Vermischtes 18-Jähriger kam und ging in Handschellen

24.07.2009, 22:00 Uhr

„Das ist voll dumm“, kommentierte der Angeklagte. Damit meinte der 18-Jährige aus dem Altkreis Wittlage allerdings nicht seine bisherigen Straftaten, sondern das vom Staatsanwalt beantragte Strafmaß von zwei Jahren und sechs Monaten.

Der inhaftierte Angeklagte musste zum Termin vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Osnabrück aus der Jugendstrafanstalt vorgeführt werden, da er seit eineinhalb Wochen eine Jugendstrafe von einem Jahr und fünf Monaten absitzt. Ein Mitangeklagter war erst gar nicht zum Termin erschienen, er ist seit acht Wochen verschwunden. Gegen diesen Mann wurde Haftbefehl erlassen.

Der junge Angeklagte ist kein unbeschriebenes Blatt. Er stand bereits das fünfte Mal vor dem Kadi – lebt aber erst seit drei Jahren in Deutschland. Auf die Frage, warum er sich nun wieder vor Gericht verantworten müsse, obwohl er so viele Chancen gehabt habe, antwortete der noch recht kindlich wirkende 18-Jährige mit kaum hörbarer Stimme: „Ich dachte, als Jugendlicher nicht wirklich in den Knast zu kommen.“

Zur Vorgeschichte:

Der Angeklagte kam vor drei Jahren aus Kasachstan nach Deutschland. Sein leiblicher Vater ist verstorben. In Deutschland wurde er von einem Onkel und dessen Ehefrau adoptiert. Der Onkel trennte sich von seiner Frau. Ab dem Zeitpunkt lebte der Angeklagte in einer Jugendhilfeeinrichtung. Dort mochte er nicht bleiben und ging zu seiner Oma. Es ging mit den Adressen hin- und her.

Einen Schulabschluß erlangte er in Deutschland nicht.

Da hat er sich getäuscht. 2008 war er wegen verschiedener Delikte zu einem Jahr und drei Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Gegen Ende desselben Jahres musste er sich wegen Nötigung in zwei Fällen erneut verantworten: ein Jahr und fünf Monate kamen dabei heraus, diesmal ohne Bewährung. Seinerzeit war der 18-Jährige aus purer Langeweile mit dem Rad in einem Kreisverkehr in Bad Essen Pkw entgegen gefahren. Gegen das Urteil legte er Berufung ein.

Gerade mal zwei Monate nach dieser Verurteilung, noch bevor die Berufung hatte stattfinden können, fuhren der Angeklagte als Fahrer, obwohl er keinen Führerschein hatte, und der flüchtige Mitangeklagte als Beifahrer im Fe-bruar 2009 mit einem Pkw zu einer Tankstelle in der Gemeinde Bad Essen.

„Es war meine Idee, die Autokennzeichen mit Müllsäcken zu bekleben, um damit nach dem Auftanken des Pkw unerkannt und ohne Bezahlen zu verschwinden“, gab der Angeklagte zu. Der Schaden: 51,55 Euro.

Es kam zu weiteren Fahrten mit Pkw, aber ohne Führerschein, an denen auch der nicht anwesende Mitangeklagte beteiligt war. Bei einer dieser Touren hatte der Angeklagte wieder „eine Idee“. Nämlich, von einem baugleichen Fahrzeug des Typs, mit dem er unterwegs war, auf einem Parkplatz am Schloss Hünnefeld das Glas des Außenspiegels abzubauen, um es als Ersatzteil am eigenen Wagen zu nutzen. Auch dies hatte der Angeklagte eingeräumt, weshalb auf die Ladung von Zeugen verzichtet worden war.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragte unter Einbeziehung der Vorverurteilungen eine Jugendstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten sowie eine Führerscheinsperre von drei Jahren.

Der Verteidiger bat, strafmildernd die schwere Kindheit des Angeklagten mit dem Umzug nach Deutschland und wechselnden Aufenthaltsorten beim Onkel, im Heim und bei der Großmutter sowie das Geständnis zu berücksichtigen und plädierte für zwei Jahre Jugendstrafe.

„Das ist voll dumm. Zwei Jahre und sechs Monate sind zu viel. Ich habe doch keinen umgebracht, es sind doch nur Kleinigkeiten“, meinte der Angeklagte, als ihm das letzte Wort erteilt wurde.

Ganz so dumm erschien dem Gericht das Plädoyer des Staatsanwalts aber offenbar nicht. Wegen Urkundenunterdrückung, Betrugs, Dieb- stahls sowie Fahren ohne Fahrerlaubnis in drei Fällen erkannte es auf zwei Jahre und vier Monate Jugendstrafe ohne Bewährung sowie die beantragte Sperrfrist zur Erteilung der Fahrerlaubnis. Wenn er so weitermache, werde der Angeklagte zum „Dauerknastgänger“, wovor die Bevölkerung geschützt werden müsse, begründete die Richterin die Entscheidung, bevor sich die Handschellen für den Angeklagten wieder schlossen.