Vermischtes Homeyer: Ich habe muttige Menschen kennengelernt

25.04.2001, 22:00 Uhr

Auch 15 Jahre nach dem Supergau hat der Name "Tschernobyl" noch nichts von seinem Schrecken verloren. Missbildungen, Leukämie und andere Krebsarten haben in Weißrussland in enormem Maße zugenommen. Pfarrer Burkhard Homeyer, Bundesvorsitzender der Stiftung "Den Kindern von Tschernobyl", berichtete auf Einladung des Arbeitskreises Stolin der evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln und den Schulen den Schülern der 9. und 10. Klassen der Real- und Hauptschule von der schwelenden Katastrophe.

"Als das Reaktorunglück passierte, waren viele von euch noch nicht geboren", bemerkte der Realschulrektor Franz-Josef Schlie. Dennoch mache ein "Aktionstag Tschernobyl" Sinn. Homeyer wählte eine besondere Form des Vortrages. Er entwarf ein atomares Szenario. "In Westerkappeln wird ein Atomkraftwerk gebaut", schleuderte der Referent in die Aula, stürmte mit dem Mikro durch die Stuhlreihen und führte bei den verdutzten Schülern eine Expertenanhörung durch. Viele richteten ihre Blicke zum Boden, andere verweigerten schlicht die Aussage. Nur einer meldete sich und erklärte vollmundig: "Atomkraft ist eine tolle Energie."

"Eine tolle Energie": Das war das Stichwort, auf das Homeyer offenbar gewartet hatte. Denn nun wurde die Konfrontation der Schüler mit dem Schreckgespenst "Tschernobyl" konkreter. "Was passierte mit den Kindern, die nach dem Gau geboren wurden?, fragte Homeyer in die Runde. "Mißbildungen", "geistige Behinderungen" und "organische Krankheiten", lauteten die Antworten der Jugendlichen. "Und noch heute kommen kranke Kinder zur Welt", ergänzte der Aktivist. "Diese Kinder benötigen unendlich viel Hilfe."

Danach folgte ein Ausflug in die Welt der Naturwissenschaften. Und wieder setzte Homeyer auf die Mitarbeit der Schüler. "Hätte ich nur einen Vortrag gehalten, wären mir bestimmt einige eingeschlafen." Und die Schüler entpuppten sich als junge Physiker, Biologen und Chemiker. Eine kannte die verheerenden Auswirkung von radioaktivem Cäsium auf den menschlichen Körper, ein anderer spekulierte fachmännisch über die Ursache des Reaktorunfalls - "ein fehlgeschlagenes Experiment". Aber auch neues Wissen nahmen die Kids mit nach Hause. Sieben mal sei die radioaktive Wolke um die Erde gezogen, klärte Homeyer auf.

Sein vorrangiges Anliegen gilt den Menschen in Weißrussland. "In dem Gebiet gab es den ersten atomaren Krieg, ein Krieg gegen die Bevölkerung." 800000 junge Leute seien anschließend zwangsverpflichtet worden um den Reaktor mit einer Beton-Blei-Ummantelung zu versiegeln. Diese Menschen nennen sich heute "Liquidatoren", die meisten von ihnen sind schwerkrank. Eines der zahlreichen Fotos die Homeyer in der Aula ausstellte, zeigte einen einbeinigen Liquidator.

Der Beton um den Reaktor beginnt zu zerbröseln. Jetzt solle eine Stahlkonstruktion über den Komplex geschoben werden. "Möchtet ihr dort arbeiten?", fragte Homeyer in die Runde. "Nein", "natürlich nicht", waren die Antworten. Trotz des Schulschlusses warfen viele Jugendliche nach dem Vortrag noch einen Blick auf die Fotos, die kranke Menschen, meistens Kinder, aus Weißrussland zeigen.

Homeyer selbst reist seit 1988 zwei- bis dreimal in Jahr nach Weißrussland. Angst habe er nicht, betonte der Pfarrer: "Ich habe dort so viele mutige Menschen kennengelernt, dass setzt mich immer wieder in Bewegung." Und fügt wie selbstverständlich hinzu: "Ohne selber Risiken auf sich zu nehmen, würde so ein Engagement nicht funktionieren."