Vermischtes ,,Das sieht sich doch keiner an"

19.12.2002, 23:00 Uhr

Die NWDR-Rolle – Wie das Fernsehen anfing – NDR, Samstag, 23. 15 UhrInge Meysel bringt’s auf den Punkt: Das Fernsehen, das heute so manches Baby schon auf dem Wickeltisch kennenlernt, war auch mal neu. 50 Jahre ist es her, die Geschichte wird zurzeit häufig erzählt, wobei das Fernsehen natürlich am schönsten berichten kann, weil es ja ein Archiv hat mit unzähligen bewegten Bildern.

Inge Meysel erinnert sich an das, was die Leute damals so sagten: ,,Diese Bilder, das sieht sich doch keiner an. Man hört abends im Dunkeln Radio und schläft dabei ein. Da will doch keiner noch hingucken". Und sie weiß noch genau: ,,Ernst haben wir das Fernsehen alle nicht genommen". Wie so viele Schauspielerkollegen hatte sie anfangs überhaupt keinen Spaß daran: ,,Uns hat das Publikum gefehlt". So sehr gefehlt, dass die Meysel das Studiopersonal bat: ,,Nun lacht doch mal, damit man merkt, dass jemand zusieht". Doch die Kollegen von der Technik meinten nur: ,,Sie sind wohl verrückt geworden, Frau Meysel, das hören dann doch die Fernsehzuschauer".

Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) war am Anfang ein siamesischer Zwilling – Keimzelle des Fernsehens in Deutschland, der sich nach der Trennung in NDR und WDR zu zwei ansehnlichen Kindern entwickelte. Die ,,NWDR-Rolle", die der NDR heute Abend ins Programm bringt, widmet sich den ersten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren. Und zwar so unspektakulär, dass man es Inge Meysel fast glauben mag, dass damals niemand das Fernsehen ernst nahm.

Prominente Zeitzeugen wie große alte Mimin Meysel, ihre Hamburger Kollegin Heidi Kabel (,,Als ich geboren wurde, gab es noch nicht mal Telefon"), Wolfgang Menge, Gisela Trowe oder ,,Stahlnetz"-Regisseur Jürgen Roland erinnern sich, Programmsprengsel aus den Fünfzigern lockern auf, ,,Tagesschau"-Sprecherin Susanne Daubner und Jörg Thadeusz tragen aus dem Tagebuch von Ursula und Kurt Wagenführ vor, die zu den ersten Fernsehkritikern der Nation gehörten.

,,Zapping-Mix", ,,eigenwilliges Video-Spiel" und ,,Revue der ungesehenen und vergessenen Programm-Spuren" nennt der NDR seine dreistündige Rolle. Stimmt, denn eine rauschende Geburtstagsparty im Stile des privaten Spaß-Programms ist sie wirklich nicht. Da werden eher Liebhaber angesprochen, die sich auch über unspektakuläre Anekdötchen freuen können und nichts dagegen haben, wenn angestaubte Bilder auf topmoderne Musik treffen, was zumindest zeitweise schreiend komisch ist. Tatsächlich – nach einer Stunde gibt es immer mehr zum Schmunzeln und Lachen, und irgendwann mag man gar nicht mehr aufhören damit.

Und über noch etwas dürfen wir uns freuen: Etliche Jahre nach dem Fernsehen kam auch der Videorekorder nach Deutschland. Und deshalb muss heute nacht niemand bis viertel nach zwei vor dem dritten, vierten oder fünften Familienmitglied hocken bleiben, um die ,,NWDR-Rolle" zu sehen. Eile ist dennoch geboten, denn die nächste Anekdoten-Revue kommt schon bald.