Vermischtes John Malkovich verführt als Frauenmörder

17.05.2010, 12:02 Uhr

Hamburg (dpa) ­ Weißer Anzug, weiße Schuhe, schwarzes Hemd und Sonnenbrille: Der Mann, der so die Bühne des Hamburger Schauspielhauses betritt, winkt lässig wie ein Star.

Mit flapsigen Witzen buhlt er auf Englisch um die Gunst der Zuschauer ­ etwa über die Problem-Baustelle Elbphilharmonie. Oder über seinen Landsmann Arnie: «Wie Sie wissen, bin ich ein lebendes Beispiel der Unmöglichkeit, den österreichischen Akzent zu überwinden ­ genau wie Schwarzenegger.» Frauenmörder Jack Unterweger, der sich 1994 umbrachte, scheint hier als Wiedergänger zurück aus der Hölle, um seine Autobiografie vorzustellen. Doch in Wirklichkeit verkörpert Hollywood-Größe John Malkovich den einstigen Society-Liebling ­ im schrägen, in mehrfacher Hinsicht zwiespältigen Musiktheater-Solo «The Infernal Comedy ­ Confessions Of A Serial Killer».

Um Schein und Sein, Lüge und Wahrheit, Medienrealität und Fiktion geht es darin. Mit Szenenapplaus und langem Beifall im Stehen dankte das Publikum am Sonntagabend dem charismatischen Darsteller (56), dem Barockorchester Wiener Akademie unter Martin Haselböck, den Sopranistinnen Louise Fribo und Aleksandra Zamojska sowie dem Autor und Regisseur Michael Sturminger. In Hamburg war Deutschland-Premiere des Projekts, das bereits 2008 in Kalifornien und 2009 in Wien zu sehen war. Derzeit touren die Künstler durch Europa und Kanada; vom 2. bis 6. Juni gastiert das Musiktheaterprojekt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Gestenreich und werbend berichtet Malkovichs Unterweger aus seiner Lebensgeschichte ­ das vermeintlich frisch gedruckte Buch liegt auf einem Tischchen mit Leselampe und Wasserflasche an der Rampe. Dahinter sitzt das Orchester. Passend zu Kapitelthemen wie «Mutter», «Frauenheld», «Autor», «Lügner» und «Killer» treten die Sängerinnen auf und singen Arien von Gluck, Vivaldi, Mozart, Haydn. «Sie repräsentieren die Frauen meines Lebens ­ eine Idee meines Verlegers», sagt mit rauer Schmeichelstimme der Mann, der sich mit Don Giovanni vergleicht. Während die Wiener Akademie wunderbare, antik klingende Musik produziert und die Sopranistinnen voller Gefühl und Kraft intonieren, legt dieser Unterweger seinen Kopf an deren Bauch, tanzt mit ihnen, stranguliert sie mit BH-Trägern, seiner tatsächlichen Waffe.

Der reale Täter war in den 70er Jahren wegen Mord im Gefängnis, dort zum Autor und Intellektuellen-Idol geworden. Geistesmenschen wie etwa Elfriede Jelinek hatten sich für seine Freilassung eingesetzt. Vom österreichischen Bundespräsidenten wurde er begnadigt. Doch Unterweger tötete erneut ­ wohl insgesamt elf Prostituierte. Der Mann, der sich nach seiner weiteren Verurteilung selbst die Schlinge um den Hals legte, gilt heute als Paradebeispiel für falsch verstandene Resozialisation. «Frauen sind immer mein Schicksal gewesen», resümiert auf der Bühne der Untote: Man werde von ihnen geliebt oder allein gelassen.

Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verwischen ­ sogar für seinen eigenen Wikipedia-Eintrag zeigt sich dieser Unterweger verantwortlich. Malkovich gibt den Killer, der selbst nie ein Geständnis ablegte, als einen im Kern schwachen, um Identität und Anerkennung ringenden Mann: «Ich bin lieber ein Mörder als ein Niemand.» Doch am Schluss muss er bekennen: «Ich bin ein Flop.» Dagegen triumphieren die Frauen, die in leidvollen Arien ihren Seelenreichtum offenbaren. Formal inspiriert von der barocken Form des Musikmelodrams, verfügt das Unterweger-Projekt im kruden Mix aus Hochkultur und Yellowpress-Inhalten über Charme und Sinn. Letztlich aber bleibt es Küchenpsychologie. Hauptattraktion, neben der Musik, ist eben doch der Hollywood-Star ­ und Malkovich hat man in Kinorollen noch um einiges nuancierter und bedrohlicher erlebt.