Vermischtes Als Europa unterging

25.03.2008, 23:00 Uhr

Der kurz getragene Binder wirkt heute ein wenig seltsam. Aber der Handkuss, mit dem Stefan Zweig seine Gastgeberin begrüßt, verrät gerade in seiner beiläufigen Lässigkeit etwas von den Umgangsformen einer fernen Kultur, von der heute nicht einmal mehr ein Begriff existiert. Die kurze Filmsequenz zeigt den Wiener Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) in den Zwanzigern bei einem Künstlertee am Rande der Salzburger Festspiele. Gerade einmal eineinhalb Jahrzehnte später ist Zweigs aufgeräumte Höflichkeit lastender Verzweiflung gewichen. 1940 entstehen in einem Londoner Fotoautomaten 48 Passfotos, die einen ganz anderen Stefan Zweig zeigen. Mit geradezu erzwungener Lustigkeit setzt er sich in allerhand Posen. Doch seine Blicke wirken so, als würde ein Sträfling mit ihnen die Enge seiner Zelle abmessen wollen.

Zwei Szenen und zwischen ihnen die Tristesse der Emigration - die akribisch zusammengetragenen Dokumente, die nun im Berliner Historischen Museum (DHM) zu sehen sind, illustrieren nicht nur das Leben eines Autors, der vor allem mit psychologisch ausgefeilten und hinreißend erzählten Biografien über Persönlichkeiten von Marie Antoinette bis Balzac und Erasmus von Rotterdam zu einem der großen Erfolgsschriftsteller des 20. Jahrhunderts avancierte. Die Ausstellung macht am Beispiel dieses polyglotten Großbürgers und Bildungsmenschen auch geradezu körperlich spürbar, welche Verheerungen Kulturzerstörungen den Individuen zufügen.

Mit der Fallhöhe, die sich zwischen dem kometenhaften Aufstieg Zweigs im Wien der späten K.u.k.-Zeit und seinem Selbstmord im brasilianischen Exil in dramatischer Zuspitzung auftat, ist mehr als die Tragödie eines einzelnen Schicksals bezeichnet. Denn was ausgerechnet der im Vergleich zu anderen Exilanten finanziell gut gestellte Zweig nicht verwinden konnte, war der Untergang einer ganzen Kultur, die mit den Bücherverbrennungen der Nazis eingeleitet worden war. Die verbindende Kraft des Wortes, das Fundament der einen ganzen Kontinent einigenden Bildung - all dies lebte Zweig persönlich vor. Der Autor Zweig war eher Anverwandler als Erfinder und gerade deshalb idealer Vermittler. Kein Wunder, dass dieser Autor auch als Übersetzer, als Mann mit unzähligen Briefkontakten und schließlich als Sammler wertvoller Künstlerautografen prominent wurde, der Originale von Beethoven bis Kafka und für kurze Zeit gar Text und Noten des Deutschlandliedes in seinem Besitz hielt. In Zweigs urbaner Beweglichkeit hatte die Kultur eines alten Europa ihre charmanteste Verkörperung gefunden.

Die akkurat eingerichtete Schau des DHM führt nun ganz nah an diesen bis heute viel gelesenen Autor und sein tragisches Geschick heran. Ob der Schreibtisch, das Schachspiel, die Mappe, in denen Übersetzungen und Verlagstantiemen seiner vielen Bücher genau verzeichnet sind - mit dem Bild dieser Schriftstellerexistenz erscheint der Umriss von etwas unwiederbringlich Verlorenem. Wenigstens gibt es Zweigs Bücher. In deren feinnerviger Sprache ist etwas von jener Kultiviertheit bewahrt, die im Inferno der Weltkriege unterging.