Vermischtes Anerkennung und Achtung vor beispielhafter Zivilcourage

12.12.2002, 23:00 Uhr

Harry Nehring hat Zivilcourage bewiesen und sich eingemischt. Die Stadt Bramsche, der Präventionsrat und die Polizei ehrten im Rathaus den 48-Jährigen für sein selbtsloses Engagement, das ihm allerdings schlecht bekommen ist. Nehring wurde mit Dachlatten verprügelt und am Boden liegend mit Füßen getreten.

Am 18. Oktober beschmierte eine Gruppe von Jugendlichen ein Gebäude am Marktplatz. Ein vorbeikommendes Paar sprach die Täter an und wurde verbal und mit Fäusten traktiert. Harry Nehring beobachtete die eskalierende Situation und griff verbal in das Geschehen ein. Die gewaltbereiten Jugendlichen rissen Latten aus einem Zaun und schlugen auf den gelernten Maschinenbauer ein. "Diese Gewalt war menschenverachtend", sagte Nehring. "Ohne Rücksicht. Ich hatte Glück, dass nicht mein Kopf getroffen wurde." Mit Rippenbrüchen, tiefen Schnittwunden und zahlreichen blauen Flecken ist Nehring ins Krankenhaus eingeliefert worden.

"Wir wollen Herrn Nehring ausführlich für sein Handeln danken", erklärte Bürgermeisterin Liesel Höltermann. "Ich würde mich freuen, wenn Sie diese Ehrung auch als Ermutigung ansehen, auch in Zukunft hinzusehen, sich einzumischen, um Schaden von Mitbürgerinnen und Mitbürgern abzuwenden." Höltermann überreichte Nehring neben einem Strauß Blumen ein Sportbuch und ein Wohlfühlgutschein für das Hase-Bad. "Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Zivilcourage und Leute, die sich einmischen, sonst entwickeln wir uns zu einer Tribünengesellschaft."

Ralf Bergander von der Polizei Bramsche betonte noch einmal, dass jeder in so einer Situation etwas unternehmen könne. "Die Leute sollen genau hinschauen, uns anrufen und Anzeige erstatten", sagte Bergander. "Sie können sich das PKW-Kennzeichen merken, den Fluchtweg einprägen oder die Personen beobachten, um eine exakte Beschreibung abzugeben." Ein wichtiger Aspekt sei es, sich selber einzuschätzen, "um gezielt einschreiten zu können". Graffiti und Zerstörung machen der Stadt Bramsche schwer zu schaffen. Allein in diesem Jahr musste eine fünfstellige Eurosumme für Graffitientfernung und Reperatur von mutwillig zerstörten Gegenständen aufgewendet werden. "Geld, das sehr viel sinnvoller eingesetzt werden könnte", bemerkte Höltermann.

Drei Straftäter identifizierte die Polizei noch vor Ort. Ihnen drohen Jugendarrest oder eine Jugendstrafe mit harten Bewährungsauflagen. Durch das Eingreifen von Harry Nehring ordnete die Polizei 30 weitere Tatorte den überführten Graffiti-Sprayern zu. "Für die Beweisaufnahme im Fall Nehring ist es enorm wichtig, dass sich das beteiligte Paar meldet und eine vollständige Zeugenaussage macht", erklärte Bergander. Bis heute hat sich das Paar zu den Vorkommnissen nicht geäußert.

Der Geschäftsführer des Präventionsrates, Jan Rathjen, betonte, dass "wir die Leute zum Hingucken ermutigen sollen. Wir wollen dem Weggucken entgegentreten und loben ausdrücklich das Handeln von Harry Nehring". Obwohl Nehring durch sein beherztes Eingreifen selber zum Opfer wurde, schaut er auch in Zukunft nicht weg: "Wenn ich sehe, dass jemand meine Hilfe braucht, dann werde ich mich wieder einmischen."