Vermischtes Beeindruckt von der russischen Gastfreundschaft

24.07.2009, 22:00 Uhr

Meine Gastfamilie, Mutter, Vater und kleiner Bruder Sergej, holte mich mit dem Auto vom Flughafen Cheboksary ab und zeigte mir auf dem Nachhauseweg die Stadt. Die grauen, großen Häuser am Straßenrand gefielen mir nicht so gut. Zu Hause angekommen, machten wir einen großen Spaziergang. So langsam gewöhnte ich mich an die neue Optik. Später fiel mir die graue Umgebung gar nicht mehr auf.

Meine Gastfamilie nahm mich etwas reserviert auf. Mit meinen Gasteltern konnte ich mich – auch aufgrund meiner begrenzten sprachlichen Möglichkeiten – nur über kleine Alltagsfragen unterhalten. An meinem ersten Wochenende in Russland zeigten sie mir den großen Markt und die prunkvolle russisch-orthodoxe Kirche. Auf dem Markt konnte man so gut wie alles kaufen: von Schweineköpfen über Autoteile bis hin zu Kleidern in absurden Größen. Richtig beeindruckt war ich auf unserem anschließenden Spaziergang am Salif, der Bucht der Wolga innerhalb der Stadt. Direkt am Wasser entlang, in dem sich Fontänen befinden und auf dem man Boot fahren kann, führt eine breite, gut geteerte Straße, auf der bei gutem Wetter die halbe Stadt spazieren geht oder Inliner fährt.

Ein zweiter Anfang

Nach drei Wochen wurde mein Gastvater krank und musste ins Krankenhaus. Ich verstand nicht allzu viel; meine Gastmutter war nur noch selten zu Hause. Irgendwann wusste ich, dass mein Gastvater am Blinddarm operiert worden war. Er kam zwar nach wenigen Tagen wieder nach Hause, war jedoch noch sehr krank und musste den ganzen Tag im Bett liegen. Nach einer Woche rief meine Betreuerin von YfU an und teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag in eine neue Gastfamilie ziehen würde, weil meine Gastfamilie wegen der Krankheit meines Gastvaters nicht mehr genug Geld für einen Austauschschüler habe.

So packte ich denn meine Sachen und saß am nächsten Tag nach der Schule startklar mit meiner Gastfamilie im Wohnzimmer vorm Fernseher. Die Stimmung war sehr bedrückend für mich, da sie mit mir nicht über den Familienwechsel und seine Gründe sprachen. Ich traute mich auch nicht, das Thema von mir aus anzusprechen.

Meine neue Gastfamilie bestand anfangs nur aus meinen Gastgeschwistern Olesya (24) und Dima (19). Meine Gastmutter hatte einen Saisonjob am Schwarzen Meer und kam erst im Herbst nach Hause. Der Vater der Familie ist vor fünf Jahren gestorben.

Olesya hat die Stelle der Mutter für Dima und mich übernommen. Sie ist Englischlehrerin an einer privaten Sprachschule. Sie genoss es, mit mir Englisch zu sprechen, was zwar die Kommunikation sehr erleichterte, zum anderen jedoch meinen sprachlichen Fortschritten nicht zuträglich war. Dima ging zu der Zeit noch zur Schule.

Während Dima und ich uns das Schlafzimmer teilten, schliefen Mama und Olesya im Wohnzimmer auf einer Klappcouch. Olesya weckte mich morgens und machte mir Frühstück. Bis zum Ende meines Austauschjahres konnte ich mich nicht daran gewöhnen, dass es zum Frühstück warmes Essen, also Kartoffeln oder Nudeln mit Fleisch oder Ähnliches, gab. Manchmal gab es aber auf meinen Wunsch hin auch Müsli.

Nach dem Frühstück fuhr ich zur Schule. Der Unterricht dauerte meist bis 14 oder 15 Uhr. Mittag- und Abendessen kochten meist Dima und ich. Die Mahlzeiten unterschieden sich substanziell nicht vom Frühstück: Kartoffeln mit Fleisch in verschiedenen Variationen. Manchmal wurden die Kartoffeln durch Nudeln oder Graupen ersetzt.

Wenn Olesya kochte, machte sie oft ausgezeichneten Salat zum Beispiel mit gebratenen Hühnchenstückchen und einer hervorragenden Salatsoße. Als des Kochens Unkundiger war ich für das Kartoffelschälen zuständig. Dima war sehr belustigt, wie langsam das bei mir vonstatten ging. Gegen Ende meines Austauschjahres konnte ich jedoch bezüglich meiner Kartoffelschälgeschwindigkeit (pph – potatoes per hour) durchaus mit Dima konkurrieren.

Der Alltag in Russland

Da meine Gastfamilie keine Waschmaschine besitzt, muss die gesamte Wäsche mit der Hand gewaschen werden. Für meine Unterhosen und meine Socken war ich selbst zuständig. Den Rest hat zum Glück Olesya für mich gewaschen. Die Wäsche wurde nach halbstündigem Einweichen in der Badewanne gewaschen. Bei gutem Wetter konnte man sie auf dem Balkon zum Trocknen aufhängen, ansonsten gab es auch ein paar Leinen über der Badewanne. Wollte man die Wäsche schnell wieder benutzen, so wurde sie in der Küche über den aufgedrehten Gasherd gehängt. War es dann in der Küche zu warm geworden, öffnete man das Fenster. Wasser, Strom und Gas werden schließlich zu Festpreisen geliefert.

Bei Partys hat man sich meist erst getroffen und ist zusammen einkaufen gegangen. Die Kosten für Getränke und Essen wurden dann geteilt. Bei Geburtstagspartys hat natürlich der Gastgeber einen größeren Teil bezahlt.

Das größte Fest in meiner Familie war Silvester. Wir haben den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden und sehr leckeres Essen vorbereitet. Dann gab es Geschenke. Ich habe ein Paar Hausschuhe bekommen. Dann haben wir zusammen im Wohnzimmer gegessen. Vor Mitternacht kam im Fernsehen die Ansprache von Medwedew und die Nationalhymne. Um zwölf schlugen die Glocken. Wir sind unten auf die Straße gegangen und haben uns das Feuerwerk angeschaut.

An meinem ersten Tag in der Schule wurde ich bei einer Schuljahrseröffnungszeremonie zusammen mit den anderen beiden Austauschschülern der gesamten Schule vorgestellt. Meine Klassenkameraden nahmen mich sehr freundlich und interessiert auf. Sie stellten mir viele Fragen: wo ich herkomme, warum ich in Russland bin und ob wir in Deutschland alle Bag-Bier trinken. Dieser Irrglaube beruht auf einer russischen Fernsehwerbung, in der Männer in Lederhosen vor ihren Hütten in den Bergen Bag-Bier trinken und „Natürlich!“ sagen.

Empfang in der Schule

Vom Fächerkanon her ist die Schule in Russland der deutschen sehr ähnlich. Ich hatte Englisch, Gesellschaftskunde, Russisch, Physik, Mathe, Chemie, Biologie, Sport und russische Literatur. Eine kurze Zeit durfte ich auch an dem Chuwaschisch-Unterricht in der ersten Klasse teilnehmen. Chuwaschisch ist die Sprache der Republik Chuwaschien, deren Hauptstadt Cheboksary ist. Wirklich gesprochen wird sie nur noch von alten Leuten auf dem Land. Chuwaschische Schüler müssen drei Jahre lang Chuwaschisch lernen. Man hat mir gesagt, dass Chuwaschisch eine der schwersten Sprachen der Welt ist. Ich kann jetzt auf Chuwaschisch sagen, wie ich heiße, wo ich wohne und auf welche Schule ich gehe.

Das Notensystem in Russland ist andersherum als in Deutschland. Die beste Note ist eine 5, die schlechteste eine 1. Aus meiner Klasse hat allerdings keiner eine 1 bekommen. Bei den Abschlussprüfungen in meiner Klasse am Ende des Schuljahres konnte man seine Noten durch Zusatzprüfungen oder finanzielle Zuwendungen an den Lehrer verbessern.

Die Russen sind sehr gastfreundlich. Meine Gastfamilie ist für mich extra zusammengerückt, und ich durfte im einzigen richtigen Bett schlafen.

Väterchen Frost

Ich hatte mir immer einen richtigen Winter mit ordentlich viel Schnee gewünscht. Den habe ich in Russland natürlich auch bekommen. Wir hatten mehrere Tage unter minus 25 Grad, an einem Tag sogar minus 32 Grad. Im Dezember ist die Wolga zugefroren, und sie blieb bis Ende Februar gefroren. In der Schule war es im Winter oft nicht so warm. Die Mädchen saßen meist in Jacke im Unterricht. Bei uns in der Wohnung war es aber muckelig warm – Heizung auf volle Power, und wenn es zu warm wurde, Fenster auf.