Vermischtes Doris Dörrie inszeniert exotischen «Don Giovanni»

19.09.2011, 10:27 Uhr

Filmemacherin Doris Dörrie («Männer», «Bin ich schön?») ist auf der Opern-Bühne immer für Überraschungen gut.

Auch für ihre siebte Musiktheaterproduktion hatte die Regisseurin, die Verdis «Rigoletto» auf einen Affen-Planeten und Mozarts «Gärtnerin aus Liebe» in einen Baumarkt hievte, eine besonders ausgefallene Idee parat. Exotischer jedenfalls ging's kaum, als Mozarts «Don Giovanni», dieses Drama des reuelosen Weiberhelden, in den grellen Wirbel der mexikanischen Totenfeier «Día de los muertos» zu tauchen. Die Premiere am Sonntagabend in Hamburg war ein Volksfest der knallig kostümierten Skelette und makabren Grabbeigaben.

So trat bereits zur Ouvertüre vor wolkenschweren Himmel-Projektionen «La Muerte» - Frau Tod - in Glitzerrobe mit pompösem Hut überm bleichen Totenkopf auf den Plan. Der Bhuto-Tänzer Tadashi Endo, bekannt aus Dörries Film «Kirschblüten - Hanami», folgte dabei mit dezent warnendem Schritt dem Regie-Leitspruch «Der Tod ist immer präsent». Das hätte durchaus seine schaurigen Reize entfalten können, denn Mozart weist ja schon in der Ouvertüre auf Don Giovannis Untergang.

Doch wirkten die choreographischen Todessignale selbst in der poppig aufgeplusterten Ballszene mit ihren mexikanischen Totentanz- und Niki de Saint Phalle-Anleihen (Bühne: Bernd Lepel) letztlich eher vordergründig und spannungslos. Das große Finale des zweiten Aktes, in dem die Inszenierung überhaupt erst an Fahrt gewann, geriet allerdings fulminant. Da zog einmal nicht der tote Komtur, Mozarts «Steinerner Gast», sondern die Dame Tod - Morden ist eben Frauensache! - als quasi letzte Geliebte den starrsinnigen Frevler in den Orkus hinab. Erlösung dem Verführer?

Der war zuvor durch einen historischen Zeiten-Mix gejagt, in dem Donna Anna als Rokoko-Dame mit Schoßhündchen, Donna Elvira mit Sado-Maso-Gelüsten auf Freuds Psycho-Couch und Zerlina als Punkerin vor der Ikea-Schrankwand für drastische Abwechslung sorgten. Die Frauen gehen bei Don Giovannis Überwältigungs-Manövern durchaus lustvoll mit, so die Quintessenz aus Dörries frauenbewegter Mozart-Sicht. «Untermalt» wurde das durch wallend weiße Vorhänge und Soft-Porno-Einspielungen etwa zu Leporellos Register-Arie.

Opernchefin Simone Young, zweite im Frauenbunde, stellte Dörries Lust- und Todes-Ritualen am Pult der Philharmoniker eine eigene Mozart-Lesart gegenüber: eine «historisch informierte», die einen schlanken, federnden Klang favorisierte, aber auch härtere Töne anschlug. Es war für Hamburgs Staatsorchester ein Experiment, das jedoch oft blass, uniform und noch nicht ausgereift wirkte und ihr bissige Buhs des Premierenpublikums einbrachte.

Als Giovanni beeindruckte Wolfgang Koch, der bereist als Alberich im Hamburger «Ring» Furore gemacht hatte, mit einer scharf fokussierten Darstellung des Don Giovanni. Er zeichnete Mozarts Verführer - stimmlich nicht ganz unangefochten - mit glühender Überzeugungskraft als einen von brutaler Sexgier gefährlich getriebenen Choleriker. Wilhelm Schwinghammer gab dazu einen vitalen Leporello. Herausragend sang Dovlet Nurgeldiyev den Ottavio. Die Damenriege war mit Maria Markina (Zerlina), Cristina Damian (Elvira) und der jungen Südafrikanerin Elza van den Heever als Donna Anna reizvoll, jedoch nicht überwältigend aufgestellt.