Vermischtes Diagnose Krebs: Knoten drei Mal nicht gesehen

02.12.2002, 23:00 Uhr

Weil sie selbst einen Knoten in der Brust tastete, ging eine 62 Jahre alte Patientin aus Osnabrück mehrfach zur Mammographie. Zwei Fachärzte machten innerhalb von 15 Monaten drei Mal Röntgenbilder, übersahen dabei aber den Krebs-Befund. In einem Kunstfehlerprozess hat das Landgericht Osnabrück jetzt der Klägerin ein Schmerzensgeld von 45000 Euro zugesprochen.

Die Patientin hat regelmässig Krebsvorsorge-Untersuchungen in der Facharztpraxis für Radiologie an der Paracelsus-Klinik durchführen lassen. So auch im September 1998, im Juli 99 und im Januar 2000. Weil sie jedoch dem angeblichen Untersuchungsergebnis "ohne Befund" misstraute, wechselte sie dann den Arzt: So wurde nur wenige Tage später ein Tumor in der rechten Brust diagnostiziert. Es musste operiert werden, auch eine Chemotherapie war erforderlich. Deshalb klagte die Patientin auf Schadensersatz.

In seinem Urteil gegen die beiden untersuchenden Ärzte – der erst untersuchende Radiologe hat mittlerweile aus Altersgründen die Praxis aufgegeben, seine Nachfolgerin wegen eines anderen Rechtsstreits die Klinik verlassen – hat das Landgericht Osnabrück sich auf die Aussagen zweier Gutachten gestützt: Danach seien die Befunde bereits im Jahr 1998 falsch gedeutet worden, weil sich schon hier auf dem Röntgenbild der Mammographie "eine Verdichtungsfigur mit sternförmigen Ausziehungen" abbildete, die nicht mehr als "Architekturstörungen" der Brust aufgrund einer Voroperation gedeutet werden dürften. Daraus hätten Konsequenzen abgeleitet werden müssen: "Aus objektiven medizinischen Gründen" sei es für ihn nicht nachvollziehbar, so der Gutachter, warum der verdächtige Befund nicht weiter abgeklärt worden ist.

Noch deutlicher fiel das Votum der Gutachter im Hinblick auf die beiden späteren Mammographien aus: "Grob fehlerhaft" und "schlichtweg falsch" seien die krankhaften Veränderungen beschrieben und gewertet worden.Neben der Bemessung des Schmerzensgeldes für die Patientin hatte die Zivilkammer des Landgerichts auch über die Frage der Haftung der beiden Ärzte zu entscheiden. Zum Schadensersatz wurde letztlich nur der zuerst untersuchende Facharzt verurteilt. Seine Kollegin habe zwar ebenfalls den Sachverhalt übersehen, die Verzögerung von sechs Monaten im weiteren Behandlungsablauf sei jedoch nach Überzeugung des Gerichts letztlich folgenlos geblieben.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es zeigt jedoch nach der Überzeugung des Anwalts der Klägerin einen verbreiteten Qualitätsmangel bei der Mammographie auf: Ihm seien mehrere "positive oder negative Falschdiagnosen" bekanntgeworden, berichtete Rechtsanwalt Heinz-Peter Fabian, die Qualitätstandards müssten im Interesse der Patientinnen besser werden.

Lange Zeit haben sich die Krankenkassen geziert, die Kosten der Mammographie als Krebsvorsorge zu übernehmen. Ab 2005, so wurde Anfang dieser Woche bekannt, wird daraus eine Regelleistung für über 50 Jahre alte Patientinnen. Über die Hintergründe dieser Entscheidung sprachen wir mit dem Osnabrücker Radiologen Prof. Alexander Mundinger.

Auch die Mammographie sei kein "Wundermitttel, aber in der Kombination mit dem Ultraschall und der Tastuntersuchung das einzige gesicherte Instrument der Vorsorgeuntersuchung", sagte Prof. Mundinger gestern. Unausgesprochene Voraussetzung dabei: Dass der Untersucher sein Handwerk wirklich versteht. Allerdings gibt es in Osnabrück seit über drei Jahren einen Qualitätszirkel, in dem alle die Mammographie praktizierenden Ärzte die Auswertung der Röntgenbilder trainieren. Mundinger dazu: "Keine Methode ist hundertprozentig. Aber unsere Patientinnen können sicher sein, kompetent behandelt zu werden." Außerdem werde die Qualität der Mammographie-Untersuchungen im kommenden Jahr auch dadurch gesichert, dass alle zugelassenen Ärzte eine bundesweit vorgeschriebene Prüfung ablegen müssen und zudem die Geräte noch einmal technisch überprüft werden, erklärte Mundinger.