Streit um Entschädigung nach Fabrikbrand Textilbranche spielt mit dem Feuer

18.07.2014, 20:30 Uhr

epd/dpa Berlin. Wer ist schuld am Tod von 255 Menschen, die im September 2012 beim Brand in einer Textilfabrik in Pakistan ums Leben kamen? Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Zu den Verantwortlichen gehören die Fabrikbesitzer, die sich um Brandschutz nicht scherten. Die Gesetze verlangten keine Kontrollen in der Fabrik. Die Behörden hätten bereits weggeschaut, als das Gebäude errichtet und dabei Bauvorschriften missachtet worden seien, klagt der Rechtsanwalt Faisal Siddiqi, der die Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer von Karatschi vertritt.

Das alles sei wahr, sagen auch Vertreter von Menschen- und Arbeitsrechtsorganisationen. Die tiefere Ursache für die Tragödie liege im System der Billigproduktion von Kleidung in Asien für europäische Kunden. Dabei müssten die Näherinnen und Näher sechs Tage die Woche und 14 Stunden am Tag für 90 Euro im Monat schuften. Private Unternehmen wie Rina aus Italien stellten Zertifikate über die Arbeitssicherheit in den Manufakturen aus, für die sie aber nicht haftbar gemacht werden könnten.

Solche Gütesiegel habe es auch für Textilfabriken in Bangladesch gegeben, bevor sich dort Unglücke ereigneten, berichtet Frauke Banse von der „Kampagne für Saubere Kleidung“. Dort war im April 2012 eine Fabrik eingestürzt, bei der Tragödie starben mehr als 1100 Menschen.

Unglücke in der Textilindustrie geschehen mit trauriger Regelmäßigkeit. Bei einem Feuer in einer Fabrik im pakistanischen Karatschi im September 2012 waren 255 Menschen zu Tode gekommen. Menschenrechtler kritisieren nun einen schleppenden Verlauf der Entschädigungsverhandlungen für Opfer und Hinterbliebene der Katastrophe. Miriam Saage-Maaß vom „Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte“ sprach von einem „System der organisierten Unverantwortung“, das Textilfirmen zur möglichst billigen Produktion in Asien ausnutzten. Dringend nötig sei eine entschiedene Verschärfung des Haftungsrechts, wie sie derzeit etwa in Frankreich diskutiert werde.

Die Umstände des Unglücks in der Fabrik in Karatschi waren fürchterlich: Viele Arbeiter verbrannten bei lebendigem Leib, weil Notausgänge verschlossen und nur ein einziger Ausgang aus dem Gebäude geöffnet war. Wegen der beengten Verhältnisse in der Fabrik und der daraus resultierenden Lagerung leicht entzündlicher Textilien konnte sich das Feuer rasch ausbreiten. Auslöser der bisher größten Brandkatastrophe in einer pakistanischen Fabrik war ein Kurzschluss. Wichtigster Kunde der abgebrannten Fabrik war den Angaben zufolge der deutsche Textildiscounter Kik. Von dem Unternehmen war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Der Rechtsanwalt der Überlebenden und Hinterbliebenen des Fabrikbrandes bei Ali Enterprises, Faisal Siddiqi, berichtete über die Mitte der Woche in Amsterdam fortgesetzten Verhandlungen mit Kik. Demnach will es der deutsche Textildiscounter offenbar bei einer Zahlung von einer Million US-Dollar (rund 740000 Euro) bewenden lassen und beruft sich unter anderem auf die Zertifizierung der Fabrik durch eine italienische Firma. Kik ist der Ansicht, mit der Million „sowohl zur kurzfristigen als auch zur langfristigen Unterstützung der Betroffenen bereits einen anteiligen Beitrag geleistet“ zu haben. Künftige Hilfen für die Opfer und Verletzten müssten „von einer breiten Allianz getragen und gemeinsam ermittelt werden“. Zu einem Treffen aller Beteiligten –darunter die Regierung Pakistans, Arbeitgeber- und Handelsverbände, Zertifizierungsfirmen, andere Großkunden – sei es leider „bisher nicht gekommen“. Für Frauke Banse ist das eine Vertragsverletzung. Die Summe sei in dem im Dezember 2012 geschlossenen Vertrag zwischen dem pakistanischen Arbeitsforschungsinstitut Piler und Kik als Einstieg gedacht gewesen. Auch seien Lücken und Fehler in der Zertifizierung der Fabrik unübersehbar.

Thomas Seibert von der Menschenrechtsorganisation medico international berichtete, viele Arbeiter hätten wegen des Fabrikbrandesihre Existenzgrundlage und ihre Wohnungen verloren und die Stadt verlassen müssen. Vielen fehle eine vernünftige medizinische Behandlung, wie etwa die Entfernung von Metallschienen aus dem Körper. „Es gibt eine absolute Notwendigkeit, dass die dort produzierenden Firmen ihrer Verantwortung nachkommen – aber sie tun es nicht“, beklagte Seibert.