Spektakulärer Prozess in Berlin Sollte ein Auftragsmörder eine Pferdewirtin töten?

28.01.2015, 09:45 Uhr

Eine junge Pferdewirtin aus Brandenburg soll einem Mordkomplott zum Opfer gefallen sein. Hat ihr Ex-Freund einen Auftragsmörder angeheuert? Es gibt fünf Angeklagte. Das Landgericht Berlin will am Donnerstag das mit Spannung erwartete Urteil verkünden.

Im Juni 2012 wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden: Christin R., 21 Jahre alt, Pferdewirtin. Keine 24 Stunden nach ihrem Tod wurde ihr Freund verhaftet: Robin H., 23 Jahre alt, Springreiter. Der junge Mann schwieg, doch die Ermittler entdeckten seinen Kontakt zu Tanja L. Die 26-Jährige aus Bocholt hielt den Befragungen nicht lange stand und erzählte den Ermittlern eine Geschichte, über welche die Nation seitdem nur entsetzt den Kopf schüttelt. Ihre Version eines perfiden Mordkomplotts schien so schlüssig, dass der Staatsanwalt sie komplett übernahm und daraus eine Anklage gegen insgesamt fünf Personen verfasste. Um die Schlüssigkeit dieser Anklage wird seit fast zwei Jahren vor dem Berliner Landgericht gerungen. Viele Zweifel wurden geäußert, begründete und an den Haaren herbeigezogene. In ihren letzten Worten vor der Urteilsverkündung beteuerte Tanja L., sie wolle lieber „an Stelle von Christin da unten liegen“, während ihre Mitangeklagten ihren Tatbeitrag abstreiten oder zu minimieren suchen. Das ist verständlich angesichts von 23 bis 25 Jahren Haft, die den meisten Angeklagten drohen.

2,4 Millionen Euro von acht Versicherungsgesellschaften

Tanja L. hatte den Ermittlern von Lebensversicherungen berichtet, die auf Christin R. abgeschlossen worden waren – angeblich, um den Kredit für den Kauf eines Pferdehofes in Wutzetz (Brandenburg) abzusichern. Dabei hatten Robin und seine Mutter Cornelia H. (57) nicht einmal einen solchen Kredit beantragt. Sie wollten die junge Frau lediglich töten und rund 2,4 Millionen Euro von acht verschiedenen Versicherungsgesellschaften kassieren.

Alibi an der Tankstelle

Den ersten Versuch startete Cornelia H. am Ostermontag 2012. Während ihr Sohn zu einer kilometerweit entfernt liegenden Tankstelle fuhr, um sich auf dem videoüberwachten Gelände ein Alibi zu verschaffen, griff sie auf dem Wutzetzer Gehöft dessen arglose Freundin hinterrücks an. Fünf Zentimeter tief stach sie in den Leib ihres Opfers. Wie durch ein Wunder wurden dabei keine inneren Organe verletzt. Trotz ihrer Verletzungen überwältigte Christin ihre Angreiferin, die nun mit „Wo bin ich?“-, „Wer seid ihr?“- und „Ihr müsst alle weg!“-Sprüchen auf Macke machte. Die Verletzte benachrichtigte ihren Freund. Der wiederum hoffte noch immer auf den Erfolg des Anschlags. So spät wie ihm mit Hilfe von Ausflüchten möglich chauffierte er Christin R. schließlich doch ins Krankenhaus.

Die Messerstecherin wurde weder in die forensische Psychiatrie noch in Untersuchungshaft gebracht, gegen sie wurde lediglich ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eröffnet. Christin R. zog zwar sofort zurück zu ihren Eltern nach Berlin und mied fortan das Alleinsein mit ihrem Freund, beendete die Beziehung aber nicht.

Gift im Sektglas

In dieser Zeit bändelte Robin H. mit der Reiterin Tanja L. an. Er spürte deren Manipulierbarkeit und brachte sie dazu, ihn bei seinem Plan zu unterstützen. Unter einem Vorwand traf sie sich mit Christin R. und kippte ihr Kaliumchlorid ins Sektglas. Doch das Gift wirkt nur tödlich, wenn es intravenös verabreicht wird.

Killer angeheuert

Nach diesen beiden Flops verfiel Robin H. auf die Idee, einen Killer anzuheuern. Und weil Tanjas Bruder schon einmal im Gefängnis gesessen hatte, sollte der ihm einen benennen. Sven L. vermittelte Steven Mc. A., den er in einer Einrichtung des Betreuten Wohnens kennengelernt hatte und der unter seinem Pantoffel stand: „Er war die Töle von Sven“, so ein Zeuge. Dieser anlehnungsbedürftige, aggressiv-gehemmte, lediglich wegen Sachbeschädigung vorbestrafte, damals 22-Jährige wurde nun am Dortmunder Hauptbahnhof zu Tanja L. in einen Mietwagen gesetzt.

Für 500 Euro getötet?

Bis zu diesem Punkt gleichen sich die Geschichte von Tanja L., auf welcher die Anklage basiert und auch die Aussage von Steven Mc A., der zwei Tage nach Tanjas Festnahme befragt wurde. Doch während Tanja L. darauf beharrt, dass der Freund ihres Bruders derjenige war, der für 500 Euro getötet haben soll, weist dieser mit Hilfe seiner Anwälte Jan-Henrik Heinz und Martin Rubbert die Schuld von sich. Deren durch Gutachten gestützte Version klingt so überzeugend, dass die Geschichte, die von Anfang an so schlüssig schien, nun gehörig ins Wanken gekommen ist.

Steven Mc A. will schon beim Einsteigen am Dortmunder Hauptbahnhof gesagt haben, dass er diesen Job nicht übernehmen würde. Um es sich aber nicht mit seinem einzigen Freund zu verderben und in der irrigen Hoffnung, Tanja und Robin würden es nicht ernst meinen, sei er eingestiegen.

Er wollte kein Auftragsmörder sein

In der Nacht erreichten sie den nördlichen Stadtrand von Berlin. Kurz bevor sie auf dem Parkplatz ankamen, wo sich Tanja mit Christin treffen wollte, stieg der Beifahrer aus dem Auto. Er stromerte dann in der Gegend herum und fragte nachweislich jeden Passanten nach einer Zigarette – um sich als Auftragsmörder zu disqualifizieren. Unterdessen sei Christin mit einer Freundin eingetroffen, so dass Tanja das Vorhaben zunächst abblies. Das Opfer fuhr nach Hause und wurde kurz darauf von Robin H. auf den Parkplatz bestellt. Diesmal kam Christin R. allein. Da habe sich Steven Mc A. neben sie gestellt und geglaubt, dann geschähe ihr nichts.

Seil um den Hals geschlungen

Plötzlich aber habe der hinter dem Opfer befindliche Robin H. Handschuhe sowie ein Seil aus seiner Tasche gefischt und es um den Hals der jungen Frau geschlungen. Robin H. habe dann die Leiche in ein Gebüsch gezogen und sei mit den Worten: „Alles muss man allein machen!“ wieder aufgetaucht.

Für die Fasern von Stevens fusselnder Hose, die man auf der Oberbekleidung des Opfers fand und die ihn stark belasten, gibt es ebenfalls eine Erklärung: Diese flogen durch die Luftverwirbelung im Auto herum und legten sich wie eine Decke in dem Mietwagen ab, auch auf Tanjas Weste. Als diese dann Christin R. bei der ersten Begrüßung umarmte, übertrugen sich die Fasern auf das Opfer. Wie sonst sollten sie denn sogar in Christins Auto geraten sein, wenn diese nach ihrem Tod dort nicht mehr eingestiegen war?

Von den Eltern geprügelt

Es bleibt die Frage, warum Tanja L. den Freund ihres Bruders so belastet? Die Antwort ist keine einfache, dafür muss man die Lebensgeschichte der von ihren Eltern geprügelten und vernachlässigten Frau kennen, die in ihrem Leben wenig Liebe, höchstens Mitleid bekommen hat. Wenn ihr das bei dieser Geschichte ebenfalls zuteil werden soll, muss sie diejenige sein, welche die größten Skrupel vor dem Mord gehabt hatte. Das funktioniert aber nicht, wenn sich herausstellt, dass sie sogar Gefallen an ihrer Rolle als Killerbraut fand und wenn es der von ihr beschuldigte Steven Mc A. war, der sich als Einziger gegen diesen kruden Auftrag gewehrt hatte.

Die Urteilsverkündung am 29. Januar gerät in dieser Frage zum Krimi.