Vermischtes Begeisterung ist grenzenlos

08.07.2009, 22:00 Uhr

Freunde aus aller Welt finden, selbstständig werden und jede Menge Neues lernen und erleben! Das Rezept dafür hat Janna Kullmann aus Neuenkirchen. Die 18-jährige Gymnasiastin hat ein Jahr in Neuseeland verbracht, das ihr zur zweiten Heimat geworden ist.

An der Scheunentür in der Vördener Straße hängt ein Bettlaken. „Janna ist zurück“ haben die Freunde daraufgeschrieben. Abends bereiteten Familie und Freunde eine Willkommensparty für sie. „Janna ist am Tisch eingeschlafen“, berichtet ihre Mutter Hannelore. Doch jetzt sitzt die Schülerin putzmunter auf dem Gartenstuhl. Die Erlebnisse und Eindrücke sprudeln nur so aus ihr heraus. Immer wieder mischen sich englische Vokabeln in ihre Sätze. „Sorry, mein Deutsch ist im Moment nicht so gut“, entschuldigt sie sich. Ein Jahr lang hat sie ausschließlich Englisch gesprochen.

Janna besuchte eine der renommiertesten Schulen Neuseelands, die Westlake Girls High School, mit mehr als 2500 Schülerinnen die größte Mädchen-Schule Neuseelands. Mit Begeisterung schildert Janna den Schulalltag in Auckland City. Weiße Bluse, grüner Pullover, grün-blau-rot-karierter Rock: Diese Uniform tragen alle Schülerinnen. Auch für den Sport gibt es einen Einheits-Look. Nur der Abschlussjahrgang gehe „in Zivil“, um sich auf das Leben „draußen“ einzustellen.

Allerdings gelte auch dafür ein Klamotten-Codex. Röcke dürften nicht zu kurz, Ausschnitte nicht zu tief sein. Janna sieht das Tragen des Einheits-Dresses keineswegs als Zwang an. Im Gegenteil, die Schüler repräsentierten oft auch in der Freizeit ihre jeweilige Schule durch das Tragen der Kleidung. Dabei sei „Mischmasch“ allerdings verpönt. „Hierfür hätte es eine Strafarbeit gegeben“, schmunzelt Janna und zeigt auf die Flip-Flops an ihren Füßen. Zur Uniform gehören schwarze Strumpfhosen oder weiße Söckchen mit Ballerinas.

Kleine Klassen

Um 8.45 Uhr versammeln sich die Schüler jeden Tag für eine zwanzigminütige Information. Dann heißt es fünf Zeitstunden Unterricht zu absolvieren. Dabei haben die Schüler Wahlmöglichkeiten und können zum Beispiel zwischen zwei Geschichtsthemen wählen. Die Schule biete außerdem „eine unglaubliche Menge verschiedener Sport- und Musikarten“, sagt Janna. So habe sie Judo, Hockey und „Net-Ball“ gewählt, eine neuseelandtypische Ballsportart ähnlich dem Basketball.

Aktionen und Veranstaltungen lockern den Schulalltag auf. Einmal wöchentlich versammeln sich alle Schüler eines Jahrgangs, tauschen Informationen aus und zeigen Videoclips. Maximal 24 Schüler säßen in einer Klasse, erklärt Janna. Sport und Musik liefen vor oder nach dem Schulunterricht.

Das Verhältnis zu den Lehren sei sehr offen gewesen, erklärt sie. Es herrsche ein freundschaftlicher Ton, der es erlaube, auch mal Witze zu machen. „Die Lehrer waren so toll, die haben alles für uns getan“, begeistert sich Janna. Eine Lehrerin habe sie sogar zu Hause abgeholt, um sie zum Arzt zu begleiten, erzählt die Schülerin. Zu Anfang habe sie Probleme mit Augenentzündungen gehabt. Nicht der einzige Wermutstropfen.

Ihre erste Austausch-„Familie“ sei eine Journalistin gewesen, die kaum Zeit gehabt hätte. Die Schule habe sich allerdings sehr engagiert und eine andere Austauschfamilie gefunden, bei der sich Janna sofort wohlfühlte.

Der Schüleraustausch hat an der Westlake High School einen hohen Stellenwert. Dafür gibt es ein eigenes Office und spezielle Lehrer. Multikulturell sei die Schule, berichtet Janna. Sie habe Freundinnen aus Schottland, Amerika, China und Thailand. Ihre besten Freundinnen sind Mariko aus Japan und Than aus Vietnam, die zur Freude Jannas in Aachen lebt, was ein Wiedersehen erleichtert. In speziellen „culture-weeks“ gibt die Westlake High School den ausländischen Schülern die Möglichkeit, ihr Heimatland vorzustellen. Eine gute Gelegenheit, verschiedene Kulturen kennenzulernen. Dabei werde alles von den Schülern selber organisiert.

Weihnachten im Bikini

Die großen Ferien gibt es um Weihnachten, wenn die Sommerhitze am größten ist. Zum Weihnachtsfest schickte Janna Familie und Freunden eine Postkarte mit einem Foto von ihr: Im Bikini mit Weihnachtsmütze. Eine Mütze und Sonnenbrille trügen nahezu alle, erzählt die Schülerin. Die starke Sonneneinstrahlung mache es unmöglich, ohne Schutz herumzulaufen. Der Wetterwechsel vollziehe sich in Neuseeland manchmal binnen Minuten. Eben noch strahlender Sonnenschein, könne es plötzlich kalt werden und einen heftigen Regenguss geben.

Nicht nur das Land, stellt Janna fest, auch die Neuseeländer sind anders, vor allem höflicher und gelassener. Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit seien nicht zu überbieten. Busfahrer verzichteten schon mal auf die Bezahlung, wenn das nötige Kleingeld gerade fehle, und ein Fahrgast bedanke sich jedes Mal vor dem Aussteigen beim Busfahrer. Lange Fußmärsche seien selbstverständlich, und auch Janna lief jeden Morgen eine Stunde zur Schule. Wandern sei das Hobby fast aller Neuseeländer. Die Flüsse seien absolut sauber, Wanderer füllen darin ihre Trinkflaschen auf. „Keiner käme auf die Idee, Müll wegzuwerfen“, berichtet Janna.

Die Neuseeländer sagen: „Wir leben im Paradies und müssen es uns erhalten.“ Paradiesisch seien selbst die Städte, mit unglaublich viel Grün. Jeder habe einen Zitronenbaum vor der Haustür. Vom Balkon ihres Zimmers habe sie auf das Meer blicken können und den Vulkan Rangitoto dahinter, schwärmt Janna.

Gereist ist Janna natürlich auch. Sie durchquerte die ganze Südinsel und probierte sich in Extremsportarten wie Sky-Diving, Bungee-Jumping und Hang-Gliding. Erst 200 Jahre jung ist die Geschichte Neuseelands und geprägt durch das Verhältnis zwischen den siedelnden Engländern und den Ureinwohnern, den Maori. Janna hat an manchen alten Gebäuden noch Einschusslöcher aus Kriegszeiten entdeckt.

Inzwischen seien alle Beschilderungen, die Nationalhymne und selbst die Werbung im Fernsehen zweisprachig. Beim Abschied von Lehrerin Mrs. Pennycook und ihren Freunden flossen natürlich viele Tränen. Besonders schwer fiel auch der Abschied von ihren Gasteltern Shawn und Michelle und deren Töchtern, der fünfjährigen Symantha und der vierjährigen Zoe. „Das ist meine zweite Familie“, sagt Janna mit leicht feuchten Augen. In zwei Jahren will die neuseeländische Familie nach Deutschland kommen. Janna kann es kaum erwarten, ihre „Eltern“ wiederzusehen. „Das war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe“, verkündet Janna. „All diese Dinge werde ich ewig mit mir tragen.“