Vermischtes Ein Opfer hat Angst – das andere gibt Küsschen

09.07.2009, 22:00 Uhr

Eine Berufungsverhandlung wegen einfacher vorsätzlicher Körperverletzung. Drei Zeugen sind geladen. Der ganz normale Alltag vor dem Landgericht Osnabrück. Doch dann zeigt sich wieder einmal, dass jeder Fall anders liegt

Der Angeklagte war vom Amtsgericht Bersenbrück zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt worden. Zuvor hatte er bereits gehäuft wegen ähnlicher Delikte in erster Linie das Amtsgericht Bersenbrück beschäftigt. Während eines Freigangs aus einer Justizvollzugsanstalt, wo der 38-Jährige wegen einer fast identischen Tat einsaß, war er am Vormittag des 30. August vergangenen Jahres nach Bramsche gereist und hatte dort in der gemeinsam genutzten Wohnung seine Freundin mit zwei Männern zechend angetroffen. Nach einer verbalen Auseinandersetzung soll der Angeklagte, die Frau „massivst“ geschlagen haben. Nachdem er am Nachmittag in die Haft zurückgefahren war, meldete sich die Frau bei der Polizei. Sie hatte geschwollene Augen und Prellungen am ganzen Körper. Aus Angst vor dem Angeklagten erstattete sie aber keine Anzeige. Dennoch verurteilte das Amtsgericht Bersenbrück den Angeklagten.

 Zu Beginn der Berufungsverhandlung verwies der Vorsitzende der 14. Kleinen Strafkammer mehrfach auf die geänderte Beweislage und riet dem Angeklagten im Beisein seiner Lingener Anwältin zur Beschränkung des Verfahrens auf die Rechtsfolgen. Das bedeutete: keine Wiederholung des Prozesses und keine Aussage des Opfers. Die Frau saß zitternd im Gerichtssaal, begleitet von zwei Bramscher Polizisten. Wegen der potenziellen Gefährlichkeit des Angeklagten waren drei Justizbeamte anwesend.

 Nachdem die Verteidigerin noch versucht hatte, die Zurechnungsfähigkeit der Zeugin infrage zu stellen, riet der Vorsitzende angesichts einer eindeutigen Beweislage dem Angeklagten zu einem Geständnis mit der Aussicht auf eine Milderung der Haftstrafe. Nach Rücksprache mit der Anwältin folgte schließlich ein gedruckstes Geständnis mit einer ebensolchen Entschuldigung bei dem Opfer der Gewalt: „Es tut mir leid, was ich dir angetan habe.“

 Wie angekündigt reduzierte schließlich der Osnabrücker Richter die Haftstrafe um drei Monate. In seiner Urteilsbegründung wendet der Vorsitzende sich mehrfach ermahnend an den 38-Jährigen. Er solle seine „Gewaltbereitschaft anders kanalisieren“ und zum Beispiel Kampfsport machen.

 Nachdem die Zeugin aus Bramsche den Gerichtssaal verlassen hatte, gab es noch Küsschen für den Angeklagten in Handschellen: Das Opfer seiner vorletzten Tat in Leer war eigens angereist, um ihm alles Gute zu wünschen.