Sängerin im Interview Katie Melua liebt deutsche Weihnachtsmärkte

Von Marcus Tackenberg | 21.09.2013, 01:59 Uhr

Popstar Katie Melua hat eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland. Vor allem liebt sie die Weihnachtsmärkte, wie sie im Interview mit unserer Zeitung verrät.

Das luxuriöse Hotel de Rome in Berlin bietet den passenden Rahmen für einen um den Globus jettenden Weltstar: Die georgischstämmige Sängerin Katie Melua ist aber im Interview mit unserer Zeitung alles andere als abgehoben und distanziert. Im Gegenteil: Die gerade 29 Jahre alt gewordene Britin überrascht mit Natürlichkeit und Kumpelhaftigkeit. Über ihre Kindheit erzählt sie ebenso freimütig wie über ihr Image und den Burn-out 2010.

Katie, wie erklären Sie sich Ihre große Popularität in Deutschland?

Schon der Beginn meiner Karriere war mit Deutschland verknüpft. Die erste Tour führte mich per Zug durch dieses schöne Land. Und ich war gleich verliebt. Die Menschen hier sind gastfreundlich und fragen mich immer, wann ich wiederkomme. Also komme ich.

Was gefällt Ihnen denn hier?

Ich liebe die deutschen Weihnachtsmärkte, die sind so süß und märchenhaft. Was ich generell an den Deutschen mag, ist, dass hier viele Dinge in der richtigen Weise angepackt werden – mit Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt und Professionalität. Außerdem werden Beschäftigte und Familien, aber auch Menschen, denen es nicht so gut geht, hier mehr als in vielen anderen Ländern vom Staat unterstützt.

Ende November treten Sie in Lingen auf. Haben Sie schon von dem Ort gehört?

Ich muss gestehen: Nein. Aber gerade das finde ich interessant. Wenn ich Zeit habe, fahre ich oft mit dem Fahrrad durch die Städte auf Tournee und entdecke etwas für mich. Mal schauen, was es in Lingen zu sehen gibt.

Ihr neues Album haben Sie nach Ihrem georgischen Vornamen Ketevan benannt. Berührt es mehr Ihre georgische Seele?

Ja, das kann man sagen, obwohl ich finde, dass mein georgisches Erbe immer eine Rolle in meiner Musik gespielt hat. Der Grund, dieses Album Ketevan zu nennen, ist, dass mit den Jahren in mir und meiner Musik immer mehr Seiten von Georgien durchscheinen. Außerdem habe ich diesmal einen Song dem berühmten georgisch-armenischen Regisseur Sergej Parajanow gewidmet. Zugleich kehre ich mit Ketevan ein Stück weit zum eigenen Songwriting zurück. Auf dem letzten Album hatte ich ja nicht so viel von mir dazugesteuert.

Hätten Sie Lust, mal ein Album mit georgischen Musikern zu machen, das noch stärker die Folklore des Landes einbezieht?

Das ist tatsächlich ein ganz großer Wunsch von mir. Ich hoffe, dass ich diesen Plan schon bald realisieren kann. Ich weiß noch nicht wann, aber ich werde auf jeden Fall mal mehrere Monate in Georgien verbringen, um in die dortige Musikszene einzutauchen. Aber auch, um die Kultur, die Atmosphäre und Gesellschaft wieder hautnah zu spüren und auf mich einwirken zu lassen.

Was bedeutet Ihnen das Land?

Oh, die Antwort würde das Interview sprengen, so viel könnte ich über meine Heimat erzählen.

Versuchen Sie es.

Ich bin in jedem Sommer für mindestens zwei Wochen in Georgien. Jedes Mal, wenn ich das Land wieder verlassen muss, weine ich. So tief werde ich von den Menschen und dem Leben dort berührt. Und gleichzeitig ist mir klar: Ich könnte dort wahrscheinlich nicht mehr leben. Ich bin jetzt eine Londonerin und an den Puls dieser Stadt gewöhnt. Ich habe dort meine Familie, Freunde, Job und meine Band. Aber wenn ich Georgien verlasse, weine ich trotzdem am Flughafen wie ein kleines Kind. Und das mit fast 30 Jahren – schon etwas peinlich.

Haben Sie noch viele Verwandte in Georgien?

Ja, sehr viele. Die Geschwister meiner Eltern mit ihren Familien.

Wie sah Ihre Kindheit aus?

Ich hatte eine wunderbare, unbeschwerte Kindheit. Dann brach 1991 die Sowjetunion zusammen, und Georgien wurde unabhängig. Plötzlich sahen wir im Fernsehen Reklame für westliche Produkte wie Colgate, Coca-Cola, Snickers und Wrigleys. Danach verschlechterte sich die Wirtschaft des Landes dramatisch, und immer öfter fiel der Strom aus.

Dann wurden die Kerzen herausgeholt.

Genau. Ich erinnere mich an viele Abende und Nächte ohne Licht, als wir nur bei Kerzenschein zusammensaßen und Mama am Piano spielte. Das waren ganz außergewöhnlich magische Momente, weil mich die Musik träumen ließ. Wir saßen da im dunklen Raum und hörten gebannt zu. Ich war stark berührt von der Magie. Diese Erlebnisse hatten einen großen Einfluss auf meine spätere Entwicklung als Musikerin.

Hatten Sie ein eigenes Haus?

Ja, ein großes Haus. Dort leben heute noch Oma und Opa. Damals lebten wir in einer wirklichen Großfamilie zusammen: Meine Großeltern, meine Eltern und die beiden Brüder meines Vaters. Mein kleiner Bruder war gerade geboren. Ständig waren meine Cousinen und Cousins bei uns.

Wie haben Sie die Emigration nach Nordirland verkraftet?

Es war eine aufregende Veränderung. Zu der Zeit, 1993, ging es den Menschen in Georgien sehr schlecht. Trinkwasser und Strom waren rationiert, die Schulen im Winter geschlossen, die Kriminalität war erschreckend hoch. Es herrschte Bürgerkrieg. Mein Vater wollte uns vor so einem Leben bewahren und uns eine gute Ausbildung und Zukunft geben. Er selbst wurde kaum noch bezahlt. Also beschlossen wir zu gehen.

Mit welchen Erwartungen?

Wir erwarteten Hollywood, so wie uns die Filme aus dem Westen suggerierten – aber ganz so war es nicht. Wir landeten in Belfast. Trotzdem war dort vieles besser: Ich erinnere mich, wie ich in der neuen Wohnung erst einmal eine ganze Wanne heißes Wasser mit Schaum einließ. Ich fühlte mich wie Julia Roberts in „Pretty Woman“. So etwas konnten wir in Georgien nicht tun. Ich war auch glücklich, wieder geregelt zur Schule gehen zu können. Wir hatten eine sehr angenehme Schule, wo eine nette Atmosphäre herrschte. Ich brauchte höchstens drei Monate, um im neuen Leben vollständig anzukommen.

Ihre Lieblingsfächer waren?

Geschichte, Chemie, Physik und Mathematik und Englisches Drama. Kurioserweise nicht Musik, denn ich hasste die Art, wie Musik unterrichtet wurde. Sehr steril und nicht emotional.

Hatte Ihr Vater gleich einen Job?

Ja, er erhielt ein Angebot, deswegen gingen wir nach Belfast. Mein Vater kam auch gleich gut klar mit der englischen Sprache. Meine Mutter hingegen weniger, deswegen war sie Hausfrau, besuchte aber später einige Sprachkurse.

Wie viele Sprachen sprechen Sie?

Englisch, Georgisch und auch Russisch, weil meine Oma halb russisch ist. Sie sprach immer Russisch mit mir.

Schlagen in Ihrer Brust zwei Herzen, ein georgisches und ein britisches?

Ich würde eher sagen, dass ich ein georgisches Herz und einen britischen Verstand habe. Ich bin eben in Großbritannien ausgebildet worden. Das heißt jetzt nicht, dass ich kein tiefes Gefühl für diese Seite von mir habe. Aber meine Denkweise und Werte sind mehr britisch.

Warum haben Sie „Love is like a thief“ dem Regisseur Sergej Parajanov gewidmet?

Seine Enkeltochter ist eine gute Freundin von mir. Je mehr ich über sein Leben erfuhr und über die Schwierigkeiten, als Künstler in der Sowjetzeit zu arbeiten, sich zu verwirklichen und Filme zu machen, desto mehr Gefühle entwickelte ich für ihn. Ich finde seine Lebensgeschichte einfach faszinierend. „Love is like a thief“ beschreibt das Leben ganz gut, und ich bin mir sicher, Parajanov würde dieses Lied sehr schätzen.

Wovon handelt der Song „Idiot School“?

Das ist ein ironischer Song, geschrieben von Mike Batt. Er hätte auch Comedian werden können, denn er erzählt immer Witze. Es geht um die Dummheit, eine Person, in die man verliebt ist, gehen zu lassen.

Sie arbeiten mit Mike Batt, Ihrem Entdecker und Produzenten, von Beginn an erfolgreich zusammen. Was bedeutet Ihnen diese Kooperation?

Ich erkenne jetzt nach zehn Jahren, wie ungewöhnlich es ist, im Musikbusiness so lange erfolgreich zu sein. Mike hat daran entscheidenden Anteil. Darauf bin ich stolz und auch auf die Beziehung zwischen Mike und mir. Er ist ein toller Songwriter, man kann sich seinen Liedern und den Texten gar nicht entziehen. Sie haben so viel Wärme, Charme und Lebensweisheit.

Gibt er Ihnen jede künstlerische Freiheit, oder fühlen Sie sich manchmal wie ein Vogel im goldenen Käfig?

Nein, überhaupt nicht. Vielleicht gab es am Anfang ein paar Auseinandersetzungen, und man musste natürlich eine gemeinsame Chemie entwickeln. Aber ich fühle mich nicht eingeengt. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich nicht als Solo-Künstlerin betrachte. Sondern wir verstehen uns als Team. Wir müssen uns dabei gegenseitig beeindrucken.

Beschreiben Sie mal die letzten zehn Jahre Ihres Lebens.

Die sind sehr schnell vergangen, es gab kaum Pausen. Es war ein großes Abenteuer, eine Achterbahn mit vielen Höhen, aber auch einigen Tiefen. Ich würde dennoch nichts ändern wollen, denn ich habe viel gelernt. Ich habe auch nichts zu bereuen.

Aber Sie hatten vor drei Jahren einen Burn-out – und das mit 26. Wie kam es dazu, hat Sie niemand gewarnt?

Mich konnte niemand warnen, denn nicht einmal ich habe die Zeichen gesehen. Außerdem habe ich niemanden konstant um mich herum gehabt, der mich gut genug kannte, sodass es vielleicht aufgefallen wäre. Ich habe mir einfach zu viel zugemutet, den Terminkalender zu voll gepackt. Ich selbst war mein schlimmster Feind, weil ich dachte, ich könnte alles schaffen wie ein „Super-Girl“. Das ist eine ganze wichtige Lektion für mich gewesen zu lernen, dass ich auf meine Gesundheit, meine Psyche und meinen Geist achtgeben muss. Das war ein großer Schock für mich.

Wie achten Sie jetzt darauf?

Man muss sich eingestehen, dass man ein menschliches Wesen ist und nicht alles selbst erledigen kann. Du kannst nicht ständig um die Welt fliegen und mit einem Schlafdefizit funktionieren. Ich habe einiges daraus gelernt.

Sind Sie eine Perfektionistin?

Wahrscheinlich, obwohl ich das nie von mir dachte. Ich wollte immer alles gelassen nehmen, aber im Grunde doch überall mein Bestes geben.

Viele Leute nehmen Sie eher als romantische Balladen-Königin wahr. Kennen die einfach nicht Ihre temperamentvolle Seite?

(lacht) Ich weiß nicht, es hängt wohl mit meinem Medienimage zusammen. Man kann das einfach nicht kontrollieren. Um diese Bestie zu greifen, musst du sie beißen. Das kostet natürlich viel Kraft und Energie. Ich konzentriere mich da lieber auf meine Musik. Zugegeben, viele Songs sind eher nachdenklich und melancholisch. Da kann der Eindruck entstehen, man sei immer so drauf. Aber ich kann auch anders. Ich gehe gerne auf Partys, tanze gerne und trinke auch mal einen Wodka.

Von Ihnen sind aber keine Affären bekannt. Lässt die Boulevardpresse Sie in Ruhe?

Ich habe von Anfang an allen, mit denen ich zusammenarbeite, klargemacht, dass ich ausschließlich über Musik reden möchte. Das klingt vielleicht abgehoben für ein damals 19-jähriges Mädchen, aber so war es. Außerdem ist es schwierig, ein Kind zu zwingen, etwas über sein privates Leben zu erzählen. Die Leute um mich herum haben das verstanden und mich darin unterstützt.

Was sind die Freuden und Vorteile, was die Enttäuschungen, wenn man Teil des großen Musikbusiness ist?

Der Vorteil ist, dass du etwas machen kannst, das du liebst. Für mich ist es immer noch das Größte, auf die Bühne zu gehen und mit meiner Band zu spielen. Ich genieße es, dem Publikum etwas zu geben, was nur für diesen Augenblick geschaffen ist. Es wird etwas kreiert, und dann ist es vergangen. Doch den Augenblick hat man zusammen geteilt. Der Vorteil ist außerdem, dass man finanziell ganz gut über die Runden kommt. Der Nachteil ist ein Mangel an Zeit, worüber ich mich immer sehr ärgere. Und man ist selten zu Hause.

Hassen Sie das Hotelleben mittlerweile?

Nein, es ist ja eine Notwendigkeit und zu einer Normalität in meinem Leben geworden.

Für andere wäre das der pure Luxus?

Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, muss man es sich gemütlich machen, weil man kein Zuhause hat. Ein Luxus-Hotel ist zwar kein Ersatz, aber ein guter Trost.

Was haben Sie denn so mit dem Geld gemacht, das Sie verdient haben?

Ich habe für mich und meine Eltern Häuser gekauft. Und ich bin auch in der Lage, meinen Verwandten in Georgien zu helfen.

Und wie sieht es aus mit der eigenen Familienplanung?

Oh, ich möchte gerne Kinder und Familie haben. Seit vergangenem Jahr bin ich verheiratet. James startet gerade seine neue Karriere mit Musik, deshalb warten wir noch damit.

Fahren Sie mit dem Ex-Motorradrennfahrer James Toseland auf der Überholspur?

(lacht) Das kann man wohl sagen. Er fährt ziemlich schnell. Ich saß auf dem Rücksitz seines Motorrads. Total verrückt.

Was tun Sie außerhalb der Musik mit großer Leidenschaft?

Ich liebe es zu lesen und gehe oft in Bibliotheken. Ich habe in meiner Jugend sehr viel Zeit in Bibliotheken verbracht. Ich liebe den Moment, vor einer riesigen Wand mit Büchern zu stehen und zu überlegen, welche Welt ich wohl mit diesem oder jenem Buch betreten würde.

Sie haben mal eine kleine Rolle in einem Trailer für einen Tarantino/Rodriguez-Film gespielt. Lieben Sie Horrorfilme?

Ich bin ein ganz großer Fan von Horrorfilmen. Vor allem als ich jünger war, habe ich kaum einen Thriller ausgelassen. Einer, der mich sehr beeindruckt hat, war „Das Waisenhaus“ von dem spanischen Regisseur Juan Antonio Bayona.

Fürchten Sie sich nicht?

Na klar, aber das Gänsehaut-Gefühl ist doch der Grund, warum man diese Filme guckt. (lacht)

Sie haben sogar mal 300 Meter unter der Nordsee am Boden einer Ölplattform gespielt. Was war denn das für eine Idee?

Man hat uns diese Sache als PR-Gag vorgeschlagen, und wir dachten: Cool, warum nicht. Vor Ort war auch alles unter Kontrolle. Nur der Aufzug, der uns runterbrachte, hat mich echt Nerven gekostet, weil er so gewackelt und gestottert hat. Die zehn Minuten in diesem Lift waren eine echte Herausforderung – die längsten zehn Minuten meines Lebens. Und das zweimal, denn wir mussten damit ja auch wieder hoch.

Katie Melua live:30. 11. Lingen, EmslandArena

Ketie Melua

wird als Ketevan Melua am 16. September 1984 als Tochter eines georgischen Herzchirurgen in Kutaissi geboren. Zusammen mit ihrem jüngeren Bruder wächst sie in Tiflis und Moskau auf. 1993 wandert die Familie aus und lebt fünf Jahre im nordirischen Belfast, bevor sie nach London zieht. Dort nimmt Katie im Jahr 2000 an der Talentshow „Stars Up Their Nose“ mit dem Mariah-Carey-Hit„Without You“ teil und gewinnt.

Auf der „Brit School For Performing Arts“ wird sie von ihrem späteren Manager, Songschreiber und Produzenten Mike Batt entdeckt. 2004 erscheint Katies Debütalbum „Call Of The Search“, danach geht die Karriere mit vielen Chart-Hits wie etwa„Nine Million Bicycles“und Welttourneen steil nach oben. 2010 muss Melua wegen eines Burn-outs monatelang pausieren. Seit 2012 ist sie mit James Toseland (Foto) verheiratet.