Vermischtes Bauen in zweiter Reihe – Wunsch und Wirklichkeit

07.12.2002, 23:00 Uhr

Im Garten von Edith Holtgrewe am Tannenkamp 76 war noch Platz. Wo sonst Möhren, Bohnen und Kartoffeln wuchsen, wohnt jetzt ihr Sohn Martin mit Ehefrau Karolin und Töchterchen Ines. Für die junge Familie überwiegen eindeutig die Vorteile: "Hier ist es ruhiger", freut sich Karolin Holtgrewe, "das ist optimal mit kleinen Kindern". Dabei geht es nicht nur ums Grundstück, auch der Familienanschluss ist inklusive. Wenn’s drauf ankommt, passt die Großmutter auf das sechsjährige Töchterchen Ines auf.

Bei den Holtgrewes ist es im Garten zwar ein bisschen eng geworden, aber damit haben sich beide Seiten arrangiert. Ein Problem gab es anfangs mit der schmalen Grundstückszufahrt, aber das wurde mit einer schlankeren Treppe für das Vorderhaus gelöst. Offen ist, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Häusern gestaltet, wenn das Grundstück später einmal geteilt wird und vorne eine andere Familie einzieht. Die Nähe von Vorder- und Hinterhaus erfordert klare Regelungen, ist aber handhabbar, meint Thomas Rolf vom Fachbereich Städtebau.

Für die Stadtplaner aus Osnabrück ist das Bauen in der zweiten Reihe zum Dauerbrenner geworden. Nach dem gültigen Flächennutzungsplan müssten 50 Prozent der zusätzlichen Wohnbaumöglichkeiten aus dem vorhandenen Bestand geschaffen werden, rechnet Fachbereichsleiter Franz Schürings vor. Für die Stadt bedeutet das, Baulücken zu schließen, vorhandene Häuser aufzustocken und das Bauen in der zweiten Reihe zu ermöglichen. Dafür spricht nach Schürings‘ Worten der sparsame Umgang mit Grund und Boden, zu dem die Stadt laut Baugesetzbuch verpflichtet ist: "Wir müssen nicht in die freie Landschaft gehen". Das sei ökologisch sinnvoll und schaffe eine Stadt der kurzen Wege. Mit dem Bauen in der zweiten Reihe werde zugleich die vorhandene Infrastruktur von Schulen, Kindergärten oder Geschäften genutzt. Und weil das Grundstück oft innerhalb der Familie zu günstigen Konditionen vergeben werde, kämen auch Bauherren mit schmalerem Budget zum Zuge, die sonst vielleicht ins Umland abwandern würden.

In der zweiten Reihe würde auch Wolfgang Oberpenning gerne bauen. Der 47-jährige Arbeitspädagoge wohnt in einem Dreifamilienhaus an der Wersener Straße, und die Wohnung ist für die fünfköpfige Familie zu klein. Doch das Bauamt hat ihm jetzt eine Absage erteilt, weil er mit seinem Neubau einen Abstand von 10,80 Meter zum Vorderhaus einhalten müsste. Das findet Wolfgang Oberpenning übertrieben, aber die Bauvorschriften sollen verhindern, dass sich die Nachbarn zu nahe auf die Pelle rücken. Und auf einen Dispens, eine Ausnahmeregelung, wollte sich der Fachdienst Bauordnung nicht einlassen. Nicht jedes angepeilte Grundstück eignet sich für eine Hinterliegerbebauung. Aber in den Stadtteilen aus den 30er, 40er und 50er Jahren ist oftmals noch Platz für eine zweite Reihe. Stadtplaner Thomas Rolf nennt als Faustformel eine Grundstückstiefe von mindestens 25 Metern. Voraussetzung sei aber auch eine geeignete Zuwegung: "Da wünschen wir uns, dass sich Nachbarn zusammentun", bekundet Rolf, "dann muss jeder nur anderthalb Meter abgeben".

Doch gerade das scheitert oft am Eigensinn der Beteiligten. Für die Stadtplaner ist es zeitraubend, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen. Und weil die Nachverdichtung einer vorhandenen Siedlung Konflikte heraufzubeschwören droht, werden die "Spielregeln" wie Traufhöhe, Dachneigung und Firsthöhe bis aufs Komma festgeschrieben. Das gilt auch für die Anzahl der Wohnungen in einem Haus und sogar für die Lage der Dachgauben.

So eine Änderung des Bebauungsplans dauert meist zwei Jahre, manchmal noch länger. Da müssen Altlasten und Biotope untersucht werden, da geht es aber auch um die Frage, ob der Schmutzwasserkanal einer Straße ausreichend dimensioniert ist. Und weil das Verfahren so aufwändig ist, sind die Stadtplaner an zusammenhängenden Lösungen interessiert. Denn fast überall dort, wo eine Hinterliegerbebauung im Einzelfall zugelassen wurde, melden sich die Nachbarn über kurz oder lang ebenfalls beim Bauamt, um sich nach der zweiten Zeile zu erkundigen.

Also lieber gleich eine "Paketlösung", sagen sich Stadtplaner wie Schürings und Rolf. Manchmal fragen sie sich, ob sich der Zeitaufwand überhaupt lohnt, den eine Bebauungsplanänderung erfordert. In den meisten Fällen dauert es nämlich sehr lange, bis sich die zweite Reihe füllt. Am Natruper Holz lässt der Bebauungsplan von 1996 den Bau von 22 Häusern in der Rückfront zu. Bisher sind davon aber erst fünf realisiert.

"Das steht in keinem Verhältnis zueinander", stöhnt Fachbereichsleiter Schürings, "in der Zeit könnten wir für ein Neubaugebiet die zehnfache Fläche beplanen, und das würde auch noch schnell realisiert." Aber die Zeiten, in denen die Stadt ganze Siedlungen planen konnte, gehen langsam aber sicher dem Ende zu.