Vermischtes Klimmzug in die Moderne

12.12.2002, 23:00 Uhr

Die großen Gefühle, die pathetischen Glückserwartungen sind längst Vergangenheit, mögen zwar Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama von 1879 besiedeln, aber nicht mehr Stephan Kimmigs Inszenierung für das Hamburger Thalia Theater.

Coole Gegenwartsmenschen ziehen ihre Pirouetten über die Bühne von Katja Haß. Susanne Wolf schiebt ihren jugendlichen Charme vor sich her wie ein Markenzeichen, schaut aber unbeobachtet ziemlich frustriert und gelangweilt drein. Norman Hacker demonstriert als Torvald Helmer in jeder Bewegung die polierten Fassade des Aufsteigers. Und Victoria Trauttmansdorff verfolgt als Nora-Freundin Christine und unsägliche Transuse doch erstaunlich energisch ihre egoistischen Ziele.

Die Ehe der Helmers wirkt wie ein Versuch, an den niemand wirklich glaubt, deren Spielregeln dennoch mit skeptischer Vorsicht eingehalten werden. Die Sollbruchstelle liegt offen zutage, in Form einer starren Welle im neuen Teppichboden, die sich wölbt, als sei Noras dunkles Geheimnis als Leiche darin eingewickelt.

Die fünf Schauspieler sprechen in Zimmerlautstärke miteinander, für die Zuschauer verstärkt durch Mikroports. Das ermöglicht ihnen die feinen Farbnuancen einer Umgangssprache, in die die Flapsigkeit und Drastik unserer Tage Einzug gehalten hat. Denn in Hamburg wird kaum mehr Ibsen im Originalton gesprochen, sondern eine von Kimmig noch einmal bearbeitete Fassung von Gottlieb Greiffenhagen und Daniel Karasek. Man begreift, ganz nebenbei: Mit den heute gängigen Verbalaggressionen, mit denen ständig von "abhauen", "schuften wie ein Idiot" und "kaputtmachen" gesprochen wird, sollen Distanzmauern zwischen den Menschen eingerissen werden.

Doch bei aller Modernität bleibt bei Kimmig Ibsen Ibsen. In einem staunenswerten Kraftakt hat er das auf uns zwangsläufig verstaubt wirkende Emanzipationsdrama in die Gegenwart gezogen. Ohne es ans Schrille, Poppige oder modisch Tragikferne zu verkaufen. Ein Kampf der Geschlechter spielt sich ab, der viel komplexer ist als in Ibsens "Nora. Ein Puppenheim". Die Figuren entfalten sich nicht erwartbar als nur Gute und nur Böse. Deshalb behalten sie aus ihrer jeweiligen Position heraus recht.

Der Krogstadt von Peter Jordan verlässt das eiskalte Fahrwasser des subalternen Erpressers und Halsabschneiders, als seine einstige Verlobte Christine seine ihm so kostbare bürgerliche Existenz rettet. Nora scheint zu ahnen, dass sie ihre jahrelange Rolle als Torvalds "flauschig weißer Kuschelhase" sehr wohl mitgespielt hat und diese nun nicht ihrem Mann zum Vorwurf machen kann. Torvald selbst ist zwar ein autoritärer Knochen, der wie viele Männer seine Frau und ihre Aktionen aus Liebe für fahrlässig blöd hält, aber sie noch im rechten Moment loslässt, als sie ihn und die drei Kinder verlassen will. Wohl wissend, dass der Schritt in die Freiheit für beide keine emanzipatorische Rebellion mehr ist – sondern der Schritt ins Leere, Beziehungslose oder in den Wiederholungszwang mit anderen Partnern. Damit unterscheidet sich Kimmigs Lesart deutlich von der Berliner Thomas Ostermeiers, die jüngst mit Helmers Gewalttod im Aquarium endete. - Auch hartnäckige Gegner moderner Lesarten von Bühnenklassikern würden sich der beklemmenden Aktualität des Hamburger Beziehungskampfes nicht entziehen können.