Vermischtes Geboren mit goldenem Löffel im Mund

12.12.2002, 23:00 Uhr

Die Königin von Amerika – Arte, Sonntag, 20.45 Uhr Sie war so etwas wie die ,,Lady Di" der 60er Jahre – eine schöne Frau an der Seite eines berühmten Mannes, Liebling der Regenbogenpresse, ungekrönte ,,Königin" des monarchiefreien Amerika, ein strahlender Stern, den die ganze Welt in ihr Herz geschlossen hatte: Jackie.

Als Jacqueline Lee Bouvier war sie auf die Welt gekommen, und hatte gleich einen goldenen Löffel im Mund: Ihr Vater war vermögender New Yorker Bankier mit französischen Vorfahren, ein schicker Stammbaum inklusive. Die Jugend verbrachte sie in den Herrenhäusern der US-Ostküsten-Aristokratie. So ein Mädchen besucht natürlich die Sorbonne in Paris und legt anschließend ein glänzendes Examen in Französisch und vergleichender Literaturgeschichte an der George-Washington-University in der amerikanischen Hauptstadt ab. Warum sie damit als Fotoreporterin für den ,,Washington Times Herald" arbeitete, mag schleierhaft erscheinen, obwohl: Als solche lernte sie John F. Kennedy kennen, den sie 1953 heiratete und an dessen Seite sie sieben Jahre später zur First Lady der USA avancierte.

Dass sie nach dessen Ermordung den betagten griechischen Reeder und Milliardär Aristoteles Onassis heiratete, schockierte die Amerikaner – doch das Volk hat ihr verziehen, wie die Versteigerung ihres Nachlasses nach dem Tod der Kennedy-Witwe 1996 bewies: Eintrittskarten für die Ausstellung musste das Auktionshaus Sotheby’s wegen des unglaublichen Andrangs in New York verlosen, ein einziger Schaukelstuhl brachte wenig unglaubliche 442 000 Dollar ein.

Auch Arte hat ,,Amerikas einziger Königin" verziehen und widmet ihr am Sonntag einen ganzen Themenabend. Auftakt dieses Abends mag der schon mehrfach ausgestrahlte Spielfilm ,,Der große Grieche" (20. 45 Uhr) sein, mit Anthony Quinn als Reeder Theo Tomasis; Kernstück aber ist Gero von Boehms Porträt ,,Diva der Macht" (22. 30 Uhr). Er hat Menschen getroffen, die der populärsten Frau einer ganzen Epoche wirklich nahe standen – ihre Schwester, den Stiefbruder, den sie vermisste, sobald sie nicht mehr in seiner Nähe war. Er hat alte Filme ausgegraben wie den von der Hochzeit der Kennedys, als das weiße Haus für die beiden noch ganz weit entfernt war.

Der Rest ist Legende, gut und höchst interessant erzählt. Das Ehepaar zieht ins Weiße Haus ein, er als jüngster US-Präsident aller Zeiten, sie als weit mehr als nur ,,Die Frau von...". John F. Kennedy geht fremd, wo immer sich eine Gelegenheit ergibt, und doch werden die beiden als Paar zu Ikonen einer Epoche. Die Mystifizierung der beiden steigert sich noch, als Kennedy in Dallas ermordet wird und seine Frau sich im offenen Wagen über den Körper ihres erschossenen Mannes beugt.

Gute Kondition lohnt sich an diesem Abend für den Zuschauer, denn auch der dritte Teil des Themenabends ist äußerst sehenswert, weil herrlich skurril: Ein einst hochherrschaftliches Anwesen auf Long Island, heruntergekommen, nach Urin stinkend und voller Katzen – hier spielt die preisgekrönte Dokumentation ,,Grey Gardens" (0. 00 Uhr), hier war das Zuhause von Big und Little Edi Beale. Die Schwester von Jackies Vater John Vernou Bouvier und ihre Tochter hatten sich ihre eigene verrückte Welt errichtet, bis nach 20 Jahren die Behörden eingriffen und die Frauen 1973 wegen Verwahrlosung aus ihrem 28-Zimmer-Haus werfen wollten. Doch Jackie Kennedy Onassis finanzierte die Säuberung des Anwesens, Big Edi konnte bis zu ihrem Tod zu Hause wohnen bleiben. Nicht nur ihre herausragende Rolle, auch das große Herz hatten sie zur ,,Lady Di" der sechziger Jahre gemacht.