Vermischtes Lebenshalt im zart gewobenen Sprachgefüge

26.07.2009, 22:00 Uhr

Allein mit ihrem langen, 97 Jahre währenden Leben überwölbte sie eine ganze Epoche zwischen Exilerfahrung und Mauerfall. Mit ihrem literarischen Werk führte sie exemplarisch vor, wie eine Sprache gegen alle Brüche und Katastrophen der Historie zur Heimat werden kann. Und nicht zuletzt schrieb sie Lyrik für Leser. Hilde Domin verkörperte mit dem ebenso sanftmütigen wie beharrlichen Ton ihrer Gedichte literarische Kontinuität. Und das im allerbesten Sinn. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Das Leben der 1909 als Hilde Löwenstein in Köln geborenen Autorin bot genügend Stoff für ganze Filme. Die Dichterin verarbeitete ihre Lebensgeschichte in autobiografischen Büchern. Nach ersten Studien in Deutschland entschloss sie sich nach dem Erlebnis einer Rede Hitlers bereits 1932 zur Emigration. Mit ihrem Mann Erwin Walter Palm lebte sie in Italien und England, schließlich von 1940 bis 1954 in der Dominikanischen Republik. Dem Namen dieses Staates entlehnte Hilde Domin ihren Autorennamen. Seit 1961 bis zu ihrem Tod am 22. Februar 2006 lebte sie in Heidelberg.

Gegenpol zur „Todesfuge“

Unter Tropenpalmen beginnt die Autorin 1951 ihr literarisches Leben. Hilde Domin schreibt Gedichte, mit denen sie aus dem Exil den Weg zurück nach Deutschland findet. „Da stand ich auf und ging heim, in das Wort“: Wo andere Autoren zur Sprache der Täter auf Distanz gehen, entdeckt die Lyrikerin eine Basis neuen Vertrauens – in Versen, die mit ihrer schlichten Schönheit unverbrüchliche Integrität ausstrahlen. In „Nur eine Rose als Stütze“ sammelt Domin ihre ersten Gedichte. Der schmale Band avanciert 1959 zu einer der erfolgreichsten Sammlungen der Lyrik nach 1945. Der einprägsame Titel beschert der Autorin ein bleibendes Erkennungszeichen.

„Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft“: Wie ein Gegenpol zu dem „Grab in den Lüften“, mit dem Paul Celans „Todesfuge“ betroffen macht, nimmt sich Hilde Domins Position als Rettung aus, die so nur das Gedicht mit seinem integralen Sprachgefüge bieten kann. Wo auf Menschlichkeit kein Verlass ist, baut Literatur eine fragile Brücke der Humanität: Diesem Ideal bleibt Hilde Domin treu – mit Gedichten, die durch ihre sorgfältig gewählte Sprache und einen sensiblen Rhythmus vielen Lesern zu lebenslangen Begleitern werden. Sammlungen wie „Hier“ (1964), „Ich will dich“ (1970) oder zuletzt „Der Baum blüht trotzdem“ (1999) machen Domins Gedichte zu Verkaufserfolgen.

Natürlich trägt dazu auch eine Schreibhaltung bei, die das risikoreiche Sprachexperiment ebenso scheut wie das zeitkritische Engagement. Zwar thematisiert Hilde Domin in späteren Gedichten Fragen von Krieg, Medien oder dem Umgang mit der Umwelt, bleibt dabei jedoch stets dezent. Die Frage nach der persönlichen Existenz bestimmt das Zentrum ihres lyrischen Schreibens. Gerade in dieser Unaufgeregtheit wird sie für andere Lyrikerinnen nach 1945 von Ingeborg Bachmann über Sarah Kirsch bis Ulla Hahn zum Vorbild – auch im Sinn kritischer Distanzierung.

Hilde Domin hat solchen Raum der produktiven Auseinandersetzung allemal selbst eröffnet. Ihre 1966 zuerst publizierte, inzwischen legendäre Anthologie „Doppelinterpretationen“, die Gedichtanalysen von Autoren denen von Kritikern und Literaturwissenschaftlern gegenüberstellt, leistet Pionierarbeit für die Vermittlung moderner Lyrik an ihre Leser. Hilde Domin beschreibt darin ihre Gedichte als „Kräftefelder“, in denen sich Gefühl und dessen rationale Kontrolle vereinen. Lyrik bleibt für sie unersetzbares Medium der existenziellen Selbstvergewisserung: „Nicht müde werden/sondern dem Wunder/leise/wie einem Vogel/die Hand hinhalten.“