Vermischtes Der beste Start ins Leben ist eine bewegte Kindheit

12.12.2002, 23:00 Uhr

Montags ist Blockflötenstunde, Dienstags Nachhilfe, Mittwochs Malkurs, am Donnerstag wird die Oma besucht und am Freitag ist Kindergeburtstag. Noch nie waren Kinder so beschäftigt wie heute - und noch nie waren sie so träge wie heute. Bewegt werden die Autos der Mütter, Kinder in Deutschland sind im Durchschnitt täglich nur eine Stunde in Bewegung, davon 15 Minuten intensiv. Das haben Sportwissenschaftler der Universität Karlsruhe ermittelt - und das ist viel zu wenig.

"Wenn Eltern mit ihren Kindern in die Sprechstunde kommen, klagen sie nicht über Haltungsschäden, sondern über die Kopf- oder Rückenschmerzen ihrer Kinder". Diese Erfahrung macht Internist und Sportmediziner Dr. Dirk Ellringmann häufig in seiner Bad Laerer Praxis. Dabei liegt die Ursache solcher Beschwerden oft in Haltungsschwächen begründet. Und die wären leicht vermeidbar: durch mehr Bewegung.

Wenn die Kleinen in die Grundschule kommen, sind sie in der zweiten Wachstumsphase, die bis zur Pubertät andauert. In dieser Zeit schießen sie durchschnittlich sechs Zentimeter im Jahr in die Höhe. Nicht ganz so rasant verläuft der Zuwachs an Kraft und Ausdauer. Beide benötigen ständiges Training, sonst werden Bauch- und Rückenmuskulatur nicht stark genug ausgebildet, um das Körpergewicht dauerhaft stützen zu können.

Die Folgen sind alarmierend: Träfe die bundesdeutsche Statistik der Schüler auf die Zweitklässler zu, die begeistert durch die Sporthalle der Grundschule Bad Laer toben, hätten 40 Prozent von ihnen Haltungsschwächen, jedes fünfte Kind wäre übergewichtig und ein Viertel würde an Herz- und Kreislaufschwächen leiden. Aber die sieben- bis achtjährigen Schützlinge von Silke Aufdemkamp sind fit. Und das hängt nicht nur damit zusammen, dass Dorfkinder mehr Platz zum Toben haben als Stadtkinder, es hat auch mit ihrem Unterricht zu tun.

Hinter dem unscheinbaren "Sport bei Frau Aufdemkamp" auf dem Stundenplan versteckt sich eine fantastische Welt voller spannender Geschichten und Abenteuer. Freitagmorgens verwandeln sich die Kinder in wilde Tiere und mutige Entdecker und bahnen sich einen Weg durch gefährliche Urwälder. Mindestens hundert Meter tief ist die Schlucht, und nur wer sich gut an der Liane festhält, kann sich hinüber schwingen. Für die Überquerung der Hängebrücke braucht man die richtige Balance. Und die Affen müssen sich von Baumstamm zu Baumstamm hangeln, ohne dabei den Boden zu berühren. "Diese Geschichten geben mir die Möglichkeit, Bewegungsformen in die gewünschte Richtung zu beeinflussen", erklärt Silke Aufdemkamp. Und so trainieren Affe, Tiger und Schlange ganz spielerisch ihre Arm- und Schultermuskulatur - weit weg von langweiligen Nachmach-Übungen in Reih und Glied.

Die Motologin mit einem zweijährigen Zusatzstudium der Lehre von der Bewegung weiß, dass zwei Stunden Schulsport in der Woche Bewegungsmangel kaum ausgleichen können, aber sie kann Anregungen für Zuhause und den Spielplatz geben. "Kinder brauchen Bewegungsräume, die sie mitgestalten können", so ihr Appell. Ihr Ziel ist es, den Kindern Lösungen und Strategien zu vermitteln, die sie auch im täglichen Leben anwenden können. "Aufgabe des Schulsports ist es, Kinder durch attraktive Bewegungsangebote zu einem dauerhaften und freudvollen Bewegen zu animieren". Kaum etwas stärke das Selbstbewusstsein der Kinder so sehr wie Erfolgserlebnisse, die beim Sport und beim bewegten Spielen entstehen.

Aber auch Landkinder folgen dem allgemeinen Trend. "Kinder, die ein wenig tapsig laufen, Schwächen in der Koordination haben oder unter einem Rund- oder Hohlrücken leiden, gibt es natürlich auch bei uns", so ihre Erfahrung. Die Ursachen scheinen auf der Hand zu liegen: Computerspiele und Fernsehprogramme sind offenbar interessanter, als vor der eigenen Haustür selbst Abenteuer zu erleben; ein Drittel der deutschen Kinder hat einen eigenen Fernseher. "Die Eltern tragen die größte Verantwortung", sind sich Aufdemkamp und Ellringmann darum einig.

Denn nicht nur der Körper braucht Bewegung, auch der Geist profitiert von physischen Anstrengungen: Wissenschaftlern zufolge besteht ein inniger Zusammenhang zwischen den intellektuellen Fähigkeiten und körperlicher Betätigung. Und welche Eltern hätten nicht gerne schlaue Kinder?

Aber Sport ist eben nur dann gesund, wenn er Spaß macht. "Es ist wichtig, sich mit dem Kind zu beschäftigen und nicht einfach zu sagen: Mach mal". Aufgabe der Eltern sei es, die Freude an der Bewegung zu wecken. "Mein Vater ist jeden Samstag mit uns auf den Sportplatz und danach ins Schwimmbad gegangen", erinnert sich Ellringmann. Demnach gilt wohl: Wenn Mama und Papa am liebsten chipsknabbernd und dauerdösend auf der Couch liegen, dürfen sie sich nicht darüber wundern, wenn ihr Nachwuchs frische Luft und Bewegung doof findet.