Turmbau zu Rottweil Ohne Seil auf Deutschlands höchste Aussichtsplattform

Von Roland Mischke, Roland Mischke | 09.06.2016, 16:30 Uhr

Die höchste Aussichtsplattform Deutschlands entsteht in der Schwarzwälder Karnevalshochburg Sie ist zugleich eine große Leistung der Ingenieurskunst und ein Touristenmagnet. Der Aufzug soll bis in 232 Meter Höhe führen – und das ohne Seil.

New Yorker Steuerzahler werden mit dem neuen Mahnmal der Metropole, dem 541 Meter hohen One World Trade Center, ziemlich geschröpft. Die Aufzugskabine hat ein Gewicht von zehn Tonnen, die Seile wiegen zwölf Tonnen. Ständig geht der Lift hinauf und hinunter, der Energieverbrauch ist enorm. Der Burj Khalifa in Dubai reckt sich 828 Meter in die Höhe; was das System an Energie benötigt, um es in Gang zu halten, das weiß vielleicht nur der Emir, der das spektakuläre Gebäude in Auftrag gab. Weitere Wolkenkratzertürme sind geplant: in Saudi-Arabien entsteht ein mehr als 1000 Meter hohes Haus, ein neuer Turm in China soll sogar 1600 Meter hoch in den Himmel ragen.

50.000 besichtigen den Bau

Die Deutschen sind bescheidener, obwohl ihre Ingenieure technisch versiert sind. Die Turmkugel des Berliner Fernsehturms – mit 368 Metern bis zur Antennenspitze Deutschlands höchstes Gebäude – befindet sich auf 223 Meter Höhe. Höher fährt hierzulande kein Lift. Aber nicht mehr lange.

In Rottweil im Schwarzwald baut Thyssen-Krupp derzeit einen außergewöhnlichen Turm. Äußerlich erinnert er an einen Schornstein, jeden Tag werden mit Kränen und Bauarbeiten fünf Meter aufwärts draufgesetzt, bis zu 40 Mitarbeiter sind damit beschäftigt. Der Turm, der noch keinen endgültigen Namen hat, bietet ab Frühjahr 2017 die höchste Aussichtsplattform in Deutschland: 232 Meter über dem Boden.

Laut Ralf Broß, Oberbürgermeister der Stadt mit 25 000 Einwohnern, ist die Baustelle bereits ein Magnet. 2015 seien allein 50.000 Neugierige angereist, um zu sehen, wie sich das Bauwerk in die Höhe windet. Insgesamt wird es auf 246 Meter Höhe wachsen.

Aufzüge ohne Seile

Spektakulär ist aber, dass der Rottweiler Turm bekommen wird, was die Türme in New York und Dubai nicht haben. Thyssen-Krupp bringt hier alles unter, was es an derzeitigem Hightech gibt. Die Sensation sind die Aufzüge ganz ohne Seile. „Es kann nichts passieren“, erklärt Andreas Schierenbeck, Chef der Thyssen-Krupp-Aufzugssparte. Man müsse sich das vorstellen „wie eine Magnetschwebebahn in der Vertikalen“. Der Aufzug wird von Magneten gehalten, abrutschen geht nicht.

Technisch gesehen ein enormer Fortschritt, denn Seile machen einen Aufzugsschacht unflexibel. Er braucht viel Raumweite, bis zu 40 Prozent der Nutzfläche, weil die Seile ins Schwingen geraten – und das frisst sehr viel Energie. Für Schierenbeck ist das eine „ökologische Katastrophe“.

Ideen aus Chemnitz

Partner von Thyssen-Krupp ist die Designstahlbau-Firma steel concept im sächsischen Chemnitz, der drittgrößten Stadt des Freistaats nach Dresden und Leipzig. Sie wurde wegen ihrer Fachkenntnisse auserwählt, ihr Motto lautet „Ideen in Stahl“. steel concept kennt sich aus bei stahlbau-textiler Architektur. Das Unternehmen hat den BER-Tower am noch nicht in Betrieb genommenen neuen Flughafen in Berlin errichtet, Brücken, einen Hubschrauberplatz, ganze Fabriken. Es wird die 2,1 Kilometer Aufzugsschächte im Rottweiler Turm durch bis zu 18 Meter lange, bei der Montage aufeinandergeschraubte Träger befestigen und das gesamte Gefüge stabilisieren.

Der Turm wird und soll schwanken, weil Thyssen-Krupp hier testen will, wie Aufzüge in stark schwankenden Hochhäusern beschaffen sein müssen. Ein 240 Tonnen schwerer Schwingungstilger kann die Bewegungen je nach Wetterlage verringern oder verstärken. Der Konzern braucht einen Testturm, der nebenbei auch noch Touristen anzieht, bis zu 100.000 pro Jahr sollen es sein.

Warum gerade Rottweil?

Aber warum gerade in Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, 73 nach Christus von den Römern gegründet und Hauptstadt der schwäbisch-alemannischen Fasnet? Weil es hoch liegt und man von der Plattform hinter vier Meter hohen Glasscheiben bis in die Schweiz in die Alpen schauen kann.