Vermischtes Großfamilie ist mit Darstellung der Polizei nicht einverstanden

17.07.2009, 22:00 Uhr

Die Massenschlägerei vom 15. Juni an der Haferstraße, bei der zwei Polizeibeamte des Meller Kommissariats krankenhausreif geschlagen worden waren, bewegt weiter die Gemüter. Während Beteiligte der Großfamilie den Angaben der Polizei zum Hergang deutlich widersprachen, bestätigte Melles Polizeichefin Christine Reinert gestern explizit die bereits in unserer Zeitung veröffentlichten Angaben der Polizeiinspektion Osnabrück (siehe unterstehenden Bericht). Ebenfalls gestern wies der Ärztliche Direktor im Christlichen Klinikum Vorwürfe der Familie gegen eine Ärztin wegen angeblich unterlassener Hilfeleistung zurück.

Unter der Moderation von Mohamed Husni, der sich als ehrenamtlicher Betreuer der ausländischen Bürger in Melle versteht und sich früher im Ausländerbeirat der Stadt engagiert hat, schilderten vier beteiligte Mitglieder der aus dem Libanon stammenden Familie ihre Sicht der Dinge. Demnach hätten zwei Streifenbeamte gegen 23 Uhr einen jungen Mopedfahrer und dessen Sozius kontrollieren wollen, weil der keinen Schutzhelm trug. „Doch ich hatte einen auf“, sagte der 16-Jährige. Da er auch keinen Ausweis bei sich trug, sollte er zur Personalienfeststellung mit zur Wache fahren. Dagegen wehrte er sich, weil die Kontrolle vor dem elterlichen Haus stattfand und er von dort den Ausweis holen wollte. Das habe ihm der Polizist verwehrt. Inzwischen seien die Mutter (62) des Jungen und dessen älterer Bruder (37) dazugekommen. Die Mutter habe auf Arabisch ihren aufgeregten und laut schreienden Sohn zu beruhigen versucht, während der ältere Bruder angeboten habe, den Ausweis aus dem Haus zu holen. „Ich mache hier die Regeln, der Junge kommt mit zur Wache“, habe der Beamte daraufhin erklärt und auf seine Dienstgradabzeichen auf der Schulter gezeigt. Der zweite Polizist habe gar nichts gesagt, sondern Mutter und älterem Bruder mit der Taschenlampe wechselseitig aus nächster Nähe in die Augen geleuchtet.

„Der wollte provozieren.“ Dann habe dieser Polizist plötzlich und ohne Grund seiner Mutter Pfefferspray in Augen und Mund gesprüht, dann dem 16-Jährigen. „Dann hat er mir mit einem Grinsen im Gesicht eine volle Ladung Spray verpasst“, so der ältere Bruder. Erst dann habe er sich zum Schutz seiner Mutter auf den Beamten gestürzt und dessen Kopf nach unten gedrückt. Dabei habe der selbst Reizgas abbekommen.

Der ältere Bruder will dann vor Schmerzen handlungsunfähig gewesen sein: Er habe nur noch ganz viele Polizisten gesehen, die mit Hunden auf rund 20 Frauen der Familie losgegangen seien, die aus der Nachbarschaft zusammengelaufen seien.

Ein weiterer Bruder habe im Verlauf des Tumults dann den 16-Jährigen in sein Auto gesetzt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Alle drei hätten immerhin schon rund 45 Minuten ohne ärztliche Versorgung am Boden gelegen. „Eine große stabile Polizistin mit langen Haaren hat dann durch das Fenster der Beifahrerseite ihre Pistole auf mich gerichtet, und ich habe meinen Bruder wieder aussteigen lassen“, erzählte der Mann.

Ein leitender älterer Beamter aus Melle habe schließlich die Lage beruhigen können und den Abtransport der Verletzten organisiert.

Im Christlichen Klinikum habe man sich nicht um Mutter, Sohn und älteren Bruder, sondern nur um die Beamten gekümmert. Auf Nachfrage soll eine Ärztin gesagt haben: „Sie wissen, was Sie getan haben, ich behandele Sie nicht.“ Ein danebenstehender ausländischer Arzt habe das mit Kopfschütteln quittiert. Inzwischen haben alle drei die Medizinerin wegen „unterlassener Hilfeleistung“ angezeigt.

Husni , selbst nicht an dem Geschehen beteiligt, sagte zusammenfassend. „Die Polizei hat das also komplett falsch dargestellt.“

Dennoch wolle die Familie, deren meisten Mitglieder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, keine weitere Eskalation. Es habe bereits entsprechende Gespräche mit der Stadtspitze und der Polizei gegeben.

Zu dem Vorwurf gegen die Ärztin äußerte sich gestern der Ärztliche Direktor Rintje Osinga. „Ein solches Verhalten schließe ich kategorisch aus, bei uns werden alle Menschen gleich behandelt.“ Eine Notfallbehandlung erfolge nach medizinischen Grundsätzen, und da würden die zuerst behandelt, die am schwersten verletzt seien.