Vermischtes Der dem Rad selbst in die Speichen fiel - Bonhoeffers Tod vor 60 Jahren

05.05.2005, 22:00 Uhr

Der Fluchtplan war genauestens ausgearbeitet: Als Monteur verkleidet, wollte Dietrich Bonhoeffer zusammen mit einem seiner Aufseher, dem Unteroffizier Knobloch, einfach durchs Tor des Militärgefängnisses Tegel hinausgehen und im chaotischen und zerstörten Berlin untertauchen. Geld und Lebensmittelkarten sowie den Monteuranzug hatten Bonhoeffers Schwester Ursula und ihr Mann Rüdiger Schleicher bereits ins Gefängnis geschmuggelt. Bis zum Kriegsende würde man in einer Schrebergarten-Wohnlaube überdauern können. Es war Ende September 1944.

Aber nur wenige Tage vor dem vorgesehenen Termin ließ Bonhoeffer den Fluchtplan fallen: Er hatte die Nachricht erhalten, dass seinem Bruder Klaus die Verhaftung drohte; da wollte er ihn und die Familie durch seine Flucht nicht zusätzlich gefährden. Klaus Bonhoeffer, der Jurist, wurde tatsächlich am 1. Oktober verhaftet; am 4. Oktober folgte die Verhaftung von Rüdiger Schleicher, der ein hoher Ministerialbeamter war.

Es war nicht der erste Fluchtversuch, den der junge evangelische Pfarrer und Universitätslehrer Dietrich Bonhoeffer unternommen und dann aus eigener Entscheidung wieder rückgängig gemacht hatte. Im Herbst 1933 ging er nach London und wurde dort Pfarrer einer deutschen Auslandsgemeinde. Damals „floh“ er vor seiner Kirche, die den Nazis so wenig Widerstand entgegengesetzt hatte, dass die „Deutschen Christen“ vielerorts die Richtung bestimmen konnten. Sein Freund Franz Hildebrandt, evangelischer Pfarrer jüdischer Abstammung, erhielt keine Anstellung, weil die evangelische Kirche in „vorlaufendem Gehorsam“ den Arierparagrafen des Staates übernommen hatte. Einer solchen Kirche zu dienen schien Bonhoeffer unmöglich. Doch schon 1935 ließ er sich von der inzwischen gegründeten kirchlichen Opposition, der „Bekennenden Kirche“, wieder nach Deutschland rufen, um eine ihrer illegalen Ausbildungsstätten aufzubauen und zu leiten: das Predigerseminar in Finkenwalde bei Stettin (heute in Polen).

Den dramatischsten Fluchtversuch mit dem folgenreichsten Abbruch machte der gerade 33-jährige Bonhoeffer im Sommer 1939. Von Freunden in den USA eingeladen, die ihn vor dem drohenden Krieg und seinen Folgen schützen wollten, unternahm er eine Vortragsreise in die Staaten mit der Aussicht auf eine Anstellung dort. Er hatte die USA bei einem einjährigen Auslandsstudium im Jahre 1930 kennen gelernt, sprach mühelos Englisch und kannte als promovierter und habilitierter Privatdozent das angloamerikanische Universitätsleben genau.

Während dieser Wochen in den USA führte er ein Tagebuch, das seine Gewissenskämpfe dokumentiert. Er fragt sich, warum er überhaupt den Weg über den Atlantik angetreten hat, wo er doch in Deutschland gebraucht wird. Ein Wort der morgendlichen Bibel-Losung spricht ihn persönlich besonders an: „Wer glaubt, flieht nicht.“ (Jes. 28,16) Ihm wird klar, dass er, wenn er Christus folgen will, in dem kriegsbedrohten Deutschland seinen Platz hat: „Ich muss diese schwierige Zeit zusammen mit meinen Mitchristen in Deutschland durchstehen.“ So kehrt er wenige Wochen vor Hitlers Angriff auf Polen nach Deutschland zurück. Er weiß, was diese Entscheidung für ihn bedeuten kann. Aber er sagt später, dass er sie nie bereut habe.

Einstehen für seine Überzeugung, den Glauben nicht nur mit Worten, sondern mit seinem Leben bezeugen – das war das Markenzeichen dieses großen Theologen, der am 4. Februar 1906 in Breslau geboren wurde. Zusammen mit seiner Zwillingsschwester Sabine und sechs weiteren Geschwistern wuchs er in einem großbürgerlichen Elternhaus auf, seit 1912 in Berlin. Der Vater war als Professor für Psychiatrie und Neurologie an die Charité berufen worden; er galt als einer der bedeutendsten Vertreter der klassischen Psychiatrie und somit in gewisser Weise als Antipode von Sigmund Freud. Die Vorfahren waren hoch angesehene Ärzte, Professoren, Theologen, Richter und Künstler. Das große Erbe einer humanistischen Erziehung prägte das Leben im Hause Bonhoeffer wesentlich konservativ, gleichzeitig aber auch weltoffen und zukunftsorientiert. Ehrlichkeit, Verantwortung und Selbstbeherrschung waren Werte, die von den Eltern unmissverständlich, aber ohne Zwang vermittelt wurden.

Zur Überraschung der eher naturwissenschaftlich oder künstlerisch orientierten Familie entschloss sich der jüngste Sohn zum Theologiestudium, vielleicht auch, um in der Reihe der hoch begabten Brüder sein eigenes Profil entwickeln zu können. Bereits mit 21 Jahren promovierte er in Berlin mit der Arbeit „Sanctorum Communio“, einer Untersuchung der Bedeutung der Kirche unter Verwendung der damals ganz neuartigen soziologischen Methode, die er mit theologischer Systematik verknüpfte. Eine seiner bekannt gewordenen Thesen daraus: Die Kirche ist „Christus als Gemeinde existierend“. Schon drei Jahre später erfolgte die Habilitation. Einer theologisch-akademischen Karriere schien nichts im Wege zu stehen.

Aber Bonhoeffer verlor nie aus den Augen, dass Theologie mit Glauben und dass Glaube mit den Lebensfragen konkreter Menschen zu tun hat. Als Pastor begeisterte er junge Konfirmanden im proletarischen Wedding, als Dozent an der Universität sammelte er einen Kreis von Theologiestudenten um sich. Im Februar 1933, nach Hitlers Machtübernahme, warnte Bonhoeffer in einem Rundfunkvortrag vor einem Führerkult; nur Wochen später plädierte er in einem Aufsatz für die Menschenrechte der Juden: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.“ Daraus folgte für ihn (damals äußerst ungewöhnlich für einen lutherischen Theologen), die Kirche habe notfalls „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

Der Zeitpunkt, dem Rad in die Speichen zu fallen, kam für Dietrich Bonhoeffer im ersten Kriegsjahr. Von seinem Schwager Hans von Dohnanyi war er längst in die Pläne der Verschwörung gegen Hitler eingeweiht. Nun ließ er sich von der militärischen Abwehr, deren Chef der Mitverschwörer Admiral Wilhelm Canaris war, als Mitarbeiter einstellen, offiziell um seine kirchlich-ökumenischen Verbindungen für die Spionage-Abwehr zu nutzen, in Wahrheit, um durch kirchliche Kanäle im Ausland für die Verschwörer zu arbeiten. Eine seiner Auslandsreisen führte ihn 1942 nach Stockholm, wo er sich mit Bischof George Bell traf, seinem Freund und Gönner aus der Londoner Zeit, und ihm eine dringende Bitte der Verschwörer an die britische Regierung weitergab: Sie möge eine Zusicherung geben, den Krieg gegen Deutschland im Falle eines erfolgreichen Attentats zu beenden. Die Briten ließen die Anfrage ohne Antwort.

Ein Pfarrer als Verschwörer? Fast unvorstellbar in Zeiten des auch in der Kirche weit verbreiteten deutsch-nationalen Denkens! Noch nach dem Krieg galt er vielen als Verräter, und auch Christen taten sich schwer damit anzuerkennen, dass Bon-hoeffer seinen Weg in den politischen Widerstand in der Nachfolge von Jesus Christus gegangen war. Seine Frage war immer ganz konkret gewesen: Was bedeutet es für mich jetzt, an Christus zu glauben, ihm nachzufolgen? Da er durch Hans von Dohnanyi wusste, was Hitler mit den Juden vorhatte und wie viele Millionen Tote der Krieg noch kosten würde, war ihm deutlich: Nur die Beseitigung Hitlers konnte dies unvergleichliche Verbrechen und das daraus folgende unendliche Leid beenden. Die Schuld eines Attentats war er bereit mitzutragen. Er vertraute auf die Vergebung Gottes.

Im April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet und in das Militäruntersuchungsgefängnis Tegel gebracht. Kurz zuvor hatte er sich mit Maria von Wedemeyer verlobt. Die Briefe, die beide einander schrieben, wurden 1992, lange nach dem Tode Maria von Wedemeyer-Wellers, unter dem Titel „Brautbriefe Zelle 92“ veröffentlicht. Sie sind das bewegende Zeugnis einer Liebe, die nie mehr sein durfte als ein Briefwechsel oder, bei den wenigen Besuchserlaubnissen, ein knappes Gespräch unter Aufsicht eines Wärters.

Schon im Jahr 1951 hatte Bonhoeffers kongenialer Freund und späterer Biograf Eberhard Bethge Mitarbeiter aus der Zeit des illegalen Predigerseminars, das Bändchen „Widerstand und Ergebung“ herausgegeben. Die darin enthaltenen Briefe, großenteils von Bonhoeffer wohl gesonnenen Aufsichtsbeamten heraus- und hereingeschmuggelt – seiner persönlichen Ausstrahlung und Integrität konnte sich kaum jemand entziehen –, sind auch heute noch eine aufregende Lektüre, weil sie nicht nur von dem inneren und äußeren Kampf erzählen, den der Häftling durchzustehen hat, sondern auch theologische Anstöße geben, die weit in die Zukunft reichen. „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“ – das ist einer der Sätze, die im Gedächtnis bleiben. Die Gebete für Mitgefangene, die er dort geschrieben hat, und auch seine Gedichte sind in ihrer sprachlichen und geistlichen Kraft überwältigend. Am bekanntesten wurde das Silvestergedicht „Von guten Mächten“, das auch seinen Platz im Evangelischen Gesangbuch gefunden hat. In alle Weltsprachen ist dies Buch übersetzt und in unzähligen Auflagen immer wieder nachgedruckt worden. Bonhoeffer wird in Polen und in Südafrika, in den USA, in Japan und in Südamerika gelesen. Ein südafrikanischer Pfarrer, der während der Apartheidspolitik inhaftiert war, sagte mir einmal: Bonhoeffers Buch hat mir die Kraft gegeben, im Gefängnis zu überleben.

Aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin, wohin er nach dem Hitler-Attentat verlegt worden war, brachte man Dietrich Bonhoeffer im Februar 1945 in das Konzentrationslager Buchenwald. Der Kontakt mit der Familie und den Freunden riss ab. Auf dem weiteren Transport nach Süden schien bereits die Befreiung nahe. Aber auf Hitlers persönlichen Befehl wurden die an der Verschwörung Beteiligten noch vernichtet. Als Bonhoeffer aus der Gruppe der übrigen Gefangenen herausgeholt wurde, denen er gerade noch am „Weißen Sonntag“ eine kurze Andacht gehalten hatte, sagte er zu seinem Mitgefangenen Payne Best: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“

Zusammen mit Admiral Wilhelm Canaris, Generalmajor Hans Oster, General Friedrich von Rabenau, Generalstabsrichter Karl Sack, Hauptmann Ludwig Gehre und dem Versicherungsdirektor Theodor Strünck wird er vor ein Schnellgericht gestellt. Im Zuge der Ermittlungen nach dem erfolglosen Attentat von Claus Schenk von Stauffenberg hatte die Gestapo in Canaris´ Tagebuch belastende Hinweise gefunden. Einen Verteidiger gibt es nicht. Alle sieben werden, wie es vorher schon feststeht, zum Tode durch Erhängen verurteilt. Das Urteil wird am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg vollstreckt. Am gleichen Tag wird im KZ Sachsenhausen Hans von Dohnanyi exekutiert. Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher werden zwei Wochen später in Berlin ermordet. Erst im Juli 1945 erfährt die Familie durch einen Gedenkgottesdienst, den die BBC aus London sendet, vom Tod Dietrich Bonhoeffers.

„Wer glaubt, flieht nicht.“ Nach diesem Wort des Propheten Jesaja hat Bonhoeffer gelebt. Er hat den Tod nicht gesucht. Aber er ist nicht geflohen, sondern hat im Glauben an Christus die Konsequenzen seines Handelns getragen. Das macht seine Glaubwürdigkeit aus, die er auch heute für Menschen jedes Alters hat.