantenhaus seine Sitzung unterbricht, um eine Schweigeminute einzulegen. Als Popstar gehört er im Wesentlichen zur Unterhaltung. Und Unterhaltung hat keinen epochalen Stellenwert.

Apropos Epoche: Die Bundesrepublik feiert in diesem Jahr 60-jähriges Bestehen. Welche Ereignisse aus dieser Zeit haben sich Ihnen eingeprägt?

Als ich noch in der Schule war, ging es um die Wiederbewaffnung, die Einführung der Bundeswehr. Das war unter Schülern ein ganz heißes Thema, und es gab darum noch eine echte politische Auseinandersetzung. Wie auch über den Machtkampf zwischen SPD und CDU, zwischen Kurt Schumacher und Konrad Adenauer. Es wurde noch über grundsätzliche und existenzielle Fragen gestritten. Dagegen sind die Themen, um die es heute geht, Kinkerlitzchen. Ob man nun die Mehrwertsteuer um ein paar Prozentpunkte raufsetzt oder nicht, ist doch nicht das, was die Nation im Endeffekt bewegt. Früher hatten die Politiker auch noch ein anderes Kaliber. Das waren die Menschen, die das Dritte Reich überwunden hatten und einen Neuanfang gemacht haben. Es waren nicht die Funktionäre, wie wir sie heute häufig haben.

Können Sie sich das erklären, warum die heutigen Politiker nicht mehr das Format haben?

Die Herausforderungen sind nicht mehr so groß wie damals. Und die idealistische Einstellung, etwas für sein Land zu tun, ist nicht mehr so ausgeprägt wie in den Jahren nach dem Krieg. Damals wusste jeder, wir müssen die Ärmel hochkrempeln, etwas Neues aufbauen. Heute geht es nur noch darum, das Bestehende zu erhalten.

Und deshalb sind die Nachkriegsgenerationen auch unpolitischer.

Das hängt damit zusammen. Sie brauchen nur die Beteiligung an der jüngsten Europawahl zu betrachten. Das war doch ein Desaster.

Wie haben Sie das Wirtschaftswunder erlebt?

Wir hatten alle das Gefühl, es geht aufwärts, es wird jeden Tag etwas besser. Wenn man das, gemessen an der heutigen Situation, betrachtet, ging es den Leuten damals viel schlechter als heute. Aber sie hatten das Gefühl, es geht aufwärts. Heute ist es genau anders herum: Die Leute haben das Gefühl, es wird ihnen in Zukunft schlechter gehen. Damals hingegen war allgemein sehr viel Optimismus zu spüren. Es gab keine Arbeitslosigkeit, jeder hat sich gefreut, sich ein Auto leisten zu können. Oder in Urlaub fahren zu können. Das waren noch Ziele.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Auto?

Mein Vater hatte einen Opel Kadett, Baujahr 1938. Den hatte er damals gebraucht gekauft, so gegen 1949. Das war wirklich ein tolles Ereignis. Dann folgte ein Käfer, Baujahr 1951. Den ist er lange gefahren. Später habe ich den dann auch noch selbst benutzt.

Sind Sie mit der Familie auch einmal über den Brenner nach Italien gefahren?

Selbstverständlich. Das waren damals noch die großen Erlebnisse: einmal zum Gardasee zum Zelten fahren.

Heutzutage bräuchte man ein neues Wirtschaftswunder. Welche Auswirkungen wird die globale Krise auf den Forschungsstandort Deutschland haben?

Im Augenblick spürt man noch nichts davon. Die Krise wird auch nicht die Forschung beeinflussen. Im Gegenteil: Die Regierung hat ja ein neues 18-Milliarden-Euro-Paket beschlossen. Weil man offenbar erkannt hat, dass die Zukunft unseres Landes sehr davon abhängig sein wird, wie man Erziehung und Forschung entsprechend fördert. Auch sonst habe ich das Gefühl, dass die Deutschen mit der Krise relativ gut fertig werden. Viele sind zwar von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit betroffen, aber der Staat hat ein Netz aufgebaut, dass es den Leuten nicht so schwer macht, damit fertig zu werden.

Aber die Debatte um die Krise schiebt weitere wichtige Themen wie den Klimawandel ins Abseits.

Das stimmt. So ist leider auch der Bevölkerung nicht wirklich bewusst, wohin das CO2-Problem führen kann.

Können wir es uns denn vor dem Hintergrund der globalen Klimaerwärmung überhaupt noch leisten, die Wirtschaft in den Vordergrund zu stellen?

Wir haben Bundestagswahlen im September. Dadurch wird das Handeln der Politiker bestimmt. Und mit dem Klimaproblem können Sie als Politiker keinen großen Blumentopf gewinnen.

Verhindert Demokratie die Erhaltung der Welt?

So weit würde ich nicht gehen. Ich glaube immer noch, dass Demokratie die beste Regierungsform ist. Aber wir haben es in Amerika gesehen: Die Regierung hat über Jahre hinweg das Problem einfach übersehen.

Welche Rolle spielt die Chemie in Sachen Klimawandel, Umweltverschmutzung, erneuerbare Energien?

Die Chemie wird dabei eine Schlüsselrolle einnehmen. Die CO2-Problematik, der Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration und dem globalen Temperaturanstieg, ist von der Chemie erkannt und in die Öffentlichkeit gerückt worden. Nun müssen politische Entscheidungen auf solchen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Das scheint auch die Politik langsam zu kapieren. Unsere Bundesregierung hat dies zumindest erkannt.

Stichwort CO2: Die Regierung hat kürzlich ein Gesetz verworfen, das unterirdische Speicherung von Kohlendioxid ermöglichen sollte. Eine richtige Entscheidung?

Die Technologie ist noch nicht genügend ausgereift. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es eine gute Lösung wäre, weiterhin CO2 zu produzieren und dann irgendwo zu lagern.

Sondern?

Man müsste vielmehr versuchen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, alternative Energiequellen zu nutzen und den Energieverbrauch zu senken. Etwa indem man kleinere Autos baut. Und das können Sie über politische Maßnahmen machen. Machen Sie das Benzin teurer.

Zu Ihrem Nobelpreis: Hat die Auszeichnung neue Motivation ausgelöst, oder wussten Sie: Mehr kann ich nicht erreichen?

Genau das. Mehr kann ja nicht mehr kommen. Das hat mir auch ein Kollege gesagt: Jetzt kriegst du nur noch Ehrendoktortitel. Genauso ist es auch. Erst kürzlich bin ich nach Belfast gereist, um einen neuen Ehrendoktor entgegenzunehmen. Das ist das, was man jetzt noch als Ernte einheimsen kann. Und dem kommt entgegen, dass ich schon im Ruhestand war. Wenn einer mit 40 den Preis kriegt, dann muss er unter einem enormen Druck stehen, weil die ganze Welt wartet, welche Großtat als Nächstes bei ihm folgt. Einem 70-Jährigen verzeihen sie, wenn er nichts Großartiges mehr macht.

Es hat also auch einen Vorteil, erst viele Jahre nach der revolutionären Entdeckung den Nobelpreis dafür zu bekommen.

Schon. Was vorher aber schlimm ist, ist die Ungewissheit. Wenn mir jemand mit 55 gesagt hätte, mit 70 kriegst du den Nobelpreis, wäre das wunderbar gewesen. Aber so...

Sie hatten zuvor also Jahr für Jahr gehofft.

Ja, ja. Es gibt viele, die hoffen und warten. Ich wusste nur, dass ich auch zu den Kandidaten zähle. Aber es sind mehr als ein Dutzend andere, die sozusagen auch anstehen.

Wie haben Sie das Preisgeld in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro erhalten?

Da war eines Tages die große Zahl auf dem Kontoauszug. Einen größeren Teil des Geldes habe ich in eine Stiftung eingegeben.

Als gelernter Physiker haben Sie den Nobelpreis für Chemie erhalten. Sehen Sie sich eher als Physiker oder Chemiker?

Ich fühle mich auf beiden Seiten zu Hause. Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, würde ich wahrscheinlich Biologie studieren. Ich denke, das ist das Gebiet, auf dem am meisten passieren wird in den nächsten Jahren.