Vermischtes Kind in Not geholfen und dann bestraft

21.07.2009, 22:00 Uhr

Horst Eckrodt ist sauer: „Ich werde meine Strafe bezahlen, die Punkte kassieren und meinen Führerschein vier Wochen lang abgeben. So wie es der deutsche Staat von mir verlangt. Aber in Ordnung ist das nicht.“

Der 37-jährige Bad Essener ist von Beruf Taxifahrer und Chef des Unternehmens Taxi Wessler. Am 25. Februar dieses Jahres wurde er um 11.22 Uhr auf der Bundesautobahn 1 in Münster (Kilometer 264,770) in Fahrtrichtung Dortmund geblitzt. Er fuhr 122 Stundenkilometer und überschritt die zulässige Höchstgeschwindigkeit um 42 Stundenkilometer. Zulässig waren 80 Stundenkilometer. Doch die zügige Fahrt auf der Autobahn hatte einen lebenswichtigen Grund: Eckrodt fuhr notfallmäßig Patrik, einen zwölfjährigen Jungen aus der Gemeinde Bohmte, der an einer Stoffwechselstörung leidet, in das Universitätsklinikum Münster. Es war Gefahr im Verzug, und es galt, keine Zeit zu verlieren. Jede Minute zählte.

Das Kind leidet nämlich an einer Methylmalonaziurie, deren Behandlung in der Uniklinik Münster erfolgt. Dieser Stoffwechselstörung liegt ein Abbaudefekt von Aminosäuren zugrunde. Die Stoffwechselstörung kann bei Infekten, Erbrechen und Fieber zu einer lebensbedrohlichen Krise verlaufen, wie Prof. Dr. Thorsten Marquardt, Leitender Oberarzt der Stoffwechselabteilung, dem Taxifahrer ausdrücklich bescheinigt hat. Am 25. Februar 2009 bestand laut Klinik ein solcher Notfall. Das Kind war durch Erbrechen mit Fieber in einem sehr schlechten Zustand mit beginnender Bewusstseinstrübung.

Dieser Zustand sei durch die rasche Reaktion der Mutter und die umgehende Fahrt mit dem Taxi noch rechtzeitig in der Notaufnahme der Klinik aufgefangen worden. So weit, so gut. Alles in Ordnung. Sollte man meinen.

Doch das Ordnungsamt der Stadt Münster scheint offensichtlich kein Erbarmen zu kennen. Obwohl das Universitätsklinikum Münster dem Taxifahrer aus Bad Essen schriftlich bestätigt hat, dass ein Notfall bestand und durch die rasche Fahrt Schlimmeres verhindert worden ist, wurde Horst Eckrodt ein Bußgeldbescheid zugestellt. Auch vor dem vom Bad Essener geschilderten und belegten Hintergrund ergebe sich keine Änderung der Sach- und Rechtslage, ist dort schwarz auf weiß nachzulesen. Das Allgemeininteresse an der Sicherheit des Verkehrs überwiege gegenüber dem Einzelinteresse eines Fahrgastes, betont das Ordnungsamt der Stadt Münster. Auf Nachfrage sagte eine Sprecherin, zum speziellen Einzelfall könne sie nichts sagen. Der Bundesgesetzgeber habe die entsprechenden Vorschriften erlassen, die offensichtlich verletzt worden seien. Grundsätzlich sei es so, dass ein Verkehrsteilnehmer, der noch nicht im Straßenverkehr aufgefallen sei, eine Umwandlung des Fahrverbotes in eine erhöhte Geldbuße beantragen könne.

Taxifahrer Eckrodt hat 187 Euro zu zahlen, kassiert drei Punkte in Flensburg und erhält obendrein noch vier Wochen Fahrverbot. Er kann das nicht verstehen: „Wenn jemand in Gefahr ist und ein Notfall vorliegt, da kann ich doch nicht so tun, als wäre das nicht so. Was sind das nur für Menschen oder Behörden, die so verbohrt sind?“

Und wenn er wieder in eine solche Situation kommt? Horst Eckrodt: „Dann werde ich wieder so handeln und die Person sicher und zügig in die Notaufnahme bringen. Ist doch wohl klar.“