Vermischtes Gemeinde Walchum feiert Anfang September ihr 50-jähriges Bestehen

15.08.2000, 22:00 Uhr

Walchum-Hasselbrock (ws) Der Ortsteil Hasselbrock in der Gemeinde Walchum feiert am ersten Wochenende im September sein 50-jähriges Bestehen. Seit fast zwei Jahren hat der Festausschuss in vielen Sitzungen dieses große Fest vorbereitet und eine umfangreiche Chronik erstellt. Sie beschreibt die Geschichte Hasselbrocks von der Entstehung des Bourtanger Moores bis heute.

Jahrtausende hindurch hatte das Bourtanger Moor durch seine sumpfigen Beschaffenheit eine Kultivierung und Besiedlung verhindert. Seinen Namen hat das Moor von dem kleinen holländischen Ort Bourtange. Es ist eine sehr alte Siedlung, die schon im 16. Jahrhundert als Grenzfestung angelegt wurde. Die Entstehung des "Bourtanger Moores" begann vor etwa 8000 Jahren. Es bestand aus flach gründigem ca. 1,60 Meter tiefen Hochmoor. Eine intensive landwirtschaftliche Nutzung war in dem sumpfigen Gelände nicht möglich. Daher wurde es nur als Schafweide, zur Bienenhaltung, zur Buchweizenbrandkultur und zur häuslichen Brenntorfgewinnung genutzt.

Mitten aus dem Moor ragt der 14 Meter hohe Hasselberg heraus, er ist der höchste Punkt des Bourtanger Moores und von ihm erhielt Hasselbrock seinen Namen.Voraussetzung für eine Kultivierung und Besiedlung war die Entwässerung des Moores. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges zwangen Gebietsverluste und eine schlechte Versorgung der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Produkten zu einer Moor- und Ödlanderschließung im großen Rahmen. Hierfür wurden im Jahre 1919 mit dem Reichssiedlungsgesetz und der Durchführungsverordnung von 1924 die Voraussetzungen geschaffen. Es ermöglichte unter anderem den Ankauf bzw. die Enteignung der im Privatbesitz befindlichen Moor- und Ödlandflächen zum Zwecke der Kultivierung.

1930 begannen die Vermessungsarbeiten für den ersten großen Entwässerungsgraben den ,,Walchumer Schloot". Er wurde in den Jahren 1931 bis 1933 gebaut. Er ist 17,5 km lang und beginnt bei Rütenbrock und läuft entlang der deutsch-holländischen Grenze bis zum Hasselberg und von dort Richtung Osten als Grenzgraben zwischen Dersum und Walchum bis zur Ems. Die Baukosten beliefen sich auf 315.000 Reichsmark.

Per Kaufvertrag vom 4. Sept. 1931 zwischen der "Emsland GmbH" und der Gemeinde Walchum wurden ca. 1250 ha Moor den Walchumer Bauern für 130 RM/ha abgekauft. Ab 1933 begannen die Bauingenieure des Wasserwirtschaftsamtes Meppen mit den Vermessungsarbeiten. Es ging um die Erstellung einer Moortiefenkarte, als Grundlage für Entwässerung, Wegebau, Kultivierung und Besiedlung. Zuerst wurde ein umfangreiches Entwässerungsnetz gebaut. Die Arbeiten wurden vom Freiwilligen Arbeitsdienst "Glück Auf" aus Dortmund durchgeführt. Sie wurden unterstützt von den Strafgefangenen der Strafanstalt Lingen. Diese hatte 1934 in Hasselbrock das Lager Nr. IV eingerichtet. Es war eines von insgesamt 13 Lagern im gesamten Bourtanger Moor mit bis zu 1500 Gefangenen.

Gleichzeitig wurde vom "Gesellenverein Osnabrück" die Straße nach Walchum gebaut und es entstand die Nord-Süd Straße, die sich kurvenreich ca. 5 km über einen Sandrücken durchs Walchumer Moor zieht. Die ersten Kultivierungen wurden in mühsamer Handarbeit im Teilgebiet Ost ausgeführt. Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 waren ca. 350 ha kultiviert. Die Arbeiten kamen während des Krieges zum Erliegen, lediglich fünf Siedlerstellen konnten 1941/42 im Teilgebiet Ost vergeben werden. Die Wiederaufnahme der Arbeiten begann im Jahre 1948. Um den holländischen Gebietsanforderungen entgegenzutreten, wurde das Arbeitstempo beschleunigt. Zusätzlich zu den 1000 Strafgefangenen der Strafanstalt Lingen wurden jetzt Maschinen, wie Bagger, Ackerraupen und seit dem 1. April 1950 der "Ottomeyer Dampfpflug", das spätere Symbol der Emslanderschließung, eingesetzt.

Das neue Siedlungsgebiet bot erstmals die Möglichkeit, "eine Dorf- und Landschaftsgestaltung nach den modernsten Erkenntnissen landwirtschaftlicher Siedlungsplanung" durchzuführen. Das heutige Hasselbrock ist die erste nach diesen Erkenntnissen errichtete Dorfgemarkung in Deutschland und war Vorbild bei der Planung anderer Neudörfer. So kamen Studenten und Dozenten, Regierungsvertreter und Staatsmänner aus Italien, Irland, Mexiko, Ägypten, Jugoslawien, Griechenland, Japan, und vor allem auch aus Afrika, um sich hier vor Ort zu informieren. Sogar der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke war im April 1966 in Hasselbrock zu Besuch.

Aus den Vorteilen gebräuchlicher Siedlungsformen (Haufen- und Reihendörfer) entwickelten die Siedlungsplaner eine gemischte Siedlungsform. Die Siedlungshäuser der Vollbauernstellen wurden meist in der Form des ostfriesischen Bautyps errichtet. Es sind jeweils 2, 3 und mehr Häuser zu einer Höfegruppe zusammengefaßt. Gleichzeitig wurde ein Ortskern gebildet, bestehend aus Kirche, Schule, Geschäften und Handwerks- betrieben. Im Jahre 1941 wurden dann die ersten 5 Siedlerhäuser westlich des Walchumer Nordfeldes im sogenannten "nördlichen Teilgebiet Ost", mit den Neusiedlern belegt. Die weitere Besiedlung, abgesehen von 1941, erfolgte in sechs Abschnitten. Von 1948 bis 1953 wurden dann jährlich 10 bis 15 Siedlerstellen bezogen.

Bis 1962 weist Hasselbrock 79 Vollbauernstellen mit einer durchschnittlichen Größe von 15 bis 16 ha Grundbesitz auf, außerdem sechs Handwerksbetriebe, die wiederum über je ca. 2,6 ha Nutzfläche verfügen. Die ersten Siedler nach dem Kriege hatten die schlechtesten Startbedingungen. Sie mussten ihre Häuser praktisch selber bauen. Sie bekamen lediglich einen staatlichen Kredit von ca. 16.000 DM, mussten aber für Haus und Land knapp 40.000 DM aufbringen. Sie wohnten in provisorischen Unterkünften wie Hütten, Baracken oder Schuppen.

Die Siedler ab 1950 hatten es etwas leichter. Ihre Häuser waren immerhin bezugsfertig, aber ohne die heute selbstverständlichen Installationen. Es gab keinen elektrischen Strom, keine Heizung und kein fließendes Wasser. Mit einer Handpumpe wurde der tägliche Wasserbedarf für Haus und Hof von Hand gepumpt. Viele Siedler kamen damals aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten aber auch aus der näheren Umgebung und dem übrigen Emsland.

Da der lange Schulweg von vier bis fünf Kilometern zur Schule nach Walchum für die Kindern auf Dauer nicht zumutbar war, wurde 1949 in einer Baracke der Siedlungsgesellschaft eine Schulklasse eingerichtet. Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau der Schule im Ortskern begonnen und am 19. Juni 1950 wurde sie eröffnet. Wegen des neun km langen Weges zur Pfarrkirche nach Steinbild wurde ein Klassenraum der neuen Schule als Kapellenraum eingerichtet und am 25. Juni 1950 konnte der erste Gottesdienst in der Siedlergemeinde gefeiert werden. Doch der Wunsch nach einer eigenen Kirche ließ die Siedler nicht ruhen und so konnte schon am 26. Juli 1953 die Kirche ,,Heilige Familie" feierlich eingeweiht werden.

Das gesellschaftliche Leben in Hasselbrock wird von den vielen Vereinen bestimmt, die in den Jahren von 1950 bis 1962 gegründet wurden. 1950 Kirchenchor, 1951 Landjugend, 1952 Landwirtschaftlicher Ortsverein, 1953 Sportverein, 1954 kfd, 1954 Reit-und Fahrverein, 1955 Landfrauenverein, 1956 Schützenverein und 1962 Mutter-Kind Gruppe. Hasselbrock zählt heute 156 Haushalte und 447 Einwohner. An den Vorbereitungen für die Jubiläumsfesttage beteiligen sich alle Hasselbrocker Bürger. Zur Eröffnung fand eine historische Roggenernte statt. Des weiteren wurden im Ortskern von Hasselbrock und an allen Zufahrtsstraßen lebensgroße Motive aus früherer Zeit, die auf die 50-Jahr-Feier hinweisen, aufgestellt. Die Vereine und Gruppen üben seit Wochen Tänze, Sketche und Lieder sein,die an den Festtagen im Festzelt aufgeführt werden.

Zum Auftakt findet am Freitag, dem 1. September, ab 19 Uhr ein Kommersabend statt. Hierzu sind zahlreiche Ehrengäste und alle Bürger eingeladen. Der Samstag gehört den Butenhasselbrockern. Abends findet ein großer Festball statt. Die Festtage klingen am Sonntag ab 11 Uhr mit einem zünftigen Frühschoppen aus. An allen Tagen unterhält der Musikverein Walchum die Gäste.